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Alltagsdeutsch – Podcast

Geigenbauer

Viele alte Handwerksberufe sind aufgrund der fortschreitenden industriellen Fertigung in ihrer Existenz bedroht oder bereits ganz verschwunden. Nicht so der Geigenbauer, der noch immer jeder Maschine überlegen ist.

Sprecherin:
Ulrich Seitz aus Köln hat 1979 seine Lehre als Geigenbauer begonnen. Wie viele andere hat er den Weg zu diesem Beruf durch die Musik gefunden.

Ulrich Seitz:
"Ich hab‘ während meiner Schulzeit unheimlich viel Musik gemacht, und irgendwann interessiert's einen eben auch, wie funktioniert das gute Stück, was man da unterm Kinn hat. Und mich hat erst mal auch die physikalische Seite sehr interessiert, also ich hab' mir dann irgendwann überlegt, 'ne Alternative zur Musik wäre ja vielleicht noch die Physik gewesen. Ist 'n bisschen ungewöhnlich als Zugang, aber ja, das war so erst mal der Aufhänger, und dann anschließend in meinen Überlegungen bin ich eben dazu gekommen, dass irgend so ein Schreibtischberuf oder Ähnliches für mich dann doch nicht das Richtige wäre. Ich möchte es dann schon lieber handfest mit einem Ergebnis am Ende. Und deshalb war denn der Geigenbau eigentlich 'ne gute Alternative. Ja, man versucht sich eben vorher, so weit wie es geht, zu informieren ... als Musiker weiß man, dass es Geigenbauer gibt, sowieso, und dann geht man halt mal zu einem hin und redet mit ihm und kriegt dann doch spitz, dass es nicht ganz brotlos ist."

Sprecher:
Ulrich Seitz hat einen ungewöhnlichen Zugang zum Geigenbau gefunden. Die Physik der Klänge und des Klangkörpers Geige war für ihn der Aufhänger. Mit Aufhänger bezeichnet man den Anknüpfungspunkt oder auch den vorläufigen Titel einer Sache. Wie bei einem Haken, an dem man ein Handtuch befestigt, ist der Aufhänger etwas, an das man seine Ideen hängt. Am Geigenbau gefiel Ulrich Seitz das Handfeste. Mit handfest beschreibt man praktische, eindeutige und übersichtliche Dinge. Anders als ein theoriebetontes Physikstudium ist der Beruf des Geigenbaus daher für Ulrich Seitz eine handfeste Sache. Wichtig war für seine Entscheidung auch, dass der Geigenbau nicht ganz brotlos ist, also durchaus einen Beruf darstellt, in dem man Geld verdienen kann. Das hatte Ulrich Seitz durch seine musikalische Erfahrung spitz gekriegt, wie er sagt. Der Spitz ist ein besonders wachsamer Hund. Und wegen dieser Wachsamkeit leiten sich von ihm mehrere Begriffe ab. Jemanden bespitzeln heißt zum Beispiel, andere heimlich auszuhorchen. Spitzel ist daher ein umgangssprachliches Wort für den Spion. Wer etwas spitz bekommt, drückt umgangssprachlich aus, dass er etwas herausgefunden oder erfahren hat.

Sprecherin:
Ulrich Seitz hat sein Handwerk in einer speziellen Schule im oberbayerischen Mittenwald erlernt. Die meisten deutschen Geigenbauer werden dort ausgebildet, denn eine Lehre bedeutet Kosten, die sich viele Geigenbaubetriebe nicht leisten können. Die Fachschule in Mittenwald wird überwiegend staatlich finanziert. Hinzu kommt der Verkauf der Werkstücke, die von den Schülern im Laufe ihrer Lehre hergestellt werden. In der Ausbildung zum Geigenbauer erlernt man auch Bau, Pflege und Restaurierung anderer Instrumente. Die Verwandten der Geige, der Kontrabass und das Cello, ergänzen das Können der Schüler. Doch so umfassend der Lehrplan auch sein mag, viele Feinheiten erfährt man erst in der späteren Praxis.

Ulrich Seitz:
"Wenn man in Mittenwald aus der Schule rauskommt, weiß man zwar, wie man mit seinem Werkzeug umgeht und wie es aussieht und wie 'ne Geige aussieht und wie sie sich baut, aber viel weiter geht das natürlich nicht. Also die Feinheiten der Reparatur, die muss man alle erst noch lernen, und insofern ist das zweite Lehre. Man fängt wieder bei Adam und Eva an und kriegt gezeigt, wie das funktioniert."

Sprecher:
Die Anstellung nach der Gesellenprüfung war für Ulrich Seitz eine Art zweite Ausbildung. Er musste wieder bei Adam und Eva anfangen. Das Bild der biblischen Schöpfung ist eine beliebte Redewendung, um zu betonen, dass etwas wirklich noch einmal ganz von vorne beginnt und deshalb auch einige Mühsal bedeutet.

Sprecherin:
Der Beruf des Geigenbauers war und ist ein hochspezialisiertes Handwerk. In Deutschland gibt es heute fast 400 Geigenbaubetriebe, die selten mehr als einen weiteren Angestellten haben. Viele Geigenbauer gehen nach Abschluss ihrer Lehre ins Ausland, um dort Berufserfahrungen zu sammeln. Ulrich Seitz arbeitete zunächst drei Jahre in Frankreich. Dann beschloss er, noch ein weiteres Land kennen zu lernen.

Ulrich Seitz:
"Anschließend wollte ich dann so mein Englisch wieder auffrischen, nur in England war damals mit Stellen überhaupt nichts zu machen, bin ich in die USA. Und das war auch insofern sehr interessant, als die USA eben ... ja, die stecken nicht ganz so tief in der Tradition drin und haben andererseits 'n extremes Klima im Vergleich zu Europa ... Mittelwesten, eisekalte, trockene Winter, extra feuchte Sommer. Von daher müssen die an so manche Reparatur auch ein bisschen anders rangehen, und da gibt's eben Reparaturen, die in Europa jahrelang halten, die dort unter den Klimabedingungen ziemlich schnell den Geist aufgeben. Insofern war das sehr interessant. Nur, es war auch gut, vorher schon in Europa ordentlich gearbeitet zu haben, um zu wissen, was ist für den Hausgebrauch dann gut und was ist schlecht, dass man da sortieren kann, was ist notwendig und was kann man sich hierzulande verkneifen."

Sprecher:
Im amerikanischen Mittelwesten ist das Klima rau, und viele Geigen reagieren darauf empfindlich. Manche Geige gibt schnell den Geist auf, das heißt, sie ist schnell wieder kaputt und muss repariert werden. Den Geist aufgeben, das macht in der deutschen Sprache so manches, zum Beispiel eine Auto, das mitten auf der Kreuzung stehen bleibt oder ein altes Klavier, das nur noch schiefe Töne von sich gibt. Ulrich Seitz war froh, auch schon in Europa gearbeitet zu haben, denn das hat ihm bei der Arbeit in Amerika geholfen. Er wusste dadurch, was für den Hausgebrauch, also für die meisten Alltagsarbeiten, notwendig ist. Und er wusste natürlich auch, was er sich verkneifen konnte – ein umgangssprachlicher Ausdruck für die Ideen, die man besser nicht im praktischen Leben anwendet, auch wenn man es manchmal gerne getan hätte. Verkneifen leitet sich aus der Studentensprache ab. Bei dem in einigen Burschenschaften üblichen Zweikampf mit Fechtwaffen bedeutet kneifen, den Kopf vor dem Hieb wegzuziehen. Die Bedeutung hat sich auf die heutige Umgangssprache übertragen. Kneifen heißt daher, sich vor etwas zu drücken oder zu fliehen.

Sprecherin:
Geigenbauer leben überwiegend von der Restauration und Wartung alter Instrumente. Neue, vom Meister selbst gefertigte Geigen werden nur selten verlangt. Wer eine ältere Geige in guter Qualität und mit einem klangvollen Namen wünscht, der muss sehr viel mehr ausgeben als für ein neugefertigtes Instrument. Für die einzelnen Arbeitsbereiche des Geigenbauers gilt: Jede Kundschaft erfordert einen anderen Einsatz.

Ulrich Seitz:
"Ja man muss sich bewegen, man muss unterwegs sein. Klinken putzen, dafür sorgen, dass man bekannt ist in den Musikerkreisen, auch ständig am Ball sein, nachhorchen, wer braucht was, wer sucht was. Also, das ist dann nicht der Job für den Mensch an der Werkbank."

Sprecher:
Wer mit Geigen Handel treibt, meint Ulrich Seitz, muss auch Klinken putzen. Die Wendung spielt scherzhaft darauf an, dass Vertreter oder Bettler, die von Tür zu Tür ziehen, die Klinken blank reiben. Inzwischen wird Klinken putzen auch allgemeiner verwendet und bedeutet, dass man Menschen anspricht, um sie als Kunden zu gewinnen, das jedoch nicht nur an der Haustür. Und um zu wissen, wer ein Instrument brauchen könnte, muss man ständig am Ball bleiben. So wie ein Fußballspieler den anderen verfolgt, muss der Geigenbauer sich ständig informieren und bei Kunden nachfragen, um – im übertragenen Sinne – am Ball zu bleiben."

Sprecherin:
Mitten in der Kölner Innenstadt liegt das Geschäft der Familie Bünnagel. Neben verschiedenen Streichinstrumenten kann man hier auch Saiten, Taktgeber und anderes Zubehör bekommen. Schon seit vielen Jahrzehnten sind Laden und Geigenbauwerkstatt in Köln bekannt. Wolfgang Bünnagel:

Wolfgang Bünnagel:
"Das Geschäft ist in den 20er Jahren gegründet worden, also vor dem Krieg, und war in unmittelbarer Nähe der damaligen Hochschule für Musik. Dann ist das Geschäft und die Werkstatt und die Wohnung meiner Eltern im Krieg ausgebombt worden, also zerstört, und nach dem Krieg wurde das dann erst in Köln-Sülz, das ist ein Vorort der Stadt, na ja, wie so viele Betriebe dann angefangen haben, auf der Etage wiedergegründet. Es war ja sehr schwierig, in Köln wieder Fuß zu fassen, es war ja nun sehr kaputt. So war also zunächst mal die Wohnung und die Werkstätte eins, in einem Raum wurde gegessen und geschlafen, und im anderen Raum hat mein Vater dann die Instrumente wieder repariert. Das war doch, wie er immer erzählt hat, erstaunlich, wie viel oder wie groß die Sehnsucht der Menschen halt war nach diesen schrecklichen Kriegsjahren dann doch wieder Musik treiben zu können, und so gesehen ging der Aufschwung ... ging es dann relativ schnell, sogar."

Sprecher:
Köln war nach dem Zweiten Weltkrieg eine stark zerstörte Stadt. Deshalb war es für viele Menschen schwierig, wieder Fuß zu fassen. Die Wendung meint eigentlich, einen festen Stand für die Füße zu erlangen, was zum Beispiel eine wichtige Voraussetzung für den Kampf ist, aber auch, um sich fortzubewegen. Im übertragenen Sinne bedeutet Fuß zu fassen, mit seiner Arbeit Erfolg zu haben und ein gesichertes Auskommen zu erreichen.

Sprecherin:
Die Aufgabe eines Geigenbauers liegt in der feinen Bearbeitung des Materials, in der Arbeit am Detail. Bis heute gibt es keine industrielle Fertigung solcher Instrumente. Wolfgang Bünnagel übt seinen Beruf mit großer Gewissenhaftigkeit aus. Natürlich hat er auch Vorlieben, doch Sorgfalt gilt jedem Instrument. Der Geigenbau ist eng verknüpft mit dem Künstlerberuf des Musikers, und dennoch ist der Geigenbauer ein Handwerker im ursprünglichen Sinne. Allerdings kann diesen Beruf nur sinnvoll ausüben, wer ein tiefgehendes musikalisches Verständnis hat. Handwerkliches Feingefühl ist für den Umgang mit den oft kostbaren Instrumenten unabdingbare Voraussetzung. Manchmal könnte man auch die Leistung des Geigenbauers schon als Kunstwerk betrachten. Wolfgang Bünnagel erinnert sich an eine seiner schwierigsten Aufgaben.

Wolfgang Bünnagel:
"Das war eine Cello Reparatur. Ein Student ist hier in Köln noch in der alten Hochschule mit seinem Cellokasten im Paternoster zwischen ... oder der Cellokasten ist zwischen den Etagen hängen geblieben. Man kann sich vorstellen, wie Kasten und der Inhalt aussahen. Es handelte sich um ein italienisches Cello, was dann nun wirklich in Bruch- und Einzelstücken zu uns kam, und auch das ist möglich, wieder so zu leimen, dass es erstens mal wieder nach einem Cello aussieht und vor allen Dingen auch klanglich wieder so auf Vordermann zu bringen, dass es danach genauso wieder einsetzbar war wie vorher. Das war eine spektakuläre Sache."

Sprecher:
Der arme Student wurde schwer geschädigt. Sein Cello blieb im Paternoster hängen. Der Paternoster ist ein ständig durchlaufender Aufzug ohne Türen, in den man hineinspringen muss, um mitzufahren. Heute sind diese Aufzüge aus Sicherheitsgründen nur noch selten anzutreffen. Wolfgang Bünnagel hat es geschafft. Er hat das zerstörte Cello nicht nur wieder zusammenbauen können, er hat auch dessen Klang wieder auf Vordermann gebracht. Die Wendung stammt aus dem militärischen Bereich. Bei der Aufstellung richten sich die Soldaten nach dem Vordermann aus, so dass eine geordnete Reihe entsteht. Die Ordnung, der Zustand, so wie er sein soll, drückt sich auch in der umgangssprachlichen Redewendung aus. In Ordnung, also auf Vordermann bringen kann man vieles, den Haushalt, eine Maschine und eben auch eine Geige.

Sprecherin:
Geigenbauer sind und bleiben eine Ausnahme in unserer Berufswelt. Eine Maschine, die Geigen mit den gleichen Klangqualitäten herstellen und reparieren kann wie ein Handwerksmeister, ist nicht in Aussicht.


Fragen zum Text:

Was bezeichnet das Wort Spitzel?
1. eine Hundeart
2. einen Spion
3. eine besonders wertvolle Geige

Ein Auto, das mitten auf der Kreuzung liegen bleibt, ...
1. gibt den Geist auf.
2. ist nicht mehr am Ball.
3. kneift.

Die Redewendung etwas auf Vordermann bringen stammt aus ...?
1. dem handwerklichen Bereich
2. der Studentensprache
3. dem militärischen Bereich


Arbeitsauftrag:
Informieren Sie sich über die einzelnen Bestandteile einer Geige bzw. ihre Bezeichnungen. Stellen Sie diese schematisch dar.

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