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Sport

Geipel: "Kinderdoping ist Missbrauch"

Die Studie über Doping in Westdeutschland lässt weiter viele Fragen offen: Unter anderem, inwieweit auch Kinder gedopt wurden. Ein Skandal, findet Ines Geipel, Vorsitzende des Doping-Opfer-Hilfevereins.

DW: Ines Geipel, organisiertes, systematisches und offensichtlich sogar von der Politik zumindest geduldetes Doping: Hätten Sie das einem demokratischen Staat wie der Bundesrepublik Deutschland zugetraut?

Ines Geipel: Was wir heute wissen ist: 1971 wurde eine systemische Pro-Doping-Forschung angeschoben. Was die Ergebnisse im Einzelnen betrifft, müssen die Forscher aus meiner Sicht auch noch ein bisschen nachlegen. Gleichwohl, einige Fakten liegen vor: Minderjährigen-Doping, Blutdoping, Einflussnahme der Politik und auch des organisierten Sportes, also der "obersten Heeresleitung“. Das ist schon alles traurig genug. In Freiburg und Saarbrücken gab es regelrechte Doping-Zellen, in denen auch systemisch gedopt wurde und an den Äußerungen der ehemaligen Athleten wird deutlich, dass Doping dort eine gewisse Selbstverständlichkeit hatte.

Inwiefern lassen sich die Dopingsysteme in West- und Ostdeutschland miteinander vergleichen?

Dieser Vergleich ist tatsächlich immer noch schwer zu ziehen. Aber was sichtbar wird durch die Studie, ist, dass es in beiden Ländern ein sehr ähnliches Denken der Verantwortlichen gegeben hat. Bereits in den frühen Siebziger Jahren wurde das Doping in massiver Form angeschoben. Ich würde aber trotzdem einen kategorischen Unterschied machen zwischen einer systemischen Pro-Doping-Forschung im Westen und einem Zwangsdopingsystem im Osten, das von oben verordnet wurde. Die Athleten im Osten hatten keine Autonomie wie ihre Kollegen im Westen.

Mitglieder der Forschungsgruppe sind sich sicher, dass es eine Aktenvernichtung gab, bevor die Forscher ihre Arbeit beginnen konnten. Sehen wir also nur die Spitze des Eisbergs?

Das muss geklärt werden. Offenbar hat es 2005 und 2006 in größerem Umfang Aktenvernichtung gegeben. Außerdem untersucht die Studie nur den Zeitraum bis ins Jahr 1990. Es besteht die Gefahr, dass mögliche Doping-Akten aus der Zeit nach 1990 in den Schredder kommen. Hier muss die Politik jetzt sehr schnell reagieren.

Der elfjährige Devin Woitalla beim Training im brandenburgischen Cottbus, aufgenommen am 11.03.2010. Devin geht auf ein Sportinternat. Er trainiert oft schon früh morgens. (Foto: dpa)

Mit allen Mitteln: Gab es nicht nur in der DDR, sondern auch in der BRD Kinderdoping?

In den untersuchten Dokumenten finden sich auch Hinweise auf Kinderdoping. Hat man auch in Westdeutschland Kinder gedopt?

Es sieht ganz so aus. Es gibt offenbar Unterlagen, in denen von elfjährigen Kindern die Rede ist. Bei diesem Gedanken habe ich ein ganz schlechtes Gefühl. Kinderdoping ist eine Art von Missbrauch und auch seelische und physische Enteignung.

Aus Ihren eigenen Erfahrungen mit dem Dopingsystem in der DDR: Welche Auswirkungen hat Doping auf Minderjährige?

Als Vorsitzende des Doping-Opfer-Hilfevereins bekomme ich immer wieder die Dokumente von Dopingschäden auf den Tisch. Besonders die Gaben von Steroiden, männlichen Sexualhormonen, in einem sehr frühen Alter können massive Spätschäden verursachen: Krebserkrankungen und auch psychische Störungen. Viele ehemalige Athleten, die wir betreuen, sind schwer suchtkrank, sitzen zum Teil in Psychiatrien. Es gibt Schäden in der zweiten Generation, nämlich behinderte Kinder mit Klumpfüßen, Wasserköpfen und Fettstoffwechselstörungen. Außerdem haben die ehemaligen Athleten Organschäden an Herz, Niere oder Leber. Das sind sehr, sehr schwere Erkrankungen. Uns fällt es oft schwer, in diesen Fällen überhaupt in irgendeiner Weise noch sinnvoll zu helfen. 12.000 ehemalige DDR-Athleten sind zwangsgedopt worden. Rund 15 Prozent von ihnen haben irreparable Schäden und uns liegt mittlerweile eine lange Todesliste vor. Also die Athleten, die heute zwischen 45 bis 50 Jahre alt sind, sterben uns an diesen massiven Schäden geradezu weg.

Die Schriftstellerin und Hochschulprofessorin Ines Geipel gehörte zu den besten Sprinterinnen der DDR, war Weltrekordlerin, Dopingopfer und Republikflüchtling, aufgenommen am 03.06.2012 in Köln. (Foto: Horst Galuschka)

Kämpft entschlossen für die Opfer von Doping in Deutschland: Ines Geipel

Kann man das Doping der Nachwuchssportler überhaupt strafrechtlich verfolgen?

Ja natürlich! Dazu müssen die Dopingakten jetzt in vollem Umfang auf den Tisch. Es sind die über 800 Seiten, es sollten möglichst viele Namen genannt werden, denn auch im Hinblick auf die DDR-Geschichte sind ja immer Ross und Reiter genannt worden. Im Osten gab es Verurteilungen. Da diese Dopingmachenschaften kriminell sind, müssen nun die Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen werden.

Sie kümmern sich um rund 600 Doping-Opfer, bisher nur aus dem Osten Deutschlands. Wird es Zeit, nun auch über Entschädigungen von Doping-Opfern in Westdeutschland zu diskutieren?

Ich bin sehr dafür. Wenn es darum geht, Schäden aufzufangen, darf es keinen Unterschied zwischen Ost und West geben.

Deutsche Trainer, Sportärzte und Sportwissenschaftler sind zahlreich auch im Ausland tätig. Ist es möglich, dass manch einer da auch deutsches Doping Know-How exportiert hat?

Das war die absolute Praxis nach 1989. Gerade die belasteten DDR-Leute sind in die ganze Welt gegangen, um Rekorde und Medaillen zu produzieren. Ich bin dafür, dass gerade Funktionäre und Trainer, die zu diesem System gehört haben, befragt werden und dies auch öffentlich geschehen sollte. Sonst kann man sie nicht im Sport arbeiten lassen, wo es nicht nur um Profis, sondern auch um die Träume von Jugendlichen geht.

Wie glaubwürdig sind die Aussagen von führenden Politikern wie dem damaligen Innenminister Hans-Dietrich Genscher, nichts vom systematischen Doping gewusst zu haben?

Die Dopingstudie zeigt ja nun wirklich klar, dass Politiker wie Hans-Dietrich Genscher oder auch Wolfgang Schäuble gerade vor Olympischen Spiele wie 1972 in München Medaillen gefordert haben. Das war ein direkter Auftrag an den Sport.

Thomas Bach vor Mikros (Foto: EPA)

Ines Geipel findet DOSB-Präsident Thomas Bach nicht glaubwürdig

Einen großen Teil der Dopingstudie wurde einer Forschungsarbeit mit dem Titel "Testosteron und Regeneration" gewidmet. Die stammt von Sportmediziner Dr. Bernd Wolfarth. Der ist heute Leitender Olympiaarzt des DOSB und in der medizinischen Kommission der NADA. Was sagt das über den Spitzensport und seinen Anti-Doping-Kampf aus?

Das kann jeder selbst beurteilen. Um Wohlfahrt gibt es bereits Streit, aber ich beobachte auch gerade beim DOSB, dass bestimmte Leute geschützt werden. Das ist eine Mauer-Politik. Und dann ist da noch [DOSB-Präsident, Anm. d. Red.] Thomas Bach, der sagt, dass er von all dem nichts wusste. Ein Spitzenathlet mit Medaillen um die Brust aus den Siebziger Jahren weiß nichts vom Doping? Das finde ich alles ziemlich lächerlich.

Ines Geipel ist Vorsitzende des Doping-Opfer-Hilfevereins und als Buchautorin ausgewiesene Doping-Expertin. Während sie heute energisch für eine Aufarbeitung des Dopings in Deutschland kämpft, musste sie früher selbst unfreiwillig Bekanntschaft mit Doping machen. Als erfolgreicher Sprinterin wurde ihr in der DDR Doping verordnet. 1984 stellte sie - gedopt - in der Staffel des SC Motor Jena mit 42,20 Sek. den heute noch gültigen Vereins-Weltrekord über 4 x 100 Meter auf. Geipel hat den Rekord später juristisch angefochten und wurde auf ihren Antrag hin vom Deutschen Leichtathletik-Verband aus der Rekordliste gestrichen. 1985 musste Geipel ihre Sportkarriere beenden, da sie aus dem Zwangsdoping ausstieg und das DDR-Regime mehr und mehr ablehnte.

Das Interview führte Joscha Weber.

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