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Welt

Geistiges Ausmisten in Libyen

An libyschen Schulen müssen die Lehrpläne geändert und vom Einfluss des Diktators Gaddafi befreit werden. Eine Herausforderung. Noch schwieriger ist es aber, die alten Dogmen aus dem Denken der Kinder herauszubekommen.

Aussortierte libysche Schulbücher auf einem Stapel (Foto: Don Duncan/Sean Sinico)

Nur wenige Tage nach dem Tod des libyschen Revolutionsführers bieten die Studenten der technischen Hochschule Salam Hidli al-Mehan al Chamila in Tripolis etwas zum Verkauf an, das sie ihr Revolutionshandwerk nennen. Über den Schulhof hallen lautstark die Songs der Nach-Gaddafi-Ära, während Studenten die neue libysche Flagge schwenken oder Poster in die Höhe halten und ihre neu gewonnene Freiheit feiern.

Die Wände des Schulhofs sind mit Postern revolutionärer Märtyrer gepflastert, und auf langen Tischen stapelt sich Selbstgemachtes: Hüte, Schreibhefte, Kuchen, Poster, Portemonnaies. An allen finden sich irgendwie die Farben des freien Libyens wieder: grün, schwarz und rot. "Ich habe eine Halskette, Taschen und Bilder verkauft, um das Geld denen zu geben, deren Häuser von Gaddafis Truppen zerstört worden sind", sagt Epthal Abu Bakker, eine 17 Jahre alte Schülerin.

Das Denken ändert die Richtung

Seit dem Sturz und dem Tod Gaddafis ist "Veränderung" das Schlagwort der Stunde in Libyen. Ein neuer Regierungschef wurde ernannt, die künftigen Minister berufen. Die Porträts verstorbener Revolutionäre hängen jetzt dort, wo früher die von Gaddafi prangten. Eine der umfassendsten Veränderungen findet allerdings an unauffälligeren Orten statt – an den Schulen im ganzen Land.

Schüler und Lehrer singen die neue libysche Nationalhymne (Foto: Don Duncan/Sean Sinico)

Neue Flagge, neue Hymne, alte Schüler

Während der mehr als vier Jahrzehnte seiner Herrschaft hatte Gaddafi die Schulen instrumentalisiert und dafür gesorgt, dass genau hier den libyschen Bürgern von Anfang an seine Ideologien eingeimpft wurden. Jetzt steht der Nationale Übergangsrat vor der Mammut-Aufgabe, alle Fächer von der Grundschule bis zur Universität vom geistigen Einfluss des abgesetzten Diktators zu befreien.

Epthals Hauptfach an der technischen Hochschule ist zwar Modedesign, aber in Nebenfächern wie Geschichte und Geographie hat sie sich mit Gaddafis Dogmen ausführlich befassen müssen. Vor allem im Fach "Al-Mujtama al-Jamahiri", in dem sich die Schüler ausschließlich mit dem Herzstück der Gaddafi-Abhandlungen über Politik und Gesellschaft befassen – dem "Grünen Buch". "Wir mussten es lesen", sagt sie. "Wir haben dieses Buch sogar jedes Jahr wieder gelesen und über Gaddafi gesprochen. Über ihn als Führer, als den wichtigsten Menschen der Welt, so, als wäre er Gott. Jetzt können wir endlich über alles sprechen, über das wir sprechen wollen."

Mühsame Diktatoren-Austreibung

Während Epthal und ihre Mitschüler diese neue Freiheit wortwörtlich mit Nadel und Faden gestalten, steht in Libyens vorübergehendem Bildungsministerium ebenfalls ein neues Design auf dem Plan. "Wir wollen nicht, dass irgendetwas Gaddafi glorifiziert oder ihn bedeutsam macht", sagt Mohammed Sawi, Direktor des nationalen Reformbüros für die Lehrplangestaltung. "Weder seinen Namen, noch seine Familie oder seine Symbole."

Ein Mann zeigt auf ein Schulbuch in Libyen (Foto: Don Duncan)

Korrekturen am Buch - innen wie außen

Sawi leitet ein Team von 160 Experten, das die Lehrpläne für das gesamte libysche Schulsystem umschreiben soll. Als erstes wurde das Fach komplett entfernt, das dem Studium von Gaddafis Grünem Buch gewidmet war. Im ganzen Land haben Schulen dieses Buch sogar stapelweise verbrannt, nur ein paar Exemplare sind noch übrig und liegen in den Fluren des Reformbüros für die Lehrplangestaltung.

In einem nächsten Schritt geht es um oberflächliche und symbolische Veränderungen. So soll unter anderem aus den Schulbuchtexten das Wort "Jamahiri" verschwinden, ein Ausdruck, den Gaddafi erfunden hatte um seine besondere Vorstellung von der libyschen Republik zu beschreiben. Auch das Logo des alten Regimes und alle Passagen, die darauf verweisen, sollen entfernt werden.

Resistente Ideologien in den Köpfen

"Wir haben den Begriff 'Jamahiri' in einem Buchtitel zum Beispiel einfach durch 'Libyen' ersetzt", sagt Amal Taher, eine Englisch-Expertin, die im Team dafür zuständig ist, die englischsprachigen Lehrpläne zu überarbeiten. Auf ihrem Flur arbeiten andere Kollegen an der Überarbeitung ihrer jeweiligen Fachgebiete. Je nach Fach sind die Änderungen unterschiedlich umfangreich. Im Fach Geschichte wurden Landkarten während der Gaddafi-Ära zum Beispiel benutzt, um die Schüler zu verwirren anstatt sie zu informieren.

"Gaddafi hatte Angst vor einer Revolte gegen ihn. Deshalb war es für ihn wichtig, dass die Libyer sich einander nicht besonders verbunden fühlten", sagt Geograph Mahmoud al-Chawadi, der sich mit der Reform des Geschichte-Lehrplans befasst. "Er hat auf den Landkarten eine Art Abgrenzung zwischen dem Osten und Westen des Landes einarbeiten lassen, um die Schüler zu verwirren. Sie sollten sich einander nicht nahe fühlen."

Schüler in einer Grundschulklasse in Tripolis (Foto: Don Duncan)

Die Ideologien sind noch da - in den Köpfen

Spätestens ab dem 14. Januar 2012 sollen eine Million libysche Schüler nach den überarbeiteten Lehrplänen und mit den neuen Büchern unterrichtet werden. Bis Januar wird mit den vorhandenen Materialien erstmal normal weiter unterrichtet, vor allem um aufzuholen, was durch den Bürgerkrieg verpasst worden ist.

Bis die falschen Ideologien und Mentalitäten, die während vier Jahrzehnten Gaddafi-Herrschaft gepflegt worden sind, tatsächlich aus den Köpfen der Libyer verschwinden, dürfte es noch eine Weile dauern. "Ich denke oft an die Zukunft meiner Schüler und der Kinder dieses Landes", sagt Brahim al-Haijaji, Direktor an Epthals Schule. "Eine besondere Herausforderung sind die jüngeren Kinder, die Gaddafi innig lieben, weil sie ihn lieben sollten, aber gar nicht wissen, warum."

Verstehen, um zu verändern

Genau diese Kinder haben Epthal früher bedroht und verprügelt, wenn sie sich in der Schule kritisch über Gaddafi äußerte. Als sie einmal eine Gruppe Mädchen wegen eines Posters kritisiert habe, auf dem sie den Diktator feierten, hätten die Mädchen sie an den Kleidern in einen dunklen Raum gezerrt und verprügelt, sagt Epthal. "Du hast kein Recht, so über den Führer zu sprechen", haben sie gesagt, "wer bist du schon, du bist ein niemand, höchstens ein lästiger Schädling." Das Machtgefälle hat sich jetzt verändert und Epthal kann ohne Angst ihre Meinung äußern.

Libysche Schülerinnen machen eine Prüfung in Tripolis (Foto: Essam Zuber)

Gelernt wird weiter, aber mit korrigiertem Material

In einer Pause an der Al-Hadhba al-Markazy al-Khadra Grundschule, ein paar Kilometer von Epthals Schule entfernt, spielen Kinder auf dem Hof Fußball und singen. Auf den ersten Blick sieht es nicht anders aus als in jeder Unterrichtspause. Abgesehen von den revolutionären T-shirts und Armbändern, die die Kinder tragen, und der neuen Nationalhymne, die sie singen, und die von all dem befreit wurde, was auf das alte Regime verweisen könnte.

Libyens Zukunft ist nach dem Sturz des Diktators ungewiss. Das Land ist durch den Bürgerkrieg mit Waffen überschwemmt worden und die revolutionäre politische Szene bröckelt. In den Schulen des Landes sieht die Zukunft dagegen gut aus - sofern die politische Reise des Landes sanft weitergeht. "Wir und alle anderen Kinder müssen verstehen, was wir vorher vermisst haben", sagt Epthal Abu Bakker. "Wir müssen lernen, wie das Leben zu Zeiten unserer Großeltern war und wir müssen nachvollziehen, wie Gaddafi an die Macht kam und warum er getan hat, was er getan hat."

Autor: Don Ducan/ sc

Redaktion: Ben Knight

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