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Kultur

Gelddruckmaschine Adel

Politisch sind Monarchien in Europa überholt. Aber die deutsche Klatschpresse verdient sehr gut an ihnen. Nicht nur, wenn Königskinder heiraten. Ihre Methoden sind fragwürdig, aber die Deutschen kaufen das Ergebnis.

Die Krone von Queen Mum (Foto: AP)

Die Krone von Queen Mum

"Märchenhochzeit", "Hochzeit des Jahres" - Milliarden Zuschauer haben live am häuslichen Fernseher miterlebt, dass Prinz William seiner Kate in der Westminster Abbey das Jawort gegeben hat. Für den Mittag wird dann der Höhepunkt erwartet, den kein Royal-Fan verpassen möchte: der Kuss. Fernsehteams aus der ganzen Welt sorgen für die Übertragung des Londoner Großereignisses und senden schon ab dem frühen Morgen des großen Tages Sondersendungen. Wenn Hochzeiten im europäischen Hochadel über den Altar gehen, dann schaltet sich das Fernsehen wie selbstverständlich ein.

Die Regenbogenpresse allerdings ist immer mit dabei. Sie berichtet das ganze Jahr über die Welt des nationalen und internationalen Adels. Die Spitzenreiter des Segments der Regenbogenpresse kommen wöchentlich mit mehr als einer Millionen Exemplaren auf den Markt. Zum Vergleich: das politische Wochenmagazin "Der Spiegel" hat eine wöchentliche Druckauflage von etwa 1,2 Millionen in Deutschland, die "Freizeit Revue" ebenfalls. Etwa 19 Zeitschriften zählen in Deutschland zur so genannten Regenbogenpresse. Sie sind in der Hand von sieben Verlagen, Marktführer sind "Neue Post" und "Freizeit Revue".

Klagewelle einer wütenden Prinzessin

Prinzessin Caroline von Monaco (Foto: dpa)

Prinzessin Caroline von Monaco

Zwar verspricht das Mediengeschäft mit der blaublütigen Elite guten Umsatz. Es hat für die Verlage aber auch eine unangenehme Kehrseite: Immer wieder fühlen sich Adlige in ihrer Persönlichkeitsrechten verletzt und ziehen deshalb vor Gericht. So verklagt Caroline von Monaco deutsche Zeitschriften seit den neunziger Jahren regelmäßig auf Unterlassung und und fordert Schmerzensgeld. 2004 gab die kleine Kammer des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte in Straßburg der Prinzessin Recht und stellte fest, dass in Deutschland das Privatleben Prominenter nicht ausreichend geschützt sei.

Laut Europäischem Gerichtshof für Menschenrechte dürfen Fotos und Artikel über Prominente nur dann ohne Genehmigung veröffentlicht werden, wenn sie zu einer Debatte von allgemeinem öffentlichem Interesse beitragen. Dieses Gesetz ist in Deutschland noch nicht rechtskräftig, aber die Klatschpresse ist etwas vorsichtiger geworden. Doch auf Adelsberichterstattung will und kann sie nicht verzichten, denn genau damit macht sie ihren Umsatz. Das jedenfalls sagen sieben Journalisten, die 2005 im Rahmen einer Studie der Universität Münster zu ihren Einstellungen und Arbeitsmethoden befragt worden sind und die für Zeitschriften wie "die aktuelle", "Freizeit Revue" und "Heim und Welt" arbeiten.

Je unerreichbarer, desto besser

Hubertus Michael Erbprinz von Sachsen-Coburg und Gotha küsst seine Braut Kelly Jeanne (geborene Rondestvedt) - Foto: dpa

Hubertus Michael Erbprinz von Sachsen-Coburg und Gotha küsst seine Braut Kelly Jeanne

Über was letztlich berichtet wird, hängt vor allem von den Meldungen und Bildern ab, die über die Agenturen zur Verfügung gestellt werden. Fotos sind wichtiger als der Text. Für die Recherche werden der Studie zufolge neben den Agenturen vor allem die Pressestellen der Königshäuser und deren Internetportale genutzt. Da die Pressestellen aber in der Regel nur harte Fakten herausgeben, werden Aussagen im Zweifelsfall interpretiert. Häufig ergänzt um Zitate sogenannter "Insider", die den Adelskreisen nahestehen und gegen Geld Informationen preisgeben.

Selten nehmen Journalisten an adligen Großereignissen persönlich teil, da sich die Adelsberichterstattung auf die Top-Namen konzentriert hat und die wiederum nicht in Deutschland wohnen. Für royale Hochzeiten zum Beispiel können Journalisten sich natürlich offiziell akkreditieren lassen, aber sie kommen garantiert nicht näher an das Brautpaar heran, als es die Pressetribüne vor der Kirche erlaubt. Niemand feiert wirklich mit oder spricht mit hochrangigen Gästen, geschweige denn dem Paar selbst. Also versucht man sich durch die Schilderung von eigenen Beobachtungen von der Konkurrenz abzusetzen und suggeriert dem Leser dadurch, man sei dabei gewesen und habe mitgefeiert.

Märchen statt Fakten

Verschiedene Titel von Magazinen und Zeitschriften an einem Kiosk (Foto: dpa)

Damit das Geschäft läuft, führen Zeitschriften regelmäßig Leserdatenanalysen durch und bekommen Briefe oder Mails zu ihren Berichten. In denen zeigt sich, dass viele Leserinnen - denn es sind vor allem Leserinnen - die Geschichten tatsächlich glauben und sich dem Adel dadurch verbunden fühlen. In Leserbriefen heißt es etwa: "Sagen Sie doch der Mette, sie hat das schon richtig gemacht."

Über Gründe für das Interesse der Leserinnen an Adelsgeschichten wird viel spekuliert, untersucht hat es noch niemand. Von Abschalten und Ablenkung vom Alltag ist die Rede, vom sich in eine unerreichbare Welt Hineinträumen, die sympathisch gemacht wird durch tragische Schicksale. Unterhaltung zählt also: "Das ist einfach eine Märchenwelt", so zitiert die Studie einen Journalisten der Regenbogenpresse. "Da kann man ruhig etwas dazudichten."

Autorin: Marlis Schaum

Redaktion: Sabine Damaschke

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