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Ostmitteleuropa

Gelernt, mit Vorurteilen umzugehen

Polen in Deutschland brauchen manchmal ein dickes Fell

Bonn, 1.9.2004, DW-RADIO, David Schah

Autodiebe, Schwarzarbeiter und Zigarettenschmuggler. Das fällt vielen Deutschen zuerst ein, wenn von Polen die Rede ist. Obwohl seit den achtziger Jahren über eine Million Menschen aus Polen nach Deutschland eingewandert sind, werden hierzulande über kaum eine Volksgruppe mehr Vorurteile und Witze verbreitet als über die Polen. Meistens sind derlei Scherze nicht böse gemeint - Aber wie empfinden die polnischen Einwanderer das? Ist es nicht doch eher verletzend?

David Schah hat Tadeusz Kowalski gefragt:

"Ja doch, nicht direkt, obwohl doch, gerade jetzt, wo ich mich um einen Job bemüht habe, bin ich schon mit derartigen Scherzen konfrontiert worden. Die Leute meinten, das ist natürlich, das muss man einfach so hinnehmen. Doch es hat mir ne Zeitlang ziemlich weh getan, so eine Pauschalisierung hat mich schon ziemlich genervt. Aber mittlerweile bin ich eigentlich, komme ich damit wunderbar klar, ich setze mich damit gar nicht auseinander. Ich frage mich einfach: Betrifft mich das überhaupt?"

Tadeusz Kowalski ist 33 Jahre alt und Sachbearbeiter bei einem deutschen Unternehmen in Köln. Der gebürtige Pole hat mittlerweile die deutsche Staatsbürgerschaft. Seine ebenfalls polnischstämmige Frau Malgorzata hat er in Deutschland kennen gelernt, wo er seit etwa zwanzig Jahren lebt. Damals, in den achtziger Jahren, setzte eine große Einwanderungswelle nach Deutschland ein, bedingt durch die schwierige politische Lage in Polen.

(Kowalski) "In unserem Heimatland war es zu dem Zeitpunkt nicht so leicht. Das Kriegsrecht war aufgehoben, man wusste nicht, wie es weitergeht. Meine Eltern, mein Vater hatte Schwierigkeiten auf der Arbeit, weil er nicht in der Partei war. Und das hat sie dazu bewogen, mit mir als Kind im Handgepäck dann rüberzukommen."

Heute leben etwa 330 000 polnische Staatsbürger dauerhaft in Deutschland. Dazu kommen die etwa 700 000 deutschstämmige Aussiedler aus Polen. Auch diese konnten anfangs zumeist nur Polnisch und hatten die gleichen Schwierigkeiten bei der Integration wie die "echten" Polen. Doch sowohl bei Aussiedlern als auch bei den echten Polen wie Tadeusz Kowalski war es eigentlich nur die Sprache, die sie von den Deutschen unterschied.

(Kowalski) "Die waren zunächst einmal sehr zuvorkommend, zwar hat man sich so gefühlt, als wird man wie ein kleines Kind behandelt, dem man wirklich alles erklären muss, aber das lag wahrscheinlich an der Sprache. Deswegen war mir ab dem ersten Moment bewusst, dass das, was uns wirklich trennt, eigentlich weniger das Denken, das Empfinden oder Weltbild ist, sondern vielmehr die Sprache."

Dass polnische Einwanderer sich gut integrieren, zeigt übrigens auch ein Blick auf die jüngere Geschichte Deutschlands. Zwischen 1870 und dem Ersten Weltkrieg waren etwa eine halbe Million Polen vor allem in das wirtschaftlich aufblühende Ruhrgebiet eingewandert. Was wäre etwa Schalke damals ohne seine polnischstämmigen Fußballspieler gewesen? Die meisten Nachkommen dieser Ruhrpolen sehen sich heute als ganz normale Deutsche.

Woher kommen dann die Witze und Vorurteile gegenüber den Polen? Vielleicht ist es der gleiche Effekt, den man in Deutschland auch gegenüber Holländern beobachten kann: Man grenzt sich umso energischer voneinander ab, je ähnlicher man sich eigentlich ist. (TS)

  • Datum 01.09.2004
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