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Ostmitteleuropa

Geldspritzen als Rettungsanker für die ungarische Landwirtschaft

– Regierung bereitet Milliarden-Hilfsprogramm vor

Budapest, 2.9.2002, PESTER LLOYD, deutsch

Nach der wochenlangen Dürre machen der ungarischen Landwirtschaft nunmehr ungewöhnlich heftige und ergiebige Niederschläge zu schaffen. Die Regierung greift der Branche mit einem Hilfsprogramm im Volumen von knapp 80 Milliarden Forint ( ca. 327 Millionen Euro - MD) unter die Arme, ohne die schwerwiegenden, teils strukturellen Probleme damit lösen zu können.

Die lang anhaltende Dürre sorgte dafür, dass die Bauern im Vergleich zu fünf Millionen Tonen des Vorjahres in diesem Sommer nur knapp vier Millionen Tonen Weizen ernten. Das Getreide stand meist nicht mehr auf dem Halm, als die schweren Niederschläge einsetzten; die 2-3 Wochen früher als gewöhnlich eingebrachte Ernte ist qualitativ hochwertig. Die höchsten Hektarerträge realisierten die Bauern mit 4-5 Tonen in Südungarn und in der Kleinen Tiefebene. Der Qualitätsweizen erreicht nach Angaben der Mühlenindustrie in diesem Jahr einen herausragenden Anteil von 80 Prozent. Nach der Rekordernte des Vorjahres blieben 400.000 Tonen Weizen in den Lagerhäusern, so dass die diesjährigen niedrigeren Erträge eine Anspannung der Marktlage verhindern.

Das stellt sich für die Höfe, die sich mit der Aufzucht von Schweinen, der Haltung von Milchkühen und Geflügel oder dem Weinbau beschäftigen, ganz anders dar. Weil diese Bereiche der Landwirtschaft mit einer extremen Überproduktionskrise kämpfen, beschloss die Regierung außerordentliche Beihilfen im Volumen von vier Milliarden Forint (ca. 16,3 Millionen Euro). Agrarminister Imre Németh erkannte die schwere Lage der Bauern an und versprach weitere Hilfe in Abhängigkeit von den Möglichkeiten des Budgets.

Mit zwei Milliarden Forint (ca. 8,1 Millionen Euro) soll allein der Milchberg von 400 Millionen Liter abgebaut werden. Qualitätsmilch erhält deshalb 3,5-fach erhöhte Zuwendungen, mit denen ein Export der überschüssigen Produkte nicht länger unrentabel ist. Für die Schweinezüchter soll die staatliche Unterstützung zu steigenden Aufkaufpreisen der Schlachthöfe führen. Einschließlich Exportsubventionen könnten mit Zuwendungen von insgesamt 800 Millionen Forint (ca. 3,2 Millionen Euro) nach den Hoffnungen des Agrarressorts 180.000 Schlachtschweine im Ausland verkauft werden. Was die Weinbauern anbelangt, wird in diesem und im nächsten Jahr die Ausfuhr von jeweils 190.000 Hektoliter staatlich gestützt. Das ist freilich nicht viel mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein, da sich in den Weinkellern des Landes eine Million Hektoliter in Fässern und Flaschen stapeln.

Die Geflügelzüchter gingen vorerst leer aus. Nach Angaben des Branchenproduktrates summierten sich die Verluste der Branche schon in den ersten Monaten des Jahres auf mehrere Milliarden Forint. Der aus China "importierte" Futtermittelskandal sorgte für fallende Weltmarktpreise. Dazu kommen der starke Forint und gestiegene Beihilfen der EU für ihre Exporte in Drittländer.

Mit dem EU-Beitritt Ungarns werden die Sorgenfalten der Bauern eher noch zunehmen. Zwar verspricht die Agrarpolitik der Union großzügige Fördermittel, doch werden zwei Drittel der heute auf 900.000 geschätzten ungarischen Bauern einer grundlegenden Voraussetzung nicht gerecht: Sie verfügen über weniger als ein Hektar Land und fallen somit aus der Förderung heraus. In Einklang mit den Richtlinien der EU steht auch das von der Opposition heftig kritisierte Programm des Agrarministeriums zur Schuldenkonsolidierung. Mit 72,5 Milliarden Forint (ca. 308,7 Millionen Euro) will die Regierung in diesem und im kommenden Jahr den Agrarbetrieben helfen, um Einkommensausfälle aufgrund von Naturkatastrophen auszugleichen und die Kreditlast zu mindern. Damit gelangen die Banken voraussichtlich noch im Herbst an ihr Geld; von den schätzungsweise 130 Milliarden Forint (ca. 531,6 Millionen Euro), die dann fällig gestellt werden, übernimmt der Staat knapp die Hälfte. Németh wies die Kritiken an dem Programm mit dem Hinweis zurück, dass die Beihilfen auf normativer Basis verteilt werden, es also keinen Unterschied zwischen Kleinhöfen und großen Agrargütern geben wird. (fp)

  • Datum 02.09.2002
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