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Geistige Ergüsse

Mal ist er heilig, mal bloß ein Wort für das Gehirn. Er ist Gespenst, Seele, Vorstellungskraft oder Verstand. Und er kommt immer dann vor, wenn der Körper allein nicht ausreicht: der Geist.

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Geistige Ergüsse

Erschaudern, ergriffen und aufgeregt sein: Das in etwa bedeutet das indogermanische Wort gheis. Eine westgermanische Variante desselben Wortes hat auch noch die Bedeutung: „übernatürliches Wesen“. Das Wort Geist hat sich daraus entwickelt. Es bedeutet aber – wie wir gleich feststellen werden – noch eine Menge mehr.

Unsichtbar und überall

Pfingstdarstellung um 1180 (Foto: Wikipedia)

Über die Jahrhunderte verewigten viele Künstler die Begegnung der Apostel mit dem Heiligen Geist

Gestatten, mein Name ist Geist. Und ich möchte mich hier mal in aller Form beschweren. Ich habe nämlich eine Identitätskrise. Denn was es bedeutet, ein Geist zu sein, das wechselt – je nach Jahrhundert, Weltgegend, Religion, Wissenschaft oder was weiß ich noch alles. Für wirklich jeden ist ein Geist etwas anderes.

So ging es auch damals dem berühmtesten von uns. Ich sage nur: Pfingsten. Als sich die Apostel 50 Tage nach Ostern in einem Haus versammelten, gab es auf einmal ein großes Getöse. Ein Wind fuhr durchs Haus und Flammenzungen senkten sich auf ihre Köpfe herab. Danach gingen sie hinaus und predigten den Leuten von Jesus. So in etwa muss es gewesen sein, als der Heilige Geist zum ersten Mal die Welt betrat.

Der Heilige Geist

Die dabei waren, waren geistig verwirrt. Für die einen zeigte sich hier Gott selbst, die anderen meinten, die Jünger hätten wohl Bekanntschaft mit dem Geist des Weines gemacht. Naja, er hat Karriere gemacht, der Heilige Geist.

Zwei Gläser mit Weinbrand Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Im Weinbrand liegt der Geist des Weines

Seither ist er neben Gott Vater und Jesus fester Bestandteil der Dreifaltigkeit. Als die Jünger von diesem Geist beseelt wurden, kannte ihre Begeisterung keine Grenzen mehr. Sie verbreiteten den Geist des Christentums, weshalb auch gesagt wird, an jenem Tag wäre die christliche Kirche gegründet worden.

Nichts als Gespenster

Doch uns Geister gab es schon vorher. Und damals hatten die Leute noch Respekt vor uns. Sie glaubten daran, dass wir weiterlebten, wenn ein Mensch starb, dass wir durch Wände gehen und den Leuten einen schönen Schrecken einjagen konnten.

Und dann kamen diese Wissenschaftler. Die meinten, wir seien eine bloße Einbildung, uns gäbe es gar nicht. Doch sie waren nett zu uns und gaben uns ein neues Betätigungsfeld. Wir waren jetzt der Teil vom Menschen, den man nicht sieht: der Verstand, das Gedächtnis, die Vorstellung – und die Seele. Okay, die ist unsterblich. Doch da muss man wieder dran glauben, und wer macht das schon.

Geistreiche Geisteswissenschaften

Wenigstens redeten die Leute jetzt wieder über uns. Wir waren und sind zuständig für

Geistesblitz

oder geistige Eingebungen, für geistige Anstrengungen und geistreiche Kommentare. Leider sind wir auch schuld, wenn es mal nicht so läuft mit dem Verstand. Dann sind wir kleingeistig, geistig arm und geistig minderbemittelt und sind dann schon mal als

Geisterfahrer

auf der Straße unterwegs.

Schild mit der Aufschrift Stop - Falsch Foto: Uwe Lein/dapd

Trotz Warnschildern gibt es immer wieder Geisterfahrer

Der Geist, hieß es lange, wäre etwas Besonderes, etwas, das jenseits des Körpers existiert und das es möglicherweise auch nur bei Menschen gibt. Man sprach von geistigen Sphären und der Welt des Geistes und es entstanden die Geisteswissenschaften, die Philosophie und die Psychologie. Doch dann, und das ist noch gar nicht so lange her, kamen diese gottverdammten – beinahe hätte ich gesagt geisteskranken – Hirnforscher. Die behaupten seitdem einfach, so etwas wie Geist gäbe es überhaupt nicht. Geist sei nichts weiter als eine Funktion des Gehirns. Von wegen Körper und Geist, es hat sich ausgegeistert.

Ab auf die Geisterbahn!

Okay, selbst wenn keiner mehr an uns glaubt: Wir leben dann eben in Sprichwörtern und Redewendungen weiter. Bevor wir also endgültig den Geist aufgeben, rufen wir den Menschen zu: Ihr seid doch von allen guten Geistern verlassen. Ihr werdet schon noch sehen, was ihr davon habt. Denn euer Geist mag willig sein, doch euer Fleisch ist schwach. Und das zeugt wirklich nicht von geistiger Größe. Jetzt ist er raus aus der Flasche, der Geist, der stets verneint. Und ihr werdet schon noch sehen, dass ihr die Geister, die ihr rieft, nicht mehr loswerdet. Also dann: Wir sehen uns in der Geisterbahn!



Glossar

der Geist des Weines – (altmodisch) scherzhaft für: Alkohol

beseelt werden – hier: von einer Idee erfüllt sein

geistreich – klug, intelligent

die geistige Sphäre, en (f.) – die Welt der Gedanken

es hat sich ausgegeistert – (Eigenschöpfung) es ist Schluss mit Geistern

den Geist aufgeben – (umgangssprachlich) sterben, kaputtgehen

von allen guten Geistern verlassen sein – unvernünftig sein

der Geist mag willig sein, das Fleisch ist schwach – (abgewandeltes Bibelzitat) der Absicht folgen keine Taten

von geistiger Größe zeugen – zeigen, dass man klug und einfallsreich ist.

der Geist, der stets verneint – (abgewandeltes Zitat aus Goethes Faust) sinnbildlich für: Teufel, Zerstörer

die Geister, die man rief, nicht mehr loswerden – (umgangssprachlich) etwas beginnen, das später außer Kontrolle gerät

Geisterbahn, -en (f.) – Kirmes-Fahrgeschäft, in dem die Besucher erschreckt werden




Arbeitsauftrag
Schreibt eine geistreiche Geistergeschichte, die ihr einem Kind abends als Gute-Nacht-Geschichte vorlesen würdet. Tragt die eine oder andere Geschichte in eurer Lerngruppe mündlich vor.

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