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Fokus Osteuropa

Gemeinsames Gedenken in Belarus

Die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg hat etwa ein Viertel der weißrussischen Bevölkerung das Leben gekostet. In Chatyn gedachten erstmals Deutsche und Belarussen gemeinsam des Kriegsendes vor 60 Jahren.

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So sehen die offiziellen Gedenkfeiern in Belarus aus

Die Glocken von Chatyn läuten zur Mahnung und Erinnerung. Ihr Klang verliert sich über sanften Wiesen und Hügeln. Wie Schornsteine abgebrannter Höfe ragen die Glockentürme in den Himmel. Jeder Turm trägt eine Tafel mit den Namen derjenigen, die hier einst gewohnt haben - bevor die SS alle 26 Bauernhöfe vernichtete und die Bewohner bei lebendigem Leib in der Scheune verbrannte. Die Glocken von Chatyn erklingen heute über einem Massengrab. Skulpturen und Inschriften erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus. "Friedhof der Dörfer" heißt die Gedenkstätte auch, denn sie steht für 186 Orte, die von den deutschen Besatzern in Schutt und Asche gelegt wurden.

Neuartiges Gedenken

Erstmals kamen jetzt deutsche und belarussische Gruppen, Zeitzeugen, Veteranen, ehemalige Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge zusammen, um in der belarussischen Hauptstadt gemeinsam des Kriegsendes zu gedenken: Anders als bisher üblich und anders, als von der Staatsführung vorgesehen. Kosma Kusmin von der Geschichtswerkstatt Minsk betont: "Die staatlichen Strukturen bestimmten bisher Zeit, Tag, Ort und Ablauf solcher Veranstaltungen. Dieses hier ist aus der Gesellschaft entstanden - von zwei Seiten: der deutschen und der belarussischen."

Die von einer Bürgerinitiative betriebene Geschichtswerkstatt befindet sich auf dem Gelände des ehemaligen Minsker Ghettos. Spuren des Grauens findet man hier nicht mehr. In der Nähe stehen mitten im Park drei Gedenksteine. Deutsche Gruppen haben sie hier errichtet. Sie erinnern an Juden, die aus Deutschland nach Minsk und dann weiter zur Vernichtung deportiert wurden. Hier gedenken Deutsche und Belarussen gemeinsam der Befreiung vom Naziregime, aber auch seiner Opfer. Ein Teilnehmer sagt: "Der Krieg hat unermessliche Opfer gefordert. Der Vernichtungskrieg der Nazis war auch ein rassistischer Krieg. Der Massenmord an ost-europäischen Menschen, an Juden, Sinti und Roma, war eine Katastrophe für die Völker Europas und das belarussische Volk besonders. Das ist nicht vergessen! Wir erinnern an alle Opfer von Krieg und Rassismus in gleicher Weise."

Auf keinen Fall vergessen

Schweigend ziehen mehrere hundert Menschen zur "Jama", was hier soviel wie "Grube" heißt. An die schauerlichen Massenerschießungen von Juden erinnert eine ergreifende Skulptur verzweifelter Männer, Frauen und Kinder, die den Abhang hinunterstolpern auf ihrem letzten Weg. Heute gibt es hier gepflegten Rasen, frische Frühlingsknospen an den Bäumen, eine Gedenkstele - und ganz viele Plattenbauten rundum. Mitglieder jüdischer Gemeinden sind gekommen, ein Rabbiner singt ein hebräisches Gebet. Ein Überlebender meint: "So ein Tag ist schwer, aber das muss sein, weil die Welt und die Jugend und alles muss begreifen und sehen, man muss reden, erzählen. Vergessen kann man es auf keinen Fall. Ich hab gelebt im Ghetto, in Gluboki, meine Eltern und Geschwister verloren, die wurden verbrannt am lebenden Leibe."

Belarussische Schicksale

Immer wieder sind es Lebens- und Überlebensgeschichten, die an diesem Tag zwischen Deutschen und Belarussen ausgetauscht werden. Eine weißrussische Frau berichtet: "Mein Mann war als so genannter Ostarbeiter in Gardensleben in einer Fabrik eingesetzt. Dort hat er seine Gesundheit verloren. Sein ganzes Leben war er krank. Man hat ihn unterstützt, als Ostarbeiter hat er etwas Hilfe von der Stiftung "Versöhnung und Verständigung" bekommen, trotzdem waren die ersten Auszahlungen klein - 500 Mark haben sie uns gegeben."

Vom Konzentrationslager Trostenez weiß man im Westen Europas so gut wie nichts. Mehr als 200.000 Menschen sind hier im Wald zu Tode gekommen, erschlagen, verhungert, verbrannt. Redner der Kundgebung sprechen von einer Tragödie, die nicht vergessen werden darf, aber auch von einer gemeinsamen friedlichen Zukunft. Eine Reihe junger Leute hat sich unter Veteranen und ehemalige Ghettohäftlinge gemischt. Sie sind aus unterschiedlichen Gründen gekommen: "Viele sprechen und schreiben vom Krieg, mir ist es sehr wichtig, diese Orte mit eigenen Augen zu sehen. - Es ist eins, Geschichte aus dem Lehrbuch zu hören, etwas anderes, hier zu sein, in Chatyn und an anderen Orten."

Auf dem Weg zurück nach Minsk passieren die Busse eine Anzahl schlichter Holzkreuze am Waldrand. Sie rahmen Kurapaty ein, einen Erschießungsplatz des früheren sowjetischen Geheimdienstes NKWD. 200.000 Menschen kamen hier in den Jahren des Stalin-Terrors zwischen 1939 und 1941 ums Leben. Dieser Teil der belarussischen Geschichte wartet noch auf seine Erschließung. Drei offiziell beauftragte Historiker-Kommissionen haben das Kapitel zu den Akten gelegt.

Cornelia Rabitz
DW-RADIO/Russisch, 3.5.2005, Fokus Ost-Südost