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Tour de France

Geisel: "Die Sportwelt schaut auf Düsseldorf"

13 Millionen Euro wird Düsseldorf der Start der Tour de France kosten - aber weit mehr einbringen, glaubt Oberbürgermeister Thomas Geisel. Im Interview spricht er über Vorfreude, Sorgen und eine Doping-Ausstiegsklausel.

 Düsseldorfs Oberbürgermeister Thomas Geisel (Picture alliance/dpa/I. Fassbender)

Ein Sportler mit einem sportlichen Ziel: Düsseldorfs Oberbürgermeister Geisel hat mit dem Tour-Start Großes vor.

DW: Die Stadt Düsseldorf hat sich dieses Jahr viel vorgenommen: Nach der Tischtennis-WM und der Triathlon-EM folgt nun die Tour-de-France. Ein Kraftakt für Ihre Stadt?

Thomas Geisel: Da ist sicher ungewöhnlich. Ich kann mich nicht erinnern, dass es jemals ein Jahr gab, in dem wir drei so hochkarätige Sportereignisse hier in Düsseldorf durchgeführt haben. Aber wir sind gut vorbereitet und wir sind natürlich ein bisschen stolz darauf, dass die Sportwelt im Jahr 2017 auf Düsseldorf schaut.

Sie selbst sind passionierter Läufer und Radfahrer. Wie viel persönliche Leidenschaft steckt für Sie in diesem Projekt "Sportjahr 2017"?

Es steckt persönliche Leidenschaft drin. Aber nicht in erster Linie, weil ich selber Sportler bin. Sondern weil ich glaube, es passt sehr gut zu Düsseldorf. Ich glaube, es ist eine sehr gute Gelegenheit, diese Stadt als sportbegeistert zu präsentieren, aber eben auch als gastfreundliche und heitere Stadt, als sympathische Stadt. Ein Sportereignis wie die Tour de France ist eine Art Mischung zwischen Weltklassesportereignis und völkerverbindendem Volksfest. Ich glaube eine Million Besucher sind durchaus realistisch, jedenfalls dann wenn das Wetter passt. Ich mache es also sicher auch als leidenschaftlicher Sportler, aber in erster Linie als leidenschaftlicher Düsseldorfer. Und dass die Tour de France 30 Jahre nach West-Berlin zum ersten Mal wieder in Deutschland startet, das macht mich schon ein wenig stolz. 

Der Radsport galt lange Jahre wegen der vielen Doping-Schlagzeilen in Deutschland als nicht salonfähig. Warum hat sich das jetzt geändert?

Deutschland Düsseldorf (picture alliance/blickwinkel/S. Ziese)

Stadtmarketing via Radsport: OB Geisel glaubt an das mediale Potential der Tour de France.

Ich habe mir durchaus die Zeit genommen mit vielen Radsportverantwortlichen, aber auch mit vielen aktiven Radsportlern wie Tony Martin und Marcel Kittel zu sprechen. Und dabei ist bei mir der Eindruck entstanden, dass jeder im Radsport weiß, dass diese Sportart wahrscheinlich wie keine andere unter Beobachtung steht. Und wenn da noch einmal etwas passiert, dann ist die Sache erledigt. Und dann können alle auch ihre persönlichen Karrierepläne beerdigen. Deswegen bin ich sehr zuversichtlich, dass der Radsport mittlerweile sauber ist und dass alle Aktiven ein erhebliches Interesse daran haben, dass nichts passiert. 

Stimmt es dass Sie sich vertraglich von der Tour-Organisation ASO im Falle eines größeren Dopingskandals den Tour-Ausstieg haben zusichern lassen?

Wir haben die Möglichkeit auszusteigen, wenn die ARD aus diesem Grund aussteigt und nach unserer Kenntnis hat die ARD eine entsprechende Klausel in ihren Verträgen mit dem ASO, so dass wir sagen: Wir folgen der ARD, die ja eine sehr konsequente Antidoping-Politik fährt.

Deutschland lebt in Zeiten der ständigen präsenten Terrorgefahr. Insbesondere ein Outdoor-Event wie die Tour de France ist unfreiwillig auch ein potenzielles Anschlagsziel. Wie kann Düsseldorf die Sicherheit garantieren?

Deutschland-Tour 2008 Radrennen (picture-alliance/dpa/G. Breloer)

Eine Millionen Radsportfans - wenn das Wetter mitspielt. Geisel rechnet mit einem Besucheransturm.

Hundertprozentige Garantien gibt es nicht. Aber es gilt natürlich das, was menschenmöglich ist, an Sicherheit zu leisten. Und ich glaube, das tun wir. Wir haben in Düsseldorf natürlich auch Erfahrung mit Großveranstaltungen. Wir haben jedes Jahr einen Japan-Tag, zu dem zwischen einer halben Million und 750.000 Menschen kommen. Wir haben jedes Jahr den Rosenmontagszug, der einige hunderttausend Menschen nach Düsseldorf zieht und auch das sind vergleichbare Outdoor-Ereignisse, wo wir immer einen sehr sehr engen Kontakt mit der Polizei halten, wo man nun wirklich nichts dem Zufall überlässt. Es ist uns auch etwas wert. Ich habe immer gesagt "bei der Sicherheit wird nicht gespart". Wir werden den Aufwand betreiben, der erforderlich ist, der das menschenmögliche Maß an Sicherheit gewährleistet. Das ist ein Grund, weshalb die Kosten ein Stück weit in die Höhe gegangen sind, aber ich glaube, dafür wird jeder Verständnis haben. Wenn wir wegen Sicherheitsbedenken solche Ereignisse nicht mehr durchführen, dann hat der internationale Terrorismus eigentlich schon einen Teilerfolg erzielt - und das sollte man nicht zulassen.

Die Menschen in Hamburg und auch in München haben Olympischen Spielen zuletzt klare Absagen erteilt. Viele sehen das auch als Anzeichen einer gewissen Sportverdrossenheit in Deutschland. Sie stemmen gleich drei Sportereignisse in einem Jahr. Warum?

Ich glaube, dass da unterschiedliche Ursachen mit reinspielen. Es gab einen Grund, weshalb die Bewerbung Hamburgs gescheitert ist, was ich persönlich sehr bedaure. Es lag sicher auch an gewissen Vorbehalten, die man gegenüber internationalen Sport-Organisationen wie der FIFA - oder in dem Fall dem IOC - hat. Zu der Zeit war auch gerade der Skandal um die WM 2006 im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und von daher ging es wahrscheinlich weniger in erster Linie darum, ob Hamburg Olympische Spiele durchführen will, als vielmehr um Vorbehalte gegen das Organisationskomitee in Lausanne. Ich habe immer gesagt, wenn Düsseldorf nicht in der Lage ist, große Sportereignisse durchzuführen, wer dann? Und ich glaube, es wäre ein Jammer, wenn es in Deutschland keine großen Sportereignisse mehr gäbe. Deutschland ist ein sportbegeistertes Land.

Sind die Deutschen heutzutage vielleicht einfach zu kritisch gegenüber solchen Großereignissen - oder gar zu phlegmatisch?

Ich bin vorsichtig "die Deutschen" zu generalisieren. Ich denke, es gibt diese Tendenz wahrscheinlich - aber es ist ein Minderheiten-Phänomen. Man muss natürlich sagen, dass diese Minderheiten durchaus konfliktfähiger werden. Und jede Neuerung hat natürlich immer ein Stück weit die Darlegungs- und Beweislast, dass etwas gut ist für die Stadt. Also business as usual muss nicht bewiesen werden, aber wenn man etwas Außergewöhnliches macht, dann müssen sie die Menschen davon überzeugen.

Apropos überzeugen: Kritik regte sich zuletzt wegen der Kosten des Tour-Starts, die auf 13 Millionen Euro gestiegen sind. Warum ist die Tour dennoch gut für Düsseldorf? 

Ursprünglich lagen wir bei 11,5 Millionen Euro, jetzt sind wir bei 13 Millionen, wegen Mehrkosten bei der Sicherheit. Aber wir haben bereits mehr als sechs Millionen Euro eingenommen, das gab es bei uns noch nie. Es werden viele Menschen nach Düsseldorf kommen und hier auch Geld ausgeben. Und der Tour-Start hat einen sehr positiven Effekt für das Stadtmarketing. Der Mediawert soll laut unserer Experten 30 Millionen Euro betragen. Meiner Meinung nach wird die Tour de France der ganzen Welt die schönsten Seiten Düsseldorfs zeigen. Das ist Marketing, das man unabhängig von diesem Ereignis gar nicht bezahlen könnte. Und dann ist es natürlich auch ein Ereignis, das sehr viele Gäste nach Düsseldorf bringt. 

 Düsseldorfs Oberbürgermeister Thomas Geisel (Picture alliance/dpa/M. Hitij)

Olympia an Rhein und Ruhr? "Aus meiner Sicht wäre das durchaus willkommen", sagt Geisel.

Aber es hat auch andere Aspekte: Wir haben immer klar gesagt, es ist auch ein politisches Statement für Europa, für die deutsch-französische Freundschaft. Das ist, glaube ich, eine Sache, die gerade in diesen Tagen sehr notwendig ist. Es ist ein tolles Zeichen, wenn ein Sportereignis, das gewissermaßen zur DNA Frankreichs gehört, seinen Ausgang in Deutschland nimmt. Dann ist es auch eine politische Botschaft, die wir ganz bewusst aussprechen wollen. Und natürlich ist der Tour-Start auch - und das ist gerade hier in Düsseldorf wichtig - ein Bekenntnis zum Fahrrad als Verkehrsmittel. In der Verkehrspolitik in einer so verdichteten Metropole wie Düsseldorf setzen wir ganz bewusst auf das Fahrrad und freuen uns, dass das Fahrrad heute schon das Verkehrsmittel mit der größten Wachstumsrate ist. 

Wenn Düsseldorf Tischtennis-WM, Triathlon-EM und Tour de France kann, kann Düsseldorf dann auch Olympia?

Das gehört zu den Themen über die man reden sollte, wenn Anlass dazu besteht. Solange die Entscheidung für 2024 nicht gefallen ist, ist das Thema eher ein Thema zum Nachdenken als zum darüber sprechen. Aber gut: Wenn Paris nicht den Zuschlag für 2024 bekommt, dann wäre das sicher eine sehr interessante Herausforderung und nach meiner Einschätzung auch eine große Chance für die Region. Es ist sicher eine Aufgabe, die Düsseldorf allein nicht meistern kann. Aber innerhalb der Metropolregion Rhein-Ruhr kann man sich das durchaus vorstellen. Es gibt hier schon sehr viele sehr moderne Sportstätten, so dass Olympia in erster Linie ein Aufbauprojekt wäre, ein Aufbauprojekt für die Infrastruktur - insbesondere der Verkehrsinfrastruktur. Aus meiner Sicht wäre das durchaus willkommen.

Thomas Geisel, Jahrgang 1963, ist seit 2014 Oberbürgermeister von Düsseldorf. Nach seinem Studium der Rechts- und Politikwissenschaften in Freiburg, Genf und Washington arbeitete er zunächst als Referent für die SPD, ehe er in die Energiewirtschaft wechselte. Als Bürgermeister will Geisel, der selbst Rennrad fährt und mehrere Marathons pro Jahr läuft, Düsseldorf zu einer Sportstadt machen. Bei der städtischen Opposition stießen vor allem seine Grand-Départ-Pläne auf Ablehnung. Beobachter sehen daher einen Zusammenhang zwischen einem erfolgreichen Tour-Start und einer möglichen Wiederwahl Geisels.

Das Interview führte Joscha Weber.

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