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Ostmitteleuropa

"Geld hat keine Nationalität"

- Die neuen Milliardäre in Osteuropa

Posen, 14.10.2002, WPROST, poln.

"Das war eine Zeit, in der jeder soviel mitgenommen hat, wie er nur tragen konnte," gab Boris Beresowskij zu, als er sich an die Zeit der "spontanen Privatisierung" der sowjetischen Wirtschaft nach 1991 erinnerte. Ihm selbst ist es gelungen, ziemlich viel zu tragen, da sein Vermögen 1997 von der amerikanischen Zeitschrift "Forbes" auf drei Milliarden Dollar geschätzt wurde.

Ähnlich haben viele seiner Landsleute gehandelt, die heute zu der Elite der Milliardäre in unserem Teil Europas gehören. Ein Vermögen im Wert von 20 Milliarden Dollar befindet sich in den Händen von nur zwölf russischen Millionären. Damit können nur wenige Ukrainer, Bulgaren und vor allem nur zwei Polen mithalten, d.h. Jan Kulczyk (der den dritten Platz in unserer Liste der reichsten Osteuropäer belegt) und Aleksander Gudzowaty (11. Platz). Sie alle haben eines gemeinsam: Sie machten bzw. machen ihre Geschäfte hauptsächlich mit dem Staat, da dies bisher der erfolgreichste Weg ist, zu den Finanzeliten in Ost- und Mitteleuropa zu gehören.

Das durchschnittliche Alter der russischen Millionäre liegt bei etwa 40 Jahren. Der erst 38-jährige Michail Chodorkowskij, der den ersten Platz in der Liste der reichsten Osteuropäer belegt, wird in einigen Jahren zu den ältesten Neureichen in seinem Land gehören. Der jetzige Vorsitzende und Inhaber des Ölkonzerns Jukos hat schon Ende der achtziger Jahre im staatlichen Technischen Institut sein Zubrot mit Computerhandel verdient. Außerdem verkaufte er kleine Holzpuppen mit dem Bild von Michail Gorbatschow. (...), von dem seine Bank später den Auftrag und das große Geld bekam, um die Folgen der Tschernobyl-Katastrophe zu beseitigen. Heute wird sein Vermögen auf etwa 3,7 Milliarden Dollar geschätzt. Die Firma von Roman Abramowitsch, der den zweiten Platz in der Liste belegt, produzierte zuerst Plastikspielzeug. Nach zehn Jahren brachte er 70 Prozent des russischen Aluminium –Marktes unter seine Kontrolle.

Die Russen gehören zu den reichsten Leuten in unserer Region. In der Liste der Zeitschrift WPROST – der ersten und einzigartigen in Osteuropa - sind die Könige von Öl, Aluminium, Nickel und Gas aufgelistet. Die Verbindung von Jugend, Durchsetzungsvermögen und Beziehungen zu den sowjetischen Apparatschiks und Bonzen hat es angesichts des permanenten Geldmangels im russischen Staatshaushalt damals ermöglicht, in kürzester Zeit Milliarden zu verdienen.

Die russischen Millionäre haben zuerst eigene Firmen oder Banken gegründet oder Handel getrieben. Das dadurch verdiente Geld haben sie dann dem Staat geliehen wie z.B. Wladimir Potanin, der Inhaber der Onexim-Bank. In seiner Bank dienten die Aktien der größten russischen Kombinate bei der Kreditvergabe an den Staat als Kreditsicherheit. Auf diese Weise ist es ihm gelungen, die Kontrolle über die riesigen Rohstoffreserven in Russland zu übernehmen. Potanin wurde im Laufe der Zeit zum Inhaber des größten Betriebs für Nickelproduktion in der Welt.

Oleg Deripaska, der den 13. Platz in der Liste belegt, übernahm die Kontrolle über die Firma Russisches Aluminium. Die Familien von Rem Wjachirew und Wiktor Tschernomyrdin, die zu der Elite der Energieindustrie in Russland gehören, haben noch während der Zeit der Sowjetunion fast ein Fünftel der Aktien der staatlichen Firma Gasprom privatisiert, die die größte in Russland ist.

Unter den reichsten Osteuropäern gibt es nur wenige Ungarn oder Tschechen, obwohl diese Nationen als die geschäftstüchtigsten in unserer Region gelten. Den Ruf des reichsten Ungarn genießt Gabor Varszegi, ehemaliger Rockstar und Mitglied der legendären Rockgruppe Omega.(...) Der von ihm 1984 gegründete Fotoshop Foteks hat sich im Laufe der Zeit zu einem breit gefächerten Konzern entwickelt , der über 500 Niederlassungen besitzt und in dem alles von Möbeln bis Kosmetika verkauft wird. Sein Vermögen, das auf über 200 Millionen Dollar geschätzt wird, reicht jedoch nicht aus, um an die Spitze der Finanzelite Osteuropas zu gelangen.

1997 wurden von der Zeitschrift "Forbes" sogar drei Tschechen in die Liste der 400 Reichsten der Welt aufgenommen. Das Vermögen von Viktor Kozenny, der Anfang der neunziger Jahren bei den zwei größten Privatisierungen in Tschechien als Vermittler tätig war, wurde auf 200 Millionen Dollar geschätzt. In dieser Liste gibt es auch einen Millionär aus Prag, Charous Antonin, der über ein Vermögen im Wert von 135 Millionen Dollar verfügt. Die drittreichste Person in Tschechien ist Martin Kratochvil, Doktor der Philosophie und Jazzpianist, der den größten Medienkonzern in Tschechien besitzt. (...) Sein Vermögen wird aber nur (!) auf 90 Millionen Dollar geschätzt.

Diese Beträge sind jedoch wesentlich niedriger, als der Wert des Vermögens, das einige Bewohner von Mittel- und Osteuropa gesammelt haben. Warum? Die Antwort ist einfach: Tschechien und Ungarn wurden am schnellsten normal, d.h. der Gesetzgebung ist es dort früh genug gelungen, die Bande zwischen der Politik und der Geschäftswelt zu zerschneiden. Dort kann man Geld nur aufgrund eigener Initiative und eigener Ideen verdienen und nicht mehr durch Beziehungen. Aus diesem Grunde ist es dort viel schwieriger als im Osten Europas, an das große Geld zu kommen. Es ist auch kein Zufall, dass der reichste Tscheche, Peter Kellner, der mit einem Vermögen in Höhe von 500 Millionen Dollar auf dem letzten Platz unserer Liste steht, zu seinem Geld durch die Privatisierung in Tschechien und ... in Russland (!) kam.

"Die großen Karrieren in der Geschäftswelt beginnen bei großen Unruhen, wie Krieg, blutigen oder auch unblutigen Revolutionen. Das ist überaus natürlich, wenn die alte Ordnung zusammen bricht, und wenn die Mehrheit der Bevölkerung verwirrt ist. Angesichts solch einer Lage können nur einzelne Personen alle ihre Sinne nutzen und vor allem den Geschäftssinn. Das Geld hat eben keine Nationalität", sagte früher Aristoteles Onassis. (...) (Sta)

  • Datum 18.10.2002
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