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Fokus Osteuropa

Geiseldrama von Beslan – Angehörige fordern Aufklärung statt Vergessen

Fünf Jahre nach dem Geiseldrama im nordkaukasischen Beslan erheben russische Menschenrechtler schwere Vorwürfe gegen die staatlichen Stellen. Vor allem die Frage, wie es zu der Tragödie kommen konnte, ist unbeantwortet.

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Hinterbliebene gedenken der Opfer von Beslan

Am 1. September fängt überall in Russland das neue Schuljahr an. Nur in Beslan, einer Stadt in der Teilrepublik Nordossetien, beginnt es später. Vor fünf Jahren, am 1. September 2004, überfielen dort drei Dutzend Terroristen eine Schule. Drei Tage lang hielten sie mehr als 1.100 Menschen in ihrer Gewalt. 335 von ihnen, darunter 186 Kinder, kamen bei dem Anschlag und der Befreiungsaktion der russischen Spezialeinheiten ums Leben. Anfang September gedenken die Einwohner Beslans der Opfer.

"Sie wollen, dass wir diese Tragödie vergessen"

Diese Tragödie wolle die russische Staatsmacht so schnell wie möglich vergessen machen, meinen Menschenrechtler. So fällt auch das Urteil der bekannten Menschenrechtlerin und Vorsitzenden der Moskauer Helsinki-Gruppe, Ljudmila Aleksejewa, eindeutig aus:

"Bei uns ist man bemüht, die unangenehmen Episoden unserer Geschichte aus dem öffentlichen Gedächtnis zu verdrängen. Diese Politik verfolgt die Staatsmacht auch im Falle von Beslan. Die Menschen erinnern sich trotzdem, auch wenn die Machthaber sich nicht daran erinnern wollen. Sie wollen, dass auch wir diese Tragödie vergessen."

Am schwersten fällt dies denjenigen, die bei dem Überfall ihre Kinder verloren haben. Susanna Dudijewa, Leiterin des Komitees der Mütter von Beslan, hält es für ein Verbrechen, die wahren Gründe der Tragödie zu verschweigen: "In den vergangenen zwei Jahren haben weder Zeitungen noch das Fernsehen über Beslan, über das Leben der Opfer berichtet. Ich glaube, das Schweigen bedeutet nur eins: Die Machthaber wollen ihre Fehler nicht eingestehen. Damit verraten sie ein weiteres Mal ihre Bürger."

Kritik an Untersuchungskommission

Seitdem die offiziellen Untersuchungen abgeschlossen sind, berichten russische Medien mit Ausnahme der Gedenktage kaum noch über Beslan. Die Mütter von Beslan sind aber mit den Ergebnissen der Untersuchungen nicht zufrieden, sagt Susanna Dudijewa: "Dieser Anschlag ist nicht untersucht worden. Es wurden keine Schlussfolgerungen gezogen und die Schuldigen nicht vor Gericht gestellt. Ihre Namen wurden nicht genannt. Die Arbeit all dieser Untersuchungskommissionen war nur eine Formsache. Sie haben den Menschen falsche Hoffnungen gemacht."

Die Staatsanwaltschaft und die Untersuchungskommission sind zum Ergebnis gekommen, dass die meisten Geiseln durch die Explosion eines Sprengsatzes in der Turnhalle ums Leben gekommen sind, als die Erstürmung der Schule begann. Nach Angaben des Mitglieds der Untersuchungskommission, des Parlamentsabgeordneten Jurij Saweljew, haben die russischen Spezialeinheiten die Schule ohne Rücksicht auf die Kinder gestürmt. "Leider wird bei uns, wenn so etwas passiert, nur an die Vernichtung von Terroristen und nicht an das Leben der Geiseln gedacht", sagte die Menschenrechtlerin Ljudmila Aleksejewa. Ihrer Ansicht nach war das Vorgehen der Staatsmacht barbarisch, kaltblütig und unzulässig.

"Viele Fragen sind offen geblieben"

Nach offiziellen Angaben wurden alle Terroristen getötet. Nur einer - Nurpaschi Kulajew - hat überlebt. Jetzt verbüßt er eine lebenslange Haftstrafe. Von den Verantwortlichen bei den Sicherheitskräften, die nach Meinung der Mütter von Beslan mitschuldig sind, wurde keiner bestraft. Lew Ponomarjow von der Organisation Für Menschenrechte ist ebenfalls mit den Ergebnissen der Untersuchungskommission unzufrieden: "In der Tat wurde nur einer zur Verantwortung gezogen, dabei sind so viele Fragen offen geblieben."

Die wichtigste dieser Fragen: Wie konnte es zu dieser Tragödie überhaut kommen? Die Opfer hatten gehofft, dass mit dem neuen russischen Präsidenten Dmitrij Medwedjew der Staat seine Haltung zu den Anschlägen aus der Putin-Ära überdenkt. Diese Hoffnungen haben sich nicht erfüllt. Dies könne gefährliche Folgen haben, warnt der Menschenrechtler Ponomarjow: "Wenn wir uns die Lage in Inguschetien und Dagestan anschauen, dann fürchte ich, dass sich solche Ereignisse wie in Beslan wiederholen können. Im Nordkaukasus passieren schreckliche Dinge, und es ist schwer zu sagen, wer an der Eskalation der Gewalt schuld ist: die Kämpfer oder Sicherheitsorgane."

Aus Anlass des fünften Jahrestages der Tragödie haben die Mütter von Beslan einen Brief an den russischen Präsidenten und seine Frau gerichtet. Die Menschenrechtler erinnern darin den Präsidenten nicht nur an die Opfer der Tragödie, sondern bitten ihn auch, die Ermittlungen wieder aufzunehmen.

Autor: Jegor Winogradow / Andreas Brenner
Redaktion: Markian Ostaptschuk

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