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Wirtschaft

Gekommen, um zu bleiben

Seit April 2012 kann jeder seine ausländische Ausbildung in Deutschland prüfen lassen - wichtig in Zeiten des Fachkräftemangels, sagen Experten. Hinter dem Gesetz stehen die Geschichten von Slobodanka, Luca und Simoni.

Simoni Peloriadu, Griechin, Apothekerin Luca Modanese, Italiener, Industriemeister Holz Slobodanka Papaz, bosnische Serbin, Bauzeichnerin Alle drei arbeiten in Deutschland. Als Copyright bitte: DW/Janosch Delcker Zulieferer: Janosch Delcker

Simoni Peloriadu, Luca Modanese und Slobodanka Papaz

Beiläufig bindet sich Slobodanka Papaz die Kellnerschürze um, während sie den Getränkevorrat kontrolliert. Routine. Sie stellt einen Aschenbecher vor die Tür, spült Biergläser, summt mit zur Schlager-Musik. Schnell und effektiv bereitet die 44-Jährige die Kneipe für den Abend vor. "Die Arbeit macht mir viel Spaß", beteuert sie. Doch eigentlich ist die bosnische Serbin gelernte Bauzeichnerin, hat 18 Jahre in ihrem Beruf gearbeitet.

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Warum eine Eckkneipe wie ihr zweites Wohnzimmer ist - darüber spricht Slobodanka in der DW-Multimedia-Slideshow.

Zwei Stunden früher, Slobodanka macht sich in ihrer Kölner Stadtrandwohnung fertig für die Arbeit. Vor sechs Jahren ist Slobodanka wegen ihres deutschen Mannes nach Deutschland gekommen. "Ich hatte genug Karriere gemacht, ich wollte eine Familie", erzählt sie am Küchentisch. Der Kinderwunsch blieb unerfüllt. "Ich bin nicht mehr traurig, man kann sich nicht jeden Wunsch erfüllen", sagt sie ruhig. Vor ihr liegt ein roter Ordner, darin ihr Arbeitsbuch aus Sarajevo, mit Zeugnissen, Empfehlungsschreiben und Übersetzungen. Diese sollen ihr helfen, in Deutschland als Bauzeichnerin arbeiten zu können.

Das neue Gesetz gibt Slobodanka Papaz das Recht, die Anerkennung ihrer Qualifikation zu beantragen. Ihr Vorname bedeutet so viel wie "Die Freie". In der Sprache der Volkswirtschaft würde man sie als "Fehl-Allokation" bezeichnen, was bedeutet: Für ihren Kneipenjob ist die Bauzeichnerin deutlich überqualifiziert.

"Ungenutzes Humankapital"

Ihre Erfahrung und Wissen als Bauzeichnerin gelten in der Sprache der Wirtschaftsexperten als "ungenutztes Humankapital." Gemeint ist, dass sie ihre Fähigkeiten nicht auf dem Arbeitsmarkt einsetzen kann. In ihrer Küche erzählt Slobodanka, dass sie in Sarajevo Wasserkraftwerke mitgeplant hat. Ihre Firma schickte sie auch in Krisengebiete, nach Irak und Libyen. Als sie zurück nach Sarajevo kam, war auch dort Krieg. Nach Kriegsende arbeitete sie als Bauzeichnerin am Wiederaufbau ihrer Heimatstadt mit.

Mit dem Anerkennungsgesetz nimmt Slobodanka ein Recht in Anspruch, das zuvor nur wenigen vorbehalten war, erläutert Gregor Berghausen, Leiter der Aus- und Weiterbildung bei der Industrie- und Handelskammer in Köln: "Insbesondere, wenn man von außerhalb der EU in Deutschland eine Tätigkeit aufgenommen hatte, hatte man so gut wie keinen Anspruch auf eine Anerkennung eines Abschlusses."

Abgelehnte Übersetzungen und falsche Listen

Doch auch für EU-Bürger dauerte es oft lange, bis der heimatliche Berufsabschluss in Deutschland anerkannt wurde. Auch Apothekerin Simoni Peloriadu aus Griechenland kellnerte einige Monate in einem Café in Köln. Die 26-Jährige sitzt im Wintergarten des Cafés, mittlerweile als Gast, und erzählt, dass sie vor einem Jahr der Liebe wegen nach Deutschland kam. "Niemand von meinen Bekannten hier in Köln wusste etwas sicher. Der eine sagte, ich könnte meine Approbation bekommen, der andere sagte, ich müsste ein drittes Staatsexamen machen", erinnert sie sich.

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Warum ihr Vater nicht mehr rät, nach Griechenland zurückzukommen, erzählt Simoni in der DW-Multimedia-Slideshow.

Erst eine Bulgarin, die sie in einer Apotheke kennenlernte, nannte ihr den richtigen Ansprechpartner. Dann wurde die Übersetzung ihres Diploms abgelehnt. Listen von zuständigen Übersetzern und Anwälten, die man ihr gab, stellten sich als falsch heraus, Übersetzungen gingen verloren: "Das ganze Chaos war ein bisschen auch meine eigene Schuld", versucht Simoni den bürokratischen Aufwand zu relativieren. Ab Dezember 2012 darf ein Anerkennungsverfahren nur noch höchstens drei Monate dauern; das sieht eine bereits beschlossene Zusatzregelung des Gesetzes vor.

Ein globaler Wettkampf um die besten Köpfe

Sobald Simonis Anerkennung bewilligt war, ging es schnell, erzählt sie. Nach einem Monat fand sie einen Job. Auch die Apotheken-Branche leidet unter Fachkräftemangel. "Global hat ein Wettkampf um die besten Köpfe begonnen, und dabei wird Deutschland gut daran tun, qualifizierte Menschen ins Land zu bekommen und dann ihre Qualifikationen so schnell wie möglich anzuerkennen," sagt Klaus Jürgen Bade, Vorsitzender des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration. Durch das Gesetz hätten nun auch Menschen, die noch im Ausland leben, ein Anrecht darauf, ihren Abschluss prüfen zu lassen.

Anerkennung hilft auch bei Berufswechsel

16 Uhr, Kölner Innenstadt. Den Tag über hat Luca Modanese in einer Werkstatt Möbel aus dem 18. Jahrhundert restauriert, jetzt hat er Feierabend. Auf einer Bank in einem Park in der Nähe erzählt der 34-Jährige, wie er 2008 aus Italien nach Köln kam; auch ihn brachte die Liebe nach Deutschland. Mittlerweile ist seine Freundin seine Frau, und die gemeinsame Tochter Aurora drei Jahre alt.

Eigentlich brauchte Luca das neue Gesetz nicht. Gleich nach seiner Ankunft in Deutschland  wurde er in seiner Werkstatt angestellt. Trotzdem hat er jetzt die Anerkennung seiner Ausbildung als "Industriemeister Holz" beantragt: "Ich schaue immer nach vorne", sagt er und schüttelt das rote Haar: "Obwohl mein Job interessant ist, kann es sein, dass ich irgendwann etwas Neues machen möchte. Ohne die Anerkennung könnte ich dann eine Bewerbung mit tausend Seiten schicken, auch mit offiziellen Schreiben, es würde trotzdem heißen: Er hat keine abgeschlossene deutsche Ausbildung."

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Warum es immer Lucas Traum war, nach Nordeuropa zu ziehen, erfahren Sie in der DW-Multimedia-Slideshow.

Er sei froh über das Gesetz, sagt Luca. Ihm kommt zugute, dass sein Handwerk deutschlandweit geregelt ist. Denn das Gesetz hat eine gravierende Schwachstelle: Es betrifft bisher nur Berufe, für die in ganz Deutschland die gleichen Regeln gelten. Einige Jobs wie Lehrer, Ingenieure oder Pflegeberufe werden in den Bundesländern unterschiedlich geregelt. Für das Anerkennungsgesetz werden jedoch einheitliche Regeln angestrebt.

Um die Wirksamkeit des Gesetzes zu beurteilen, ist es noch zu früh. Luca, Simoni und Slobodanka erzählen selbstbewusst von ihren Ausbildungen im Ausland. Sie wissen, sie könnten ihren Teil zur deutschen Volkswirtschaft beitragen – wenn ihre Abschlüsse geprüft werden. Seit April 2012 haben sie ein Recht darauf. Ganz offiziell.

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