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Asien

Geisterschiffe mit Leichen vor der Küste

Vor der Westküste Japans häufen sich in den letzten Monaten die rätselhaften Funde von treibenden Fischerbooten mit Leichen an Bord. Über die Ursachen dieser Tragödien gibt es verschiedene Vermutungen.

Anfang Dezember hat die japanische Küstenwache in einem treibenden Holzschiff vor der Insel Sado in der Präfektur Niigata eine verweste Leiche gefunden. Das Schiff war bereits Mitte November kieloben gesichtet, aber erst jetzt geborgen worden. Netze und andere Ausrüstung weisen auf ein Fischerboot hin. Der Tote trug einen schwarzen Pullover und eine orangefarbene Rettungsweste.

Von dem Kopf der Leiche waren nur noch Schädelknochen übrig, so dass eine Identifizierung nicht möglich ist. Doch es gibt eindeutige Hinweise, dass der Tote und sein Schiff aus Nordkorea stammen. Auf dem hölzernen, 15 Meter langen Schiff fanden sich Silbenzeichen und Zahlen in koreanischer Buchstabenschrift. Auf einer Arbeiterjacke in einem Rucksack steckte ein Abzeichen mit dem Bild von Kim Jong-Il, dem verstorbenen Machthaber aus Nordkorea.

Rätselhafte Leichenfunde

In den vergangenen zwei Monaten hat die japanische Küstenwache insgesamt dreizehn gruselige Geisterschiffe mit 21 Leichen an Bord entdeckt. Am 20. November wurden auf einem von drei Booten, die nahe der Stadt Wajima trieben, zehn Leichen gefunden, deren Verwesungsgrad auf einen Tod vor mehreren Monaten hindeutete. Auf dem Rumpf waren in koreanischen Zeichen die Worte "Koreanische Volksarmee" geschrieben. Außerdem gab es Stoffstücke aus einer nordkoreanischen Flagge. Zwei Tage später trieb ein weiteres Holzboot mit sieben weiteren Leichen vor der Küste von Fukui an.

Die Geisterschiffe geben Japans Polizei und Nordkorea-Experten Rätsel auf. Handelte sich um gescheiterte Spionageeinsätze? Waren die Boote voller Flüchtlinge, die auf dem Weg nach Südkorea abgetrieben wurden? Oder gerieten Fischer vom Kurs ab und verhungerten auf offener See? Einige Nordkorea-Experten sehen einen Zusammenhang mit einer Direktive von Führer Kim Jong-Un. Der nordkoreanische Machthaber setzt schon länger auf verstärkten Fischfang, um die Bevölkerung besser zu ernähren und mit dem Export von Meeresfrüchten Devisen zu verdienen.

Will Kim mehr Fische für seine Bevölkerung? (Foto: picture alliance)

Will Kim mehr Fische für seine Bevölkerung?

Soldaten auf Fischfang

Die mutmaßlich verhungerten Fischer gehörten möglicherweise zur nordkoreanischen Armee und wollten dies verbergen. "Diese Fischerboote sehen so aus, als ob sie unter militärischer Kontrolle standen. Der Druck durch Kim Jong-Un, mehr Fische zu fangen, hat wahrscheinlich dazu geführt, dass viele unzureichend vorbereitete Boote in See gestochen sind", meinte der japanische Nordkorea-Experte Satoru Miyamoto von der Universität Seigakuin. Die Armee in Nordkorea muss sich selbst mit Nahrungsmitteln versorgen. Dabei setzt sie auch Zivilisten als Helfer ein.

Der junge Kim hat die Nahrungsmittelproduktion seit dem Führungswechsel nach dem Tod von Vater Kim Jong-il Ende 2011 zu einer Priorität gemacht. Weite Teile der Bevölkerung leiden unter Mangelernährung. Nordkorea erhält seit zwanzig Jahren UN-Nahrungsmittel als Hilfe. Beim Besuch eines Fischerei-Stützpunkt der Armee an Nordkoreas Ostküste hatte Kim kürzlich gefordert, dass die Anlage modernisiert werden müsse. Auf diese Weise sollten für Soldaten und Zivilisten "gute Ergebnisse" erreicht werden. Von Oktober bis Februar werden vor der Ostküste von Nordkorea vor allem Tintenfisch, Sandfisch und Königskrabben gefangen.

Flüchtlinge auf Abwegen?

Die zweite Mutmaßung der Nordkorea-Beobachter ist, dass Nordkoreaner über das Meer flüchten wollten und dabei scheiterten. So war im September 2011 sechs Erwachsenen und drei Kindern auf einem Holzboot die Flucht nach Japan gelungen. Sie wurden dann nach Südkorea transportiert. In der Vergangenheit wählten Flüchtlinge vor allem die Route nach China, um nach Südkorea zu fliehen. Aber unter dem Regime des jungen Kim wurden die Grenzkontrollen so verschärft, dass nur noch das Meer als Fluchtweg bleibt. "Es handelt sich wahrscheinlich um Flüchtlinge", sagte John Nilsson-Wright, ein Asien-Experte der US-Denkfabrik "Chatham House Policy Institute". Das Leben besonders außerhalb der Hauptstadt Pjöngjang sei "außerordentlich beschwerlich".

Gegen diese Theorie spricht die Tatsache, dass allein in den vergangenen beiden Jahren mehr als 100 verlassene Fischerboote aus Nordkorea in japanischen Küstengewässern gefunden wurden. Die Toten an Bord der Geisterschiffe waren alle männlich. Daher verweist Lee Jong-won, Professor für internationale Beziehungen an der Universität Waseda in Tokio, auf neue Anreize für die Hersteller von Nahrungsmitteln in Nordkorea, die sich stärker selbst versorgen dürfen. "Fisch ist einer der wichtigsten Artikel für den Export nach China", sagte Lee. Er hält es für wahrscheinlich, dass die Anreize die Fischer dazu verführen könnten, höhere Risiken einzugehen.