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Kultur

Gemütlichkeit statt Design

Offene Grundrisse, karge Einrichtung - nicht mit den Deutschen. Eine Studie hat herausgefunden: Die breite Masse mag es gemütlich statt modern oder minimalistisch.

Leo Lübke ist ein höchst stilvoller Mann. Geschwungene Designerbrille, dunkler Anzug, handgenähte Schuhe. Und er hat eine Mission: Die Deutschen sollen geschmackvoll wohnen – eher minimalistisch, mit wenigen ausgesuchten Möbeln. Ob die Realität so aussieht, war Leo Lübke bis vor kurzem unbekannt. Da traf es sich gut, dass sein Unternehmen, der nicht ganz billige Möbelhersteller Interlübke, 75. Firmenjubiläum feierte. Leo Lübke schenkte sich und der Belegschaft eine Studie über das Wohnverhalten der Deutschen. Diese wurde durchgeführt vom Meinungsforschungsinstitut Emnid, das schon 1961 und 1989 einen Blick in deutsche Wohnzimmer geworfen hatte. Was in der aktuellen Studie herauskam, war überraschend bis bestürzend. Zumindest für einen Edelmöbelhersteller.

Alles schön getrennt

Portrait Leo Lübke

Minimalismus-Fan: der Möbelhersteller Leo Lübke

Am Wohngeschmack der Deutschen hat sich seit fünf Jahrzehnten kaum etwas geändert. So propagieren zwar Architekten und Innenausstatter den offenen Grundriss und loftartige Räume, in denen Arbeits- und Wohnbereiche miteinander verschmelzen. Doch viele ältere Wohngebäude geben das allein baulich nicht her. Und viele Deutsche wollen auch gar nicht so leben.

73 Prozent möchten in ihrer Küche vor allem kochen. 78 Prozent verbannen grundsätzlich ihren Computer und jegliches andere Arbeitsgerät aus dem Wohnzimmer. Nur sechs Prozent nutzen einen offenen Raum für alles. "Da merken wir als Profis, dass wir doch im Elfenbeinturm gelebt haben", gibt Leo Lübke unumwunden zu. "Wohnen hat eben viel mit Gewohnheiten und Traditionen zu tun. Man richtet sich so ein, wie es die Eltern schon getan haben.

Wohnen wie bei Muttern
 

Schrankwand

Rustikales Relikt - die Schrankwand

Ein Blick auf die einzelnen Einrichtungsgegenstände bestätigt das. Noch immer gehört für 95 Prozent eine möglichst ausladende Sitzgarnitur ins Wohnzimmer, dicht gefolgt vom Fernseher und vom Couchtisch (78 Prozent). Selbst auf Gardinen (77 Prozent), Tapeten (64 Prozent) und Teppiche (61 Prozent) will die Mehrheit nicht verzichten. Was Designern als Inbegriff der Spießigkeit gilt, wird von der Mehrheit der Deutschen heiß geliebt. Die meisten lassen sich auch nicht von schicken Einrichtungszeitschriften und Designbibeln inspirieren, sondern suchen Rat bei der Familie (83 Prozent) und bei Freunden (62 Prozent). Beim Möbelkauf achten sie mehr auf die Funktionalität und auf den Preis als auf die Gestaltung.

My home is my castle

Muslime Gebet Flash-Galerie

Teppiche zum Wohlfühlen

Wie diese Zahlen zu interpretieren sind, hat Meinungsforscher Klaus-Peter Schöppner vom Emnid-Institut einiges Kopfzerbrechen gekostet. Hier die Designprofis, da das gleichgültige Wohnvolk? "Das wäre zu kurz gegriffen", meint er. Denn auch das hat seine Studie ergeben: Den Deutschen ist ihre Wohnung so wichtig wie noch nie. Sie führt die Liste der zentralen Lebensbereiche mit 68 Prozent sogar an. Wie sie ihre Freizeit gestalten, empfinden demgegenüber nur 58 Prozent als "sehr wichtig". Das vermeintlich liebste Kind der Deutschen, das Auto, landet mit 37 Prozent abgeschlagen auf Rang drei. "Die Deutschen wohnen also durchaus bewusst", fasst Schöppner zusammen. "Sie wollen sich dabei nur von niemandem reinreden lassen." In einer Zeit, in der viele Deutsche immer länger und härter arbeiteten, nehme paradoxerweise die Bedeutung der eigenen vier Wände zu. Man sehne sich nach einem Ort, an dem alles ganz genau so ist, wie man es sich selbst ausgesucht hat. Ein Ort, wo der Entspannung nichts im Wege steht, auch kein selbst auferlegter Designzwang.

Wohnblogs statt Hochglanzmagazine

Design-Zeitschriften

Schöne, bunte Wohnwelten. Leider inspirieren sie die Deutschen nicht.

Dass Wohnungen Spiegel der Seele sind, weiß man auch beim Wohnblog "Freunde von Freunden". Frederik Frede und Tim Seifert porträtieren seit drei Jahren Menschen in ihren Wohnungen. Damit laufen sie mittlerweile so manchem kühl-gestylten Einrichtungsmagazin den Rang ab. Das Auswahlprinzip ist simpel. Die beiden besuchen nur Menschen, die sie selbst kennen - entweder direkt oder über Bekannte. Es sind eben "Freunde von Freunden". Und das kann ein Jung-Unternehmer genauso sein wie eine Künstlerin oder ein Surflehrer.

"Egal, wie viel Geld die Leute für ihre Einrichtung zur Verfügung haben", meint Tim Seifert, "wir sind eigentlich immer total begeistert, wie stimmig Person und Wohnung sind." Für die beiden Wohnblogger ist die neue Studie deshalb auch gar nicht so überraschend oder gar erschütternd. Letztlich sei sowieso jeder sein eigener Designer. Die Zeiten, in denen ein paar Gurus zeigten, wo es wohntechnisch langgeht, seien vorbei.

Von Schlafzimmern und Schrankwänden

Auch Leo Lübke, Auftraggeber der Studie, ist mittlerweile mit dem Ergebnis halbwegs versöhnt. Immerhin seien auch für die eigene Unternehmensstrategie ein paar wichtige Einsichten herausgesprungen. Zum Beispiel wollen die Deutschen aus ihrem Schlafzimmer weder ein Fitnessstudio mit Crosstrainer noch einen Fernsehraum mit Sitzecke machen. Beides hatten Wohnexperten schon einmal vorausgesagt. "Jetzt müssen wir uns wenigstens keinen Kopf mehr um Wohnmöbel für das Schlafzimmer machen", so Leo Lübke. "Die Leute wollen dort ein Bett und einen Kleiderschrank und mehr nicht."

Wohnblog Freunde von Freunden

Wohnblog "Freunde von Freunden"

An der Abschaffung eines liebgewonnenen Möbelstücks werden die Designer aber weiter arbeiten. Die Schrankwand, prophezeit Möbelhersteller Lübke genauso wie Meinungsforscher Klaus-Peter Schöppner, werde keine große Zukunft mehr haben. Im Zeitalter von EBooks und IPads bräuchten die Deutschen einfach nicht mehr soviel Stauraum. Der Trend gehe eher zur kleinen Form. Setzkästen für einige ausgewählte Erinnerungsstücke statt meterlange Schrank- und Regalhöllen in Eiche rustikal. Ob sie richtig liegen? Zeigen wird es irgendwann die nächste Wohnstudie.

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