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Kultur

Gemeinsam für die Stadt der Zukunft

Die Transition Town-Bewegung in Deutschland will Kommunen fit machen für ein Leben ohne Erdöl. Jeder einzelne Städter soll einen kleinen Beitrag leisten. Auch die Beamtenstadt Münster will den Wandel schaffen.

Das Wasser will einfach nicht kochen. Eigentlich kein Wunder. Der Topf ist viel zu groß für den kleinen Campingkocher. Cornelia Dorsch hebt noch einmal den Deckel hoch, um zu sehen, ob sie das Gemüse hinzufügen kann. Auf einem Klapptisch auf dem Servatiiplatz in Münster liegen: Rosenkohl, Karotten, Sellerie. In einer Stunde soll es Suppe geben. Für alle, die vorbeikommen und Hunger haben. Umsonst. Die Zutaten stammen vom Wochenmarkt. Dort wurden sie ausrangiert, weil sie schon dunkle Stellen hatten. Wenn Cornelia Dorsch sie nicht abgeholt hätte, wären sie auf dem Müll gelandet. Auch das ist "Transition Town": Wegwerfgemüse verwerten, eine Mahlzeit ohne Fleisch kochen, Menschen zusammenbringen, privates Engagement.

Die Kochaktion nennt sich "Aufessen". Der Schauplatz ist nicht zufällig gewählt: Der Servatiiplatz liegt mitten in der Innenstadt der Beamten- und Studentenstadt Münster, wo möglichst viele Menschen vorbeiflanieren. Sie sollen angesteckt werden von der Idee der Stadt im Wandel. "Vielleicht gibt es Leute, die künftig nachdenken, bevor sie ihr Gemüse wegschmeißen, nur weil es eine Matschstelle hat, das wäre ja schon mal ein Anfang" Noch sind es wenige, zu wenige, findet Cornelia Dorsch und hebt noch einmal den Deckel des Topfs hoch, indem endlich das Wasser sprudelnd kocht.

Das Thema ist ernst

Thema: Auf der Suche nach der postfossilen Stadt Die Transition Town-Bewegung in Deutschland will Kommunen fit machen für ein Leben ohne Erdöl. Jeder einzelne Städter soll einen kleinen Beitrag leisten. Auch die Beamtenstadt Münster ist eine Stadt im Wandel. Fotos: Sabine Oelze Zulieferer: Sabine Oelze Aus Wegwerfgemüse wird eine Suppe gekocht.

Gemüse für die Gemeinschaftssuppe

Lange Jahre war in Deutschland von Stadtflucht die Rede. Neuerdings hat sich das umgedreht. Die Deutschen haben wieder Lust auf das Leben in der Stadt – und wollen dabei mithelfen, sie lebenswerter zu machen. Die Initiative "Transition Town" will dafür sorgen, dass sich die Städte auf Dauer vom Erdöl unabhängig machen, weniger Energie verbrauchen und Nahrungsmittel aus der Region verarbeiten. "Aufessen" ist keine Revolution, aber ein kleiner Schritt in die richtige Richtung: Weltweit nennen sich 380 Städte Transition Towns. In Deutschland sind es bereits 40 Initiativen, die das urbane Leben nachhaltig umgestalten wollen. Interessant dabei ist, dass die Aktivisten nicht wie in den 70er und 80er Jahren aus einer linksalternativen Ecke kommen, sondern ganz normalen Berufen nachgehen oder noch studieren.

Angefangen hat es 2006 in Südengland. Die Bewohner der Stadt Totnet haben als erste ihre Gemeinde zur "Transition Town" ernannt. Der Gründer der Bewegung Rob Hobkins hat mit seinem Handbuch "Energiewende" viele zum Nachmachen angeregt. Er gibt darin eine "Anleitung für zukunftsfähige Lebensweisen".

Experiment Münster

Thema: Auf der Suche nach der postfossilen Stadt Die Transition Town-Bewegung in Deutschland will Kommunen fit machen für ein Leben ohne Erdöl. Jeder einzelne Städter soll einen kleinen Beitrag leisten. Auch die Beamtenstadt Münster ist eine Stadt im Wandel. Fotos: Sabine Oelze Zulieferer: Sabine Oelze Gemeinschaftliches Suppekochen.

Kochen auf dem Occupy-Gelände in Münster

Auch Georg Heinrichs ist von Hobkins Ideen begeistert. "Wir wollen helfen, dass die Stadt Münster resilient wird", sagt Heinrichs, der die Transition Town Münster mitgegründet hat. Resilienz bedeutet Widerstandskraft. Die Fähigkeit, auch in extremen Situationen durchzuhalten.

"Resiliente Stadt" nennt sich auch seit März diesen Jahres ein Förderprogramm des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung. Städte sollen autarker werden im Hinblick auf den Energieverbrauch und die Versorgung mit Nahrungsmitteln. In den Augen der Transition Town-Initiatoren handelt die Politik allerdings viel zu langsam. Sie wollen nicht auf staatliche Maßnahmen warten, sondern sich auf eigene Faust für das Leben nach dem Öl vorbereiten. "Die Leute sollen hier und jetzt anfangen umzudenken und andere Wege zu gehen als die konventionellen", fordert Cornelia Dorsch.

Carsharing, nachbarschaftliche Nutzung von Geräten oder Tauschringe gehören genauso zur Transition Town wie Energie auf dem eigenen oder angemieteten Dach herzustellen. Manche Utopien sind Realität geworden. Überall in Deutschland entstehen derzeit urbane Gärten. Georg Heinrichs, der in einer Brache am Stadtrand bereits einen interkulturellen mobilen Garten initiiert hat, träumt von zentral gelegenen Parkflächen: Mitten in der Stadt sollen Nutzpflanzen wachsen, die jeder ernten kann. Es klingt ein bisschen wie aus der Zeit gefallen, wenn die Transition- Town-Aktivisten über ihr Projekt reden, vor allem wenn es darum geht, verlernte Fähigkeiten wieder zu lernen. Reskilling nennt dies der Geoökologe und Professor für Landschaftskunde in der Universität Münster Tillmann Buttschardt. "Reskilling ist eine große Chance. Dazu gehören: Kochen, Haltbarmachen von Nahrungsmitteln oder auch traditionelle Handwerkskünste: Mein Großvater war Seilermeister, das kann ja heute keiner mehr."

Finger weg vom Öl

Thema: Auf der Suche nach der postfossilen Stadt Die Transition Town-Bewegung in Deutschland will Kommunen fit machen für ein Leben ohne Erdöl. Jeder einzelne Städter soll einen kleinen Beitrag leisten. Auch die Beamtenstadt Münster ist eine Stadt im Wandel. Fotos: Sabine Oelze Zulieferer: Sabine Oelze Vegan, Lebensmittel

Transition Town Münster ist eine von 40 Initiativen bundesweit

Tillmann Butschardt ist nicht nur ein genauer Beobachter der Transition Town-Bewegung. Er will auch penibel durchrechnen, wie viel regenerative Energien Münster braucht, um sich unabhängig vom Öl zu machen. Im Wintersemester dieses Jahres startet er an der Universität ein Peak Oil-Seminar, in dem er Experten aus dem Gebiet postfossile Energie zu Wort kommen lässt. "Peak Oil ist der Gipfelpunkt der Ölförderung, wo nicht mehr nachgeliefert werden kann, aber der Markt mehr verlangt. Wir wollen untersuchen, auf welche Gesellschaftsbereiche in Münster das Auswirkungen hat und wie man sich in der Stadt schon jetzt drauf einstellen kann, um rechtzeitig die Weichen zu stellen." Für den Geoökologen sind die Mitglieder der Transition Town-Bewegung deshalb echte Zukunftspioniere. Denn die Energiewende ist auch eine Wende hin zu einem neuen Gemeinschaftssinn. Die Erde ist ein Planet für alle. In der Transition Town können wir anfangen, uns daran zu gewöhnen, dass wir nicht alleine, sondern nur gemeinsam stark sind.