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Asien

"Gemäßigte Taliban gibt es nicht"

Die USA wollen im Afghanistan-Konflikt auch mit "gemäßigten" Taliban sprechen. Was bedeutet das für die politische Entwicklung am Hindukusch? Fragen an Citha Maass, Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

Frauen in Burkas (Foto: AP)

Demokratie und Menschenrechte müssen warten, wenn die Taliban wieder mehr Macht in Afghanistan bekommen

DW-WORLD.DE: US-Präsident Obama hält die Zeit für einen Strategiewechsel in Afghanistan gekommen und möchte dazu auch mit "gemäßigten" Taliban verhandeln. Frau Maass, wie hat man sich "gemäßigte" Taliban denn vorzustellen?

Citha Maas: "Gemäßigte" Taliban gibt es eigentlich nicht. Ich möchte lieber den Ausdruck "gesprächsbereite" Taliban benutzen. Es laufen derzeit offenbar Geheimverhandlungen in Saudi-Arabien, an denen Vertreter der afghanischen Regierung teilnehmen, an denen aber auch ein hochrangiger Vertreter von Mullah Omar teilnimmt. Dieser Vertreter wird natürlich kein "gemäßigter" Talib sein, ist aber offenbar autorisiert worden, an den Gesprächen teilzunehmen. Diese Gespräche sind auch keine Verhandlungen - sie finden im informellen Bereich statt. Es wird aus meiner Sicht kein unterschriftsreifes Protokoll geben - wenn es überhaupt zu einem Ergebnis kommt.

Neue Qualität der Gespräche

Citha D. Maass (Foto: SWP)

Dr. Citha Maass von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik

Sind die Taliban denn eine homogene Gruppe oder gibt es tatsächlich ganz unterschiedliche Strömungen?

Wenn wir uns erst einmal nur auf die afghanischen Taliban konzentrieren, dann ist das schon eine sehr heterogene Interessenallianz. Die wichtigste Gruppe ist die von Mullah Omar angeführte Spitze der Taliban und Neo-Taliban, die jetzt dezentral organisiert ist. Dazu gehören aber auch regionale Machthaber unter den Paschtunen, aber auch Drogenbarone, die auf beiden Seiten aktiv sind, also auch auf der Seite der afghanischen Regierung. Schon seit Jahren führen die Briten auf lokaler Ebene Gespräche. Neu sind diese strategischen Geheimgespräche, die jetzt in Saudi-Arabien stattfinden mit Unterstützung der Briten und wohl auch mit dem Wohlwollen der Amerikaner. Diese Gespräche passieren nicht mehr nur auf lokaler Ebene und das ist eine neue Qualität.

Auf der einen Seite kommt hier ein Gesprächsangebot der USA, auf der anderen Seite wollen die Amerikaner ihre Truppen in Afghanistan weiter aufstocken - wie passt das zusammen?

Man kann in solche Gespräche natürlich am Besten aus einer Position der Stärke hineingehen. Das erklärt den amerikanischen Truppenaufbau. Umgekehrt werden natürlich auch Vertreter von Mullah Omar, also der Kerngruppe der Taliban, ihre Anschläge genauso verstärken, weil auch sie versuchen, aus einer Position der Stärke in diese Gespräche hineinzugehen. Das heißt, wir haben auf der einen Seite ein verschärftes militärisches Vorgehen, auf der anderen Seite eben geheime Gespräche, die über bloße Kontakte inzwischen hinausgehen. So eine Strategie ist eigentlich typisch für die britische Tradition der Aufstandsbekämpfung.

Demokratie nicht in den nächsten zehn Jahren

Militärfahrzeige (Foto: AP)

Mehr US-Soldatan sollen gegen die Aufständischen kämpfen

Wenn der Westen jetzt tatsächlich mit den Taliban verhandeln sollte, was passiert dann mit den erklärten westlichen Zielen, nämlich Rechtsstaatlichkeit und Demokratie in Afghanistan aufzubauen?

Wir haben im letzten Jahr schon realistisch sehen müssen, dass wir in dieser Generation keine Demokratie in Afghanistan aufbauen werden. Sondern dass diese Prozesse der gesellschaftlichen Veränderungen über eine Generation hinausgehen. Wenn wir an Europa denken - wie lange hat es hier gedauert? Das ist ein sehr viel längerfristigerer Prozess. Das Problem ist, dass wir unter der Bush-Regierung das internationale Engagement in Afghanistan sehr stark auf Werte ausgerichtet hatten, eben Demokratie, Menschenrechte, Frauenrechte einzuführen. Von den Zielen sollen wir uns nicht verabschieden, aber wir müssen den Zeithorizont auf 30 bis 50 Jahre ausdehnen und wir müssen die Teilziele erheblich niedriger hängen. Wir werden in den nächsten zehn Jahren keine Demokratie und keine rechtsstaatliche Polizei in Afghanistan erleben.

Westliche Werte in Gefahr

Fandungsfoto Mullah Omar (Foto: AP)

Vom Feind zum Verhandlungspartner? Der Westen setzt jetzt wieder auf die Taliban

Was denken Sie, wie lange der Einsatz in Afghanistan tatsächlich noch dauern wird?

Das hängt davon ab, ob diese Gespräche jetzt überhaupt zu einem Ergebnis führen. Und sollten sie erfolgreich verlaufen - welcher politische Preis wird dann bezahlt? Wenn ich an die innenpolitische Lage in Afghanistan denke, ist zu befürchten, dass eben Wertvorstellungen, wie wir sie im Westen haben, so nicht mehr verfolgt werden können.

Wie könnte denn ein effektiver Strategiewechsel in Afghanistan realistisch aussehen?

Ich sehe vorläufig noch keine Strategie - wenn ich von Strategie spreche, meine ich eine Verbindung von militärischem Vorgehen, also eine direkte Bekämpfung von aufständischen Gruppen, gleichzeitig eine Verbesserung der ganz schlechten Regierungsführung, eine Minderung der Korruption und als dritte Komponente ein effektiverer Wiederaufbau vor allem mit afghanischen Partnern, was wir in den vergangenen Jahren viel zu wenig gemacht haben.

Dr. Citha Maass ist Expertin für Zentralasien bei der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).

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