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Musik

"Geige von Buchenwald" erklingt erstmals wieder öffentlich

Bei einer illegalen Trauerfeier oder bunten Abenden im KZ Buchenwald hat sie der Häftling Bruno Apitz gespielt. Danach ruhte seine Geige jahrzehntelang. Nun erklingen ihre Töne in Erfurt zum ersten Mal wieder.

Als "Die Geige von Buchenwald" wurde das Instrument bekannt: Schriftsteller Bruno Apitz (1900 - 1979) spielte die Violine während seiner Haft im gleichnahmigen Konzentrationslager im heutigen Thüringen.

Jetzt soll das Instrument zum ersten Mal seit über 70 Jahren im Rahmen eines "Gesprächskonzerts" neu erklingen: Matthias Wollong, 1. Konzertmeister der Sächsischen Staatskapelle, spielt auf ihr am Donnerstagabend (07.09.2017) in der Erfurter Peterskirche Musik aus den Konzentrationslagern.

Violinist Wollong spielt auf der «Geige von Buchenwald». (Foto: picture-alliance/dpa/C. Welz)

Für Matthias Wollong ist die Geschichte der Violine beim Spielen spürbar

"Da wird mindestens genauso viel geredet wie musiziert", erklärt Wollong vor dem Konzert voller Vorfreude. 

"Es ist ein unheimlich spannender Vorgang, Geschichte klingend erkennbar zu machen, und vor allem auch diese Geschichte dadurch zu erklären. Man weiß allgemein zu wenig über Musik in den Lagern, über Häftlingskapellen. Und das Konzert ist vielleicht auch ein Beitrag dazu, mehr über diese vergessene Geschichte zu erzählen."

Die Geschichte eines Überlebenden

Die Vorführung findet im Rahmen der Achava Festspiele statt, mit dem der interkulturelle Dialog zwischen Israel und Deutschland gefördert werden soll. Apitz war zwar kein Jude, dennoch wollen die Veranstalter der Festspiele sein Engagement für die demokratischen Grundwerte im Dritten Reich beleuchten. Dazu gehört auch seine Geige:

Schwarz-weiß Bild von Bruno Apitz. (Foto: picture alliance/akg-images)

Die Geige hat Bruno Apitz das Leben gerettet

"Apitz war ein durchaus vielschichtiger und zugleich umstrittener Mensch. Er war ja ein politischer Häftling als Kommunist, aber politische Häftlinge galten bei der SS durchaus als zuverlässige Gegenüber. Und so überlebte er das Lager", erläutert Matthias Wollong.

"Sein Name ist natürlich untrennbar mit dem autobiographischen Buch 'Nackt unter Wölfen' verbunden, und das Buch wurde später bei uns (Anm. der Red.: in der DDR) ja auch zur Pflichtlektüre in der Schule. Aber die Vorführung beschäftigt sich nicht so sehr mit dem Buch, sondern eher mit der Musik im Lager. Davon wissen die meisten Menschen nur sehr wenig."

Musik als Überlebensmechanismus

Helmke Jan Keden, Professor für Musikpädagogik an der Bergischen Universität Wuppertal, meint, dass zwar "nicht wenig über Musik in den Lagern publiziert wurde, aber in der allgemeinen Bevölkerung ist das Thema Musik in Konzentrationslagern weitgehend unbekannt."

Dabei spielte Musik in der Tat eine große Rolle - vor allem in Apitz' Gefangenschaft. Zwar beschäftigt sich der Schriftsteller in seinem Roman von 1958 eingehend mit den Erfahrungen im Konzentrationslager, aber Details zu seiner Verbindung mit der "Geige von Buchenwald" wurden erst viel später bekannt. Apitz soll die Geige nach dem Krieg nie wieder gespielt haben. Seine Frau Marlies überließ sie 1979 nach dem Tod ihres Mannes samt Kasten der Gedenkstätte in Buchenwald.

Eine Rose liegt auf einer Gedenktafel. Im Hintergrund eine Baracke. (Foto: picture-alliance/dpa/M. Schutt)

Im KZ-Buchenwald starben über 50.000 Menschen

Für Apitz war die Geige zu Lebzeiten ein Symbol der Unterdrückung. "Wir waren Luxussklaven", sagte Apitz 1976 in einem Interview. Oft wurde er dazu gezwungen, vor SS-Offizieren zu spielen, obwohl er eigentlich nur ein Amateur war. Bei manchen Anlässen musizierte er aber auch vor seinen Mitgefangenen. 

"Einerseits half die Musik den Häftlingen, diese Qualen im KZ auszuhalten und dabei so eine Art von Normalität zu erleben. Andererseits wurde die Musik auch bewusst als Qual eingesetzt, wenn Gefangene zum Beispiel vor den Soldaten spielen mussten", erklärt Keden im Gespräch mit der DW.

"Musik ist in unserer Gesellschaft ja unglaublich positiv konnotiert. Es ist daher sehr schwierig, Musik mit dem Wort 'Konzentrationslager' in Verbindung zu bringen. Es ist interessant, dass auch musikalische Werke in Konzentrationslagern entstanden sind - sowohl instrumentale als auch Chormusik. Musik von den Unterdrückten. Es ist fast unvorstellbar, dass in so einer Umgebung Musik entstehen konnte."

Die Geige von Buchenwald in einem Geigenkoffer. (Foto: picture-alliance/dpa/C. Welz)

Die "Geige von Buchenwald" war in einem guten Zustand, nachdem sie jahrzehntelang in Vergessenheit geraten war

Die Kraft der Musik

Über die Jahre geriet Apitz' "Geige von Buchenwald" allerdings in Vergessenheit, jahrzehntelang wurde auf ihr nicht musiziert. Demnach befand sich das Instrument bei seiner Wiederentdeckung in einem weitgehend unversehrten Zustand.

"Die Geige war in einem guten, spielbaren Zustand und deshalb musste auch nicht viel an ihr gemacht werden. Sie brauchte einen neuen Steg, neue Saiten - das ist bei so einem Instrument aber auch ganz normal", sagt Matthias Wollong.

Nach wie vor ist er davon begeistert, der Violine nach so vielen Jahren mit Musik neues Leben einhauchen zu können: "Wissen Sie, alte und geschichtsträchtige Geigen zu spielen, ist erst einmal etwas Normales für einen Musiker. Was an dieser Geige spannend ist, ist die besondere Geschichte. Und das glaubt man auch als Musiker zu spüren, und möchte das auch gerne heraushören - auch wenn das eher in den Bereich Mythos fällt."

Helmke Jan Keden ist froh, dass die "Geige von Buchenwald" wieder erklingt: "Ich finde es gut, dass es solche Veranstaltungen gibt, um das Potential der Musik zu verdeutlichen!"

Geigen des Holocaust

Die Idee für das Konzert in Erfurt geht zurück auf den israelischen Geigenbauer Amnon Weinstein. In der zweiten Generation sammelt und restauriert seine Familie Geigen, deren Geschichten mit dem Holocaust verbunden sind. Amnon Weinsteins Vater Moshe war 1939 schon ins heutige Israel geflüchtet, wo er nach dem Krieg als Geigenmacher die Erfahrung machte, dass eigentlich niemand etwas mit Instrumenten zu tun haben wollte, die mit Deutschland in Verbindung gebracht werden konnten.

Amnon Weinstein erbte den Betrieb von seinem Vater und fing an, diese historischen Violinen im Sinne ihres geschichtlichen Stellenwerts zu restaurieren. Dazu kam es, nachdem in den 1990er Jahren ein Kunde seine Geige aus dem Konzentrationslager Auschwitz restaurieren lassen wollte, bevor er sie an seinen Enkel weitergab. Seitdem ist die Familie Weinstein damit beschäftigt, Geigen aus KZ's zu restaurieren.

Bei der Restaurierung der Geige von Buchenwald erhielt Weinstein Unterstützung vom Dresdner Geigenbauer Daniel Schmidt, der seinen Betrieb 200 Kilometer östlich von der Gedenkstätte Buchenwald hat.

Matthias Wollong spielt am 7. September um 20.00 Uhr in der Erfurter Kirche St. Peter und Paul auf der "Geige von Buchenwald". Auch Bruno Apitz' Witwe wird bei der Veranstaltung anwesend sein.

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