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Geil

Ich habe eine traurige Botschaft zu verkünden. Sie lautet: Dem Wort "geil" geht’s momentan schlecht. Seine guten Tage sind vorbei.

Deutschland Schriftsteller Burkhard Spinnen. Foto privat

Burkhard Spinnen

"Geil" befindet sich auf dem absteigenden Sprachast. Erinnern Sie sich eigentlich noch an seinen Aufstieg? Ich tu’s! Als ich ein Junge war, verbrachte geil noch die meiste Zeit in üblen Kaschemmen und dunklen Hinterhöfen. Es war ein Wort, das man nicht laut sagen durfte, wollte man nicht des Hauses verwiesen werden, ein Tabuwort, ein echtes "four-letter-word". Aber es war auch ein magisches Wort, eines von denen, die gewissermaßen herbeizitieren, was sie aussprechen, hier natürlich: die sexuelle Erregung.

Geil macht Karriere

Doch in den siebziger Jahren begann geil, eine Art Sprachkarriere zu machen. In der Jugendsprache bezeichnete es jetzt nicht nur die Erregung, sondern auch das, was die Erregung hervorgerufen hatte. Geil übernahm die Funktion von Worten wie aufreizend, attraktiv, verführerisch. Doch das war nur eine Vorstufe seiner Befreiung aus der Tabuzone.

Denn vollends warf geil seine gesellschaftlichen Fesseln erst in den achtziger Jahren ab, als es begann, schlechthin alles irgendwie Positive zu bezeichnen: geile Klamotten, geile Frisur, geile Musik, geile Party, geile Typen. Wie müssen damals die älteren Sprachbenutzer gezittert haben, wenn die jüngeren lauter Geilheit in der Welt sahen. Wie müssen sie sich gefühlt haben? – Vermutlich so, wie ich mich heute fühle, wenn 14-jährige Mädchen in meiner Gegenwart das Wort mit F aussprechen!

Leer und verbraucht

Richtig geile Kunst: Plakat

...Na ja

Den Höhepunkt seiner Karriere erlebte geil im Jahr 2003, als eine Elektronikhandelskette unter dem Slogan "Geiz ist geil" eine Werbekampagne startete, die ganz auf das Angebot von Niedrigpreisen abgestellt war. Spätestens jetzt war geil der Marktführer im Sprachbereich "positive Attribute" geworden. Es war endgültig, wenn man so sagen darf, in aller Munde.

Doch wie das immer so ist: Wenn ein Element der Pop- oder Untergrundkultur Karriere bei den gutbürgerlichen und anständigen Leuten macht, dann verbraucht sich seine subversive Kraft. Dann wird es lendenlahm, seine Schockwirkung ist dahin. Genau so geht es jetzt geil. Hört man nicht schon die Enttäuschung durch, wenn einer sagt, etwas sei geil. Es klingt wie: nur geil, sonst nichts. Vielleicht erleben wir es ja noch, dass geil wieder in den Kaschemmen und Hinterhöfen verschwindet.

Da wird es sich dann ausruhen vom übermäßigen Gebrauch. Und irgendwann kommt es wieder zurück, frisch und tabuverletzend wie einst. Da wäre ich gerne wieder dabei. Aber die Chancen dafür stehen schlecht.

Burkhard Spinnen, geboren 1956, schreibt Romane, Kurzgeschichten, Glossen und Jugendbücher. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet. Spinnen ist Vorsitzender der Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises. Zuletzt ist sein Kinderbuch "Müller hoch Drei" erschienen (Schöffling).

Redaktion: Gabriela Schaaf

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