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Europa

Gemeinsam gegen Europa

Jubel für Euro-Kritiker Nigel Farage: Die europaskeptische Alternative für Deutschland (AfD) sonnt sich im Ruhm des UKIP-Chefs. Doch eine Zusammenarbeit mit den britischen Euro-Kritikern schließt die AfD aus.

Bis auf den letzten Platz ist der Saal besetzt. Die angespannte Stille löst sich in tosendem Applaus auf, als Nigel Farage, Vorsitzender der UK Independence Party (UKIP), das Podium betritt. Violett-gelbe UKIP-Fahnen werden geschwenkt. Die Stimmung ist aufgeheizt, vorbereitet durch die europakritischen Parolen seiner Vorredner Marcus Pretzell, Bundesvorstandsmitglied der AfD, und Martin Renner, AfD-Gründungsmitglied.

Die Junge Alternative, die Nachwuchsorganisation der

Alternative für Deutschland (AfD)

, hat sich diese Veranstaltung in einem der teuersten Hotels in Köln direkt am Rhein einiges kosten lassen. Doch wirklich jung sind an diesem Abend lediglich die Veranstalter. Die Mehrzahl der Zuhörer ist weit jenseits der fünfzig, gut-bürgerliche Kleidung herrscht vor: klassische Anhänger der AfD.

Eigentlich hatte der Bundesvorstand der AfD noch auf ihrem letzten Bundesparteitag deutlich gemacht, dass Kontakte zur

UKIP

unerwünscht sind. Warum also nun die gemeinsame Veranstaltung? Der nordrhein-westfälische Spitzenkandidat der AfD, Marcus Pretzell, versucht sich an einer Erklärung: "Wir wollen Debatten in Deutschland anstoßen und dazu zählt auch, dass man debattiert – mit wem auch immer. Dazu zählt die UKIP wie auch jede andere demokratische Partei in Europa." Das heiße allerdings nicht, dass die AfD mit ihr im Europäischen Parlament zusammen arbeiten wolle. Nigel Farage sei zwar ein schillernder Politiker, aber Deutschland sei keine Insel im Atlantik, sondern liege mitten in Europa. Da seien andere Ansichten nötig.

Deutsch-britische Völkerverständigung in Tweed

Von diesen Unstimmigkeiten abgesehen, wurde an diesem Abend nichts dem Zufall überlassen: Journalisten mussten eine schriftliche Vereinbarung zur Veröffentlichung von Bild- und Tonmaterial unterzeichnen, kritische Nachfragen waren während der Pressekonferenz nicht erwünscht. Und auch während der Podiumsdiskussion mit Nigel Farage und Marcus Pretzell wurden nur ausgewählte Fragen zugelassen, die schriftlich vorher eingereicht werden mussten. Da wirkte selbst der dunkelgrüne Anzug mit Weste aus englischem Tweed-Stoff und roter Krawatte von Marcus Pretzell, der sich sonst eher in Jeans locker und bürgernah gibt, inszeniert. Und auch die violetten Pfund-Zeichen auf den schwarzen Socken von Nigel Farage, die seine hochrutschenden Hosenbeine offenlegten, schienen wohlüberlegt.

Nigel Farages Socken tragen das englische Pfund-Emblem in violett. Foto: Junge Alternative.

Selbst die Socken zeugen von Farages britischem Nationalstolz

"Liberal-konservativ und bürgernah" - so beschreibt Pretzell seine AfD. Populistisch möchte er nicht genannt werden. Auch sei die AfD nicht politisch rechts einzuordnen, betonte er im Interview mit der DW. Bei AfD-Gründungsmitglied Martin Renner hört sich das allerdings anders an: "Deutschland muss darauf bestehen, dass alle Einwanderer unsere Werte, die Bräuche, unsere Rechts- und Moralvorstellungen, so wie das kulturelle Erbe für sich annehmen und auch leben wollen." Die Assimilation von Parallelgesellschaften, die drohende zunehmende Islamisierung in den Städten und die Armutseinwanderung - das sind Floskeln, die er immer wieder gebraucht.

Krawallmacher macht Stimmung gegen EU

"Jede Woche kommen 4000 Zuwanderer in das Vereinte Königreich", bläst Nigel Farage ins gleiche Horn. Er genießt sichtlich die Aufmerksamkeit, macht kunstvolle Pausen, gestikuliert, nutzt den gesamten Platz der Bühne, erntet Gelächter. Würden die Schilder an den Saaltüren nicht auf den Veranstalter hinweisen, könnte man fast meinen, man befände sich im politischen Kabarett. Doch das ist nicht so.

Nigel Farage ist Vorsitzender der UKIP, einer europafeindlichen und rechtpopulistischen Partei in Großbritannien, die dort zunehmend Stimmen gewinnt. Er ist ein absoluter Gegner der Europäischen Union, sein erklärtes Ziel: Großbritannien aus der EU zu lösen. Längst ist der Abgeordnete im Europäischen Parlament als Krawallmacher bekannt.

UKIP-Anhänger halten bei der Veranstaltung der Jungen Alternative UKIP-Schilder hoch. Foto: Junge Alternative.

Eurokritische UKIP-Anhänger und Farage-Fans kamen in Köln zusammen

Sein gespanntes Verhältnis zu Martin Schulz, seine provokanten Äußerungen über van Rompuy oder auch das rigide Vorgehen von Angela Merkel während der Eurokrise ernten immer wieder Lacher und Applaus - auch beim Kölner Publikum: "Die Bekanntheit von Herman van Rompuy lag in ganz Europa bei zwei Prozent. Und nach meiner Beleidigung stieg sie auf vier Prozent", tönt Farage. Ob seine Aussagen stimmen oder nicht, ist ihm egal. Hauptsache, der Applaus stimmt. "Die Vielfalt in Europa wird reduziert auf eine blaue Flagge mit gelben Sternchen, einem schönen Stück von Beethoven, das zu einer Hymne umgewandelt wird, und einem Kerl aus Belgien als "Präsident": Da stimmen sie mir sicher zu, dass das alles nichts mit Europa zu tun hat."

Vergleich mit Sowjet-Zeiten

Farage sieht das Gebilde der EU als einzige Lüge. Das Ziel sei immer gewesen, die "Vereinigten Staaten von Europa" zu errichten. Ein Gebilde, das der ehemaligen Sowjetunion mit ihrer undemokratischen Führung gleichen werde und von Beginn an zu Lasten der wirtschaftlich starken Staaten im Norden Europas gehe. Doch dort wehe jetzt ein euroskeptischer Wind, wettert der UKIP-Vorsitzende vom Rednerpult. "Ich kann Ihnen nicht sagen, ob es zwei Jahre oder fünf Jahre dauern wird. Aber ich kann Ihnen sagen, der Euro wird sich nicht halten." Die EU schließe Demokratie aus - also müsse sie und damit auch das Europäische Parlament abgeschafft werden.

Provokant und weichgespült

Bundesvorstandsmitglied der Alternative für Deutschland, Marcus Pretzell, steht hinter dem Rednerpult bei einer Veranstaltung der Jungen Alternative. Foto: Junge Alternatve.

Streitet um seinen Sitz im EU-Parlament: Marcus Pretzell

Das allerdings geht dem NRW-Spitzenkandidaten der AfD Marcus Pretzell zu weit. Schließlich will er bei der kommenden Europawahl ins Europaparlament gewählt werden. Nach dem Wegfall der Drei-Prozent-Hürde stehen seine Chancen gut. Für ihn sind Reformen der gesetzgebenden europäischen Institutionen, wie EU-Kommission, EU-Parlament oder Ministerrat, ausreichend. Das sei ein großer Unterschied zwischen der AfD und der UKIP, betont er. Die Wähler sollten in die gesetzgebenden Prozesse mehr eingebunden werden. Eine Methode, die im Vereinten Königreich in Form von Referenden bereits praktiziert werde und sowohl in Deutschland als auch auf europäischer Ebene fehlten. "Das Schöne an der UKIP und der AfD ist: Wir haben zwar den gleichen Weg, aber nicht die gleichen Ziele."

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