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Russlanddeutsche

Geidel: "Russischsprachige sind Teil der Gesellschaft"

Dmitri Geidel will für die Berliner SPD in den Bundestag einziehen. Geboren wurde der 27-Jährige in Russland. Im DW-Interview schildert er die Lage der Russischsprachigen in Deutschland und was sie vom Staat erwarten.

 Mahrzahn Auf diesem Parkplatz demonstrierten im Januar 2016 Russlanddeutsche für das Mädchen Lisa (DW/N.Jolkver)

Berlin-Mahrzahn: Auf diesem Parkplatz fand im Januar 2016 eine Demo für das "Mädchen Lisa" statt

DW: Herr Geidel, derzeit sitzt im Deutschen Bundestag nur ein russischsprachiger Abgeordneter. Werden es nach der Wahl im September mehr sein?

Dmitri Geidel: Tatsache ist, dass die Russischsprachigen in Deutschland selten in gesellschaftlichen Organisationen aktiv sind - ob religiös, gewerkschaftlich oder parteilich. Sogar in unserem SPD-Bezirksverband im Stadtteil Marzahn, der ein Zentrum der russischsprachigen Bevölkerung Berlins ist, haben wir nur drei bis vier aktive russischsprachige Mitglieder. Daher gibt es auch kaum solche Abgeordnete. Aber die Situation ändert sich. Die russischsprachigen Bürger Deutschlands werden selbstsicherer. In den 90er Jahren wollten sie sich in erster Linie integrieren, akzentfrei deutsch sprechen, einen Job finden und wie ein Deutscher leben. Jetzt sind wir Teil der deutschen Gesellschaft und versuchen, aktiver zu sein. Auch wir können unsere Interessen formulieren und verteidigen.

Ist das vielleicht dem "Mädchen Lisa" zu verdanken? Die vor allem von russischen Medien verbreitete Geschichte über das in Berlin angeblich von Flüchtlingen entführte und vergewaltigte russischsprachige Mädchen hat die Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion stark politisiert.

Die Geschichte mit dem "Mädchen Lisa", aber auch schon vorher die Lage in der Ukraine, haben tatsächlich die russischsprachige Bevölkerung in Deutschland politisiert. In allen Familien wurde über diese Themen gestritten - zunächst sehr aggressiv, später eher rational. Vielen ist klar, dass Politik auch Meinungsvielfalt bedeutet, die man tolerieren muss. Dieser Erkenntnisprozess ist noch nicht abgeschlossen, aber viele haben gelernt, ihren Standpunkt mit Argumenten zu verteidigen.

Viele Ihrer potentiellen Wähler informieren sich in russischen Medien. Welche Rolle spielt das russische Fernsehen bei der politischen Meinungsbildung?

Ja, die Russischsprachigen in Marzahn schauen russisches Fernsehen, aber auch deutsches. Somit können sie vergleichen. Ich denke, dass sie dem deutschen Fernsehen mehr vertrauen. Aber wenn es im russischen Fernsehen Storys gibt, die es nicht im deutschen gibt, entsteht ein Konflikt...

So wie mit der Story über das "Mädchen Lisa"...

Ja. Dies ist ein sehr gutes Beispiel. Man begann, darüber zu streiten, welche Argumente rational seien. Doch die Menschen sahen, dass die deutsche Presse, die Staatsanwaltschaft und Polizei ruhig reagiert und gehandelt haben. Im Ergebnis ist das Vertrauen in die deutsche Presse und Justiz unter den Russischsprachigen in Deutschland sowie deren Zugehörigkeitsgefühl zur Gesellschaft noch gestärkt worden.

Deutschland Dmitri Geidel | SPD Marzahn (B. Kraehahn/SPD Marzahn)

Dmitri Geidel (SPD) will bei der Bundestagswahl im September in den Bundestag einziehen

Bei vergangenen Kommunal- und Landtagswahlen konnte die rechtspopulistische "Alternative für Deutschland" (AfD) überproportional dort punkten, wo Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, unter anderem Russlanddeutsche, leben. Warum?

Wir haben die Ergebnisse der Wahl in Berlin im vergangenen Jahr sorgfältig untersucht. Sie haben Recht, in Marzahn hatte die AfD einen hohen Stimmenanteil, aber auch etwas nördlicher in Hellersdorf, wo wenig Russischsprachige leben. Daher ist das keine Frage der Nationalität oder Herkunft - aus Russland oder nicht, sondern eine Folge der sozialen Situation. Beide Stadtteile sind in ihrer sozialen Struktur sehr ähnlich - hohe Arbeitslosigkeit und andere Probleme.

Die AfD tritt mit vielen russischsprachigen Kandidaten bei der Bundestagswahl an. Warum kandidieren Sie für die SPD?

Ich habe sehr konkrete Vorstellungen davon, wie dieser Staat funktionieren sollte. Es müssen gute Renten gezahlt werden. Es muss gute Kindergärten und Schulen geben. Der Staat muss für jeden gute soziale Verhältnisse gewährleisten. Das ist auch, was die Russischsprachigen in Deutschland vom Staat erwarten.

Was verbindet noch die russischsprachigen Menschen in Deutschland?

Früher, als sie in der Sowjetunion lebten, waren sie sehr unterschiedliche Menschen. Die aus Moskau und Sankt Petersburg hatten ganz andere Lebenserfahrungen als die Dorfbewohner aus Kasachstan. Als sie in Deutschland ankamen, hatten sie alle eine Gemeinsamkeit: Sie wollten sich in die deutsche Gesellschaft einleben. Das war in den 90er Jahren. Damals konnte man von einer gewissen russischsprachigen Gemeinschaft in Deutschland sprechen. Heute sind die meisten Teil der deutschen Gesellschaft und sie haben sehr unterschiedliche Interessen. Ich kenne viele russischsprachige Unternehmer, die ganz andere Interessen haben als zum Beispiel die Rentner in Marzahn. Dennoch ist ihnen allen bewusst, was es für ein langer Weg war, Teil dieser Gesellschaft und dieses Staates zu werden. Das ist etwas, was alle Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion verbindet.

Der 27-jährige Dmitri Geidel wurde in Sankt Petersburg geboren. Er wuchs in einer zweisprachigen Familie auf. Sein Vater ist Deutscher, seine Mutter Russin. 1993 siedelte die Familie nach Berlin über. Geidel studierte Rechtswissenschaften. Er kandidiert bei der Bundestagswahl im September für die SPD im Berliner Stadtteil Marzahn, wo zehntausende russischsprachige Menschen leben.

Das Interview führte Nikita Jolkver.

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