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Politik

Geheiratet wird später

Sommer, Sonne und jede Menge Sicherheitskräfte: Istanbul ist vom 28. bis zum 29. Juni im Ausnahmezustand. Erstmals findet ein NATO-Gipfel in der Türkei statt. Ein politisches Mammutprojekt mit viel Zündstoff.

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Protestieren ist in - "Anti-Bush"-Demo in Istanbul

Flaniert man derzeit durch Istanbuls Straßen, wird man fast automatisch Petek Aricioglu begegnen. Die kleine Frau mit der braunen Lockenmähne plakatiert seit Wochen im Eiltempo die Stadt voll. "Hau ab, Bush" ist auf einigen zu lesen und "Wir haben keinen Platz für Kriegshetzer" auf einem anderen.

"Neokolonialisierung der Türkei"

Die 24-Jährige gehört der "Koalition für Frieden und Gerechtigkeit" an - einem Zusammenschluss von mehreren türkischen Nicht-Regierungs-Organisationen, Gewerkschaftsverbänden und Globalisierungsgegnern. Ihr gemeinsames Ziel: den NATO-Gipfel am 28. und 29. Juni in Istanbul zu boykottieren. "Wir wollen einfach keine Neokolonialisierung unseres Landes. Die NATO ist doch eh nur der Handlanger der USA", sagt die Studentin energisch.

Soviel Antiamerikanismus erfordert besondere Maßnahmen. Schon seit Monaten befindet sich die Stadt am Bosporus unter einer Sicherheitsglocke. Strengere Einreisekontrollen und häufige Spontanrazzien in Privathaushalten waren erst der Anfang. Zum Gipfel sorgen mehr als 23.000 Polizisten dafür, dass niemand den Staats- und Regierungschefs und ihren Delegierten aus 46 Ländern zu nahe kommt.

Während AWACS-Aufklärer und Kampfflugzeuge den Himmel abschirmen wird der Bosporus für Tanker und Gefahrgutfrachter gesperrt. Selbst kleinen Fischerbooten ist an den Tagen des Gipfels der Fischfang im Bosporus untersagt. Und Liebespaare müssen sich auch gedulden. Es herrscht während des Gipfels in drei großen Istanbuler Innenstadtbezirken absolutes Heiratsverbot.

Sicherheit ist Chefsache

"Faktor Nummer eins an diesen Tagen ist die Sicherheit. Es darf null Fehler geben", sagt Umur Apaydin, Chef des für die Organisation des Treffens zuständigen Komitees. Jene Fehler, die letztes Jahr für die Türkei Negativschlagzeilen bedeuteten. Im November 2003 waren bei Anschlägen auf jüdische und britische Einrichtungen in Istanbul 60 Menschen getötet worden. Nun will sich die Türkei als sicheres Reiseziel und reife Demokratie präsentieren.

Recep Tayyip Erdogan Türkei Karte

"Alles für die Türkei" - der Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan wirbt für sein Land

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat längst den Gipfel zur Chefsache erklärt und 20 Millionen Dollar für den "problemlosen Ablauf" des NATO-Gipfels investiert. Er preist sein Land bei jeder Gelegenheit als "Oase der Sicherheit" an. Schließlich entscheidet die EU Ende des Jahres, ob Ankara Mitgliedsverhandlungen mit Brüssel aufnehmen darf oder nicht. Polizisten, die auf Demonstranten einschlagen, oder brennende Konsulate passen da nicht so richtig ins Bild. Also versucht man einen Balanceakt zwischen Revolte und Ordnung.

Ästhetische Generalüberholung

Die Stadt hat eigens für die Protestmärsche Routen festgelegt. In der meistgelesenen türkischen Tageszeitung "Hürriyet" wurden unlängst die offiziellen Plätze genannt, auf der Protestwillige sich austoben können. "Es ist eine Unverschämtheit. Wir dürfen 20 Kilometer von dem Gipfel entfernt in irgendeinem Waldstück unsere Aktionen machen. Unsere Proteste will man nicht sehen", sagt Petek Aricioglu leicht erzürnt.

Statt Gegenstimmen ist ästhetische Generalüberholung angesagt. 9000 Bäume und 290.000 Blumen, davon 50.000 Rosen wurden von der Stadtverwaltung angepflanzt und die Bürgersteige und Hausfronten auf Vordermann gebracht. 2400 Polizisten bekommen für das Ereignis neue Jacken und Hosen, in zivil und maßgeschneidert. "Das sind nur oberflächliche Schönheitskorrekturen. Damit will man sich nur bei Amerika anbiedern", erklärt Petek Aricioglu und taucht ihre Kleisterbürste in einen Topf. Inzwischen plakatiert sie die Häuserwände in Taksim, dem Amüsierviertel Istanbuls. Coole Plattenläden, trendige Cafes und ein bisschen Antiamerikanismus gehören hier zum guten Ton.

Letzte Bastion der Revolte

Während das Wettern gegen die USA einst die Domäne der türkischen Konservativen und Islamisten war, haben nun die jungen Türken diesen Habitus für sich entdeckt. Sie stammen meist aus wohlhabenden Familien, gehen in Privatschulen und sehen im Antiamerikanismus die letzte Bastion der Revolte. "Klar, die Welt ist natürlich nicht in ein Gut und in ein Böse aufgeteilt, aber die USA kommen dem Bösen schon ziemlich nah", sagt Petek Aricioglu mit einem Lächeln. Sie klebt ihr letztes Plakat an eine Hauswand und verschwindet mit Handzetteln aus ihrer Tasche in einer Menschenmenge. Kurz bevor man sie aus dem Blickwinkel verliert, bemerkt man das kleine Schild an ihrer Jeans. "Levi's" steht da in kleinen roten Buchstaben.

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