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Bücher

"Geisel" - Ein Comic über die Entführung von NGO-Mitarbeiter Christophe André

Das Gefühl von Unsicherheit, Platzangst und Leere war omnipräsent. Mit "Geisel" zeichnet Guy Delisle Andrés Gefühlswelt während seiner Entführung nach. Eine packende Geschichte - auch über den Wert der Freiheit.

1997 gab Christophe André seinen Bürojob auf, um für "Ärzte ohne Grenzen" zu arbeiten. Während seines ersten Einsatzes in der Kaukasusregion wurde er von bewaffneten Männern entführt und an einen unbekannten Ort verschleppt. Drei Monate lang wurde er unzureichend mit Lebensmitteln versorgt und in Handschellen und Isolationshaft mit fast keinem Kontakt zur Außenwelt festgehalten.

Später fasste er seinen Leidensweg mit den folgenden Worten zusammen: "Ich verbrachte die ersten drei Monate meines Einsatzes an einem Schreibtisch sitzend. Und die nächsten drei Monate liegend."

Fast 20 Jahre danach erzählt der vielfach ausgezeichnete und in Frankreich lebende kanadische Comic-Autor Guy Delisle Andrés Horrorgeschichte in "Geisel", einem Werk, das die tiefsten und dunkelsten Abgründe der menschlichen Seele offenlegt. 

DW: Man findet kaum detaillierte Berichte über Christophe Andrés Erfahrung in Tschetschenien. Wie kamen Sie seiner Geschichte auf die Spur?

Delisle Guy (Olivier Roller, courtesy of Reprodukt)

Der kanadische Comiczeichner Guy Delisle

Guy Delisle: Zuallererst las ich von Christophe Andrés Geschichte in einer Zeitung. Damals kursierten jede Menge Artikel über Entführungen und die meisten davon malten ein düsteres Bild über das, was passiert, wenn ein Opfer da lebend wieder raus kommt. Die meisten Überlebenden werden durch die Erfahrung der Gefangenschaft psychisch schwer und dauerhaft geschädigt und haben große Schwierigkeiten, in ein normales Leben zurückzufinden. Dieser Aspekt solcher Tragödien, also die lebenslangen Nachwirkungen davon, hat mich sehr mitgenommen.

Schon in meinem ersten Buch "Schenzen" habe ich das Schicksal von Christophe André erwähnt. Als ich eines Tages eine Bekannte besuchte, die für "Ärzte ohne Grenzen" arbeitet, erzählte sie mir, dass er im Büro sei. Er ging dann mit uns essen. Ich interessierte mich sehr für seine Geschichte, weil darüber nur ein kurzer Artikel erschienen war. Als Christophe zurückkehrte, hatte er das Gefühl, dass er den Medien nichts schuldig sei. Er wollte einfach nur nach Hause und wieder an Gewicht zunehmen. Er fühlte sich wie ein Fußballspieler, der in der letzten Minute ein Tor geschossen hatte und damit das Spiel gewann. Sechs Monate später meldete er sich wieder bei "Ärzte ohne Grenzen" und bat um seinen nächsten Einsatz.

Ich vermutete, dass er vielleicht gar nicht über seine Erfahrungen sprechen wollte, aber er war sehr offen und ich war recht überrascht, als er meinem Vorschlag, darüber ein Buch zu schreiben, zustimmte.

Was hat Sie denn dazu inspiriert, ein Buch über seine Erfahrungen zu schreiben?

Nun, ich hatte ja Zugang zu ihm und er konnte mir viele Details nennen - das war sozusagen der Startschuss. Was mich faszinierte, war, wie jemand ohne Freiheit überleben kann, ohne die Freiheit, Entscheidungen zu treffen. Wenn man entführt worden ist, vergeht die Zeit sehr langsam und man weiß eben nicht, wie lange man noch in dieser Situation ausharren muss. Christophe glaubte, seine Entführung würde nur ein Wochenende andauern, aber dann wurde daraus eine Woche, und schließlich mehrere Wochen. Ich versuchte, mir das vorzustellen, und ich glaube, ich wäre völlig durchgedreht.

Guy Delisle Geisel (Drawn and Quarterly )

Die Zerbrechlichkeit seines Protagonisten spiegelt sich in Delisles Zeichnungen wider

Christophe erzählte mir, dass er sich auf seine Phantasie verlassen musste, um überhaupt zu überleben. Morgens versuchte er, bloß nicht an seine Familie zu denken, weil ihn das so deprimierte. Also dachte er an irgendeine historische Schlacht, über die er genau Bescheid wusste. Ich dachte, es könnte interessant sein, das zu illustrieren. Wir wollten erreichen, dass sich der Leser in diese Erfahrungen hineinversetzen kann. Ich wollte in Christophes Gedanken eindringen und, so gut ich konnte, nachvollziehen, was er durchgemacht hatte. Ich denke mal, dass ich rauskriegen wollte, was ich denn getan oder gefühlt hätte, wenn ich an seiner Stelle gewesen wäre.

 

"Geisel" ist ganz anders als Ihre üblichen, eher lustigen Reiseberichte. Es spricht viel ernstere und persönlichere Themen an. Mussten Sie Ihren Stil zunächst einmal an den Stoff anpassen?

Ja, der Stil wurde von der Geschichte vorgegeben. Die Prämisse von "Pjöngjang" und anderen Reiseberichten ist, dass ich durch die Straßen eines unzugänglichen Landes wandere und versuche herauszufinden, was da eigentlich abläuft. Was dabei lustig ist, ist einfach die Art und Weise, wie ich versuche, diese kulturellen Unterschiede zu begreifen. Bei diesem Thema hier gibt es aber nichts zu lachen. Dadurch wurden meine Zeichnungen etwas ernster und realistischer. Das gleiche gilt für die Farben. Ich wollte das Ganze einfach und minimalistisch halten. Es musste alles sehr zerbrechlich erscheinen, um Christophes Gefühle darzustellen.

Was das Buch transportiert, ist ein Gefühl von Unsicherheit, Platzangst und Leere.

Das Buch ist ungefähr 400 Seiten lang und das meiste spielt sich innerhalb eines einzigen Raumes ab. Ich habe mich bemüht, alle Einzelheiten zu schildern, die die Unsicherheit und die Platzangst schildern, die Christophe empfunden hat. Ich erzähle davon, wie er im Haus einer Familie gehalten wird. Er weiß das nicht, aber seine Bewacher freunden sich langsam mit ihm an. Sie kommen hinein und bieten ihm Zigaretten an - sie sind also nicht unbedingt böse Menschen. Sie werden einfach nur bezahlt, um diesen Typ zu ernähren. Er denkt, dass er bald wieder freikommt, aber das tut er nicht. Dann hört er plötzlich dieses Geräusch in dem Haus. Es ist ein Kind, das im Flur Fußball spielt. Das Geräusch treibt ihn in den Wahnsinn, weil er nicht weiß, woher es kommt.

Guy Delisle Geisel (Drawn and Quarterly )

Delisles Stil in "Geisel" ist bewusst minimalistisch

Ist es richtig, dass die Komplizen von Kidnappern oft Menschen sind, die nicht aus ideologischen, sondern ganz anderen Gründen in diese schrecklichen Verbrechen verstrickt werden - zum Beispiel weil sie mit den Kidnappern verwandt sind oder keinen Schutz genießen?

Ja, oft haben diese Menschen gar keine andere Wahl. Vor allem in Tschetschenien, wo einige wenige Clans und Großfamilien das Sagen haben und man durch einen Eid an sie gebunden ist. Als André entkam, wurde er von einer Familie aufgenommen. Glücklicherweise gehörten sie einem anderen Clan an. Als er ihnen sagte, dass er entführt worden sei, versuchten sie, ihm zu helfen. Sie wussten sehr wohl, dass ihnen das eine Menge Ärger bereiten könnte, und leider kam es auch so. Sie wurden bedroht und mussten fliehen. Auf einen von ihnen wurde geschossen, weil er André geholfen hatte. Jetzt leben sie als Flüchtlinge in Frankreich. Und natürlich haben "Ärzte ohne Grenzen" und André alles getan, was sie konnten, um ihnen bei ihrem Asylantrag und ihrer Niederlassung behilflich zu sein.

Wie ist André entkommen?

Seine Entführer wurden immer fauler. Manchmal vergaßen sie, ihm Essen zu bringen, das war nicht gerade nett. Aber manchmal vergaßen sie auch, ihm Handschellen anzulegen, worüber er recht froh war. Und dieses eine Mal legte er sich zum Schlafen hin, mit hinter dem Kopf verschränkten Armen. Er konnte die Wand berühren, die er so lange nur hatte anstarren können.

Nach drei Monaten in Gefangenschaft war er müde und schwach geworden. Deshalb schlief er tagsüber viel. Normalerweise nahmen ihm die Bewacher zum Essen die Handschellen ab und legten sie ihm danach wieder an. Er wusste, dass die Tür des Raums kein Schloss hatte. Dieses eine Mal legte er sich zurück ins Bett und breitete die Bettdecke über sich aus. Also vergaßen die Bewacher, ihm seine Handschellen wieder anzulegen. Er wachte dann gegen vier Uhr nachmittags auf und wartete bis zum Sonnenuntergang. Dann dachte er zwei Stunden lang darüber nach, ob er es wagen sollte oder nicht, ob sie ihn wieder einfangen würden, ob sie ihn dann töten würden oder was als nächstes passieren würde. Er wusste noch nicht einmal, dass er sich in Tschetschenien befand. Schließlich wurde ihm klar, dass, falls er es nicht wagen würde, er dies für den Rest seines Lebens bereuen würde. Also machte er die Tür auf und lief davon.

In der Geschichte geht es auch um die tiefere Bedeutung der Freiheit für uns Menschen. Gibt es einen bestimmten Punkt in der Geschichte, der mit Ihren Gedanken über die Freiheit übereinstimmt?

Ja, als ich André zuhörte, wie er sein Dilemma schilderte - also ob er nun die Tür öffnen und fliehen sollte oder nicht - dachte ich, dass es hierbei in Wirklichkeit um die Entscheidung ging, ob er gewillt war, ein Risiko einzugehen und seine Freiheit wieder zu erlangen. Er wurde mit der Entscheidung konfrontiert: "Mache ich die Tür auf oder nicht?" Und da wurde mir klar: Die Freiheit konfrontiert uns mit schwierigen Entscheidungen. Es tut uns gut, daran erinnert zu werden, da wir unsere Freiheiten oft als selbstverständlich hinnehmen.

Das Interview führte Farhad Mirza.

Im März 2017 erschien "Geisel" von Guy Delisle auf Deutsch. Aus dem Französischen von Heike Drescher, Lettering: Olav Korth, Reprodukt, 432 Seiten.

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