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Asien

Geheime Akten über Afghanistan im Internet

Der Internetdienst WikiLeaks hat zehntausende meist als geheim eingestufte US-Militärberichte zum Afghanistan-Krieg veröffentlicht. Sie zeigen, wie schlecht die Lage vor allem im Kampf gegen die Taliban ist.

Durch eine Lupe gesehene Überschrift eines Artikels auf der Website von Wikileaks, welcher sich auf geheime Dokumente zum Afghanistankrieg bezieht (Foto: dpa)

Mehr als 90.000 geheime Afghanistan-Dokumente sind nun öffentlich

Jeder, der möchte, kann sich ab sofort sein eigenes Bild vom Krieg in Afghanistan machen. Dazu benötigt man lediglich einen Internetzugang und gute Englischkenntnisse. Denn über den auf Enthüllungsgeschichten spezialisierten Internetanbieter WikiLeaks kann der Nutzer verschiedene Ortsmarken auf der Karte von Afghanistan anklicken und jedes Detail zu militärischen Einsätzen nachlesen.

US-Soldaten mit zwei gepanzerten Lastern an einer Basisstation in den Bergen (Foto: ap)

Hunderte von Einsätzen wurden in den letzten Jahren von den Soldaten beschrieben

Medien prüften Afghanistan-Protokolle

In einem der Berichte ist beispielsweise dokumentiert, wie viele Tote und Verletzte ein Selbstmordattentat der Taliban am 18. Februar 2008 in Kandahar forderte. Bei der Explosion an einem Checkpoint kamen damals 30 Zivilisten zu Tode, 27 wurden verletzt. Diese und alle anderen Berichte zeichnen ein düsteres Bild von der Lage am Hindukusch. Dass die Dokumente echt sind, das haben das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" sowie die Zeitungen "New York Times" und "The Guardian" in den letzten Wochen nachgeprüft. Alle kamen zu dem Schluss, dass es sich um authentische Berichte handelt und daher veröffentlichten sie diese in ihren Montagsausgaben (26.07.2010).

WikiLeaks waren mehr als 90.000 Berichte von bisher unbekannter Seite zugespielt worden. Das Internetportal wiederum hatte das Material vor wenigen Wochen an das Hamburger Nachrichtenmagazin und die beiden anderen Medien weitergegeben. Alle drei Redaktionen analysierten jeweils für sich die gewaltige Datenmenge der amerikanischen Streitkräfte. Es seien Meldungen der Truppen aus dem laufenden Gefecht, die kurz zusammengefasst und direkt weitergeleitet wurden. Die Medien glichen nach eigenen Angaben die Informationen mit den offiziellen Darstellungen der Lage in Afghanistan ab.

US-Eliteeinheit jagt Taliban

US-Soldaten laufen schießend über einen Platz (Foto: ap)

Die Dokumente zeichnen ein düsteres Bild der Lage in Afghanistan

Der "Spiegel" teilte mit, die Unterlagen zeigten den Krieg aus der unmittelbaren Sicht der US-Soldaten. Es geht beispielsweise um Einsätze der Task Force 373, einer US-Eliteeinheit. Sie sei darauf spezialisiert, Top-Taliban gezielt auszuschalten. Die Dokumente geben demnach auch Auskunft über Opfer unter Zivilisten bei den Kommandoaktionen.

Aufgabe dieser Spezialeinheiten sei auch die gezielte Tötung ranghoher Taliban. Bei solchen Operationen gebe es zahlreiche zivile Opfer - auch Kinder, so der "Spiegel". Auftraggeber der Kommandos für die Task Force 373 sei direkt das US-Verteidigungsministerium.

Deutsche ISAF Soldaten stehen vor einem Panzer (Foto: ap)

Auch die deutschen Einsätze werden beschrieben

Der "Spiegel" arbeitet vor allem die Lage der deutschen Truppen im Norden des Landes heraus. Diese sei bedrohlich, die Zahl der Kampfhandlungen habe ebenso drastisch zugenommen wie die Zahl der Anschläge. Auch der Einsatz von Spezialeinheiten der US-Streitkräfte helfe nur bedingt. Rund 300 Soldaten einer dieser Einheiten - jener Task Force 373 - seien abgeschirmt auch im deutschen Lager Masar-i-Scharif untergebracht.

Keine Hinweise gebe es in den Dokumenten, dass es weitere, bislang nicht bekannte Übergriffe von deutschen Soldaten auf die Zivilbevölkerung gegeben habe. Allerdings lasse sich aus den Unterlagen schließen, dass deutsche Truppen unvorbereitet in den Krieg gezogen seien. Das Magazin kommt nach Durchsicht der Dokumente zu dem Schluss, die Sicherheitslage im Norden Afghanistans werde immer schlechter.

Bundesregierung fordert Aufklärung

Bundesaußenminister Guido Westerwelle verlangte eine Untersuchung der Enthüllungen. Dies alles müsse mit Blick auf mögliche neue Erkenntnisse ausgewertet werden, sagte Westerwelle am Rande eines EU-Außenministertreffens in Brüssel. "Ich sehe mich jedenfalls in meiner Haltung gestärkt, dass ich die Lage in Afghanistan nie beschönigt habe, immer gesagt habe, das ist eine außerordentlich ernste Situation dort." Dennoch sei der Einsatz aus Sicht der Bundesregierung notwendig, weil es "auch um unsere Sicherheit in Europa, auch um unsere Sicherheit in Deutschland geht".

Auch das Bundesverteidigungsministerium wird sich mit dem Vorgang beschäftigen. Es werde untersucht, ob deutsche Sicherheitsinteressen beeinträchtigt sein könnten, sagte ein Sprecher in Berlin. Für das Ministerium ergebe sich aus den bisherigen Presseberichten aber "zunächst nichts Neues".

US-Regierung in Sorge

In den Dokumenten wird auch deutlich, dass der pakistanische Geheimdienst heimlich die Taliban in Afghanistan unterstützt. So berichtet die "New York Times", dass Pakistan aktiv mit afghanischen Aufständischen zusammenarbeite.

Die US-Regierung reagierte scharf. Die veröffentlichten Dokumente würden in den nächsten Tagen ausgewertet. Dabei solle überprüft werden, ob möglicherweise Gefahren für die nationale Sicherheit und das Leben von Amerikanern und ihren Verbündeten bestünden, sagte der nationale Sicherheitsberater Jim Jones. Die US-Administration werde sich jedoch nicht davon abbringen lassen, die Zusammenarbeit mit Afghanistan und Pakistan auszubauen. "Die Kooperation im Anti-Terroreinsatz hat der El-Kaida-Führung erhebliche Schäden zugefügt."

Die US-Regierung räumte ein, dass ihr die Verbindungen des pakistanischen Geheimdienstes zu Aufständischen seit geraumer Zeit Kummer bereiten. Das Weiße Haus veröffentlichte als Beleg dafür mehrere Dokumente, unter anderem ein Schreiben von Verteidigungsminister Robert Gates vom 31. März 2009. Diese Kontakte seien eine "echte Sorge" für die USA. Dies sei Pakistan auch direkt mitgeteilt worden, heißt es darin.

Der pakistanische Botschafter in den USA, Husain Haqqani, nannte die Veröffentlichung von Berichten aus dem Kampfgebiet unverantwortlich. Die Unterlagen zeigten zudem nicht die gegenwärtigen Realitäten, sagte Haqqani mit Blick auf den amerikanischen Strategiewechsel. Nach Angaben des Weißen Hauses beziehen sich die Dokumente auf den Zeitraum von Januar 2004 bis Dezember 2009. US-Präsident Barack Obama hatte am 2. Dezember 2009 seine neue Afghanistan-Strategie vorgestellt.

Begegnung zwischen einem afghanischen Kind und einem US- oder Bundeswehr-Soldat (Foto: ap)

Die genauen Informationen über die Einsätze und Opfer erschrecken

WikiLeaks will aufklären

WikiLeaks-Gründer Julian Assange sagte, dass das Material ein Schlaglicht auf die alltägliche Brutalität und das Elend des Krieges werfe. "Es wird die öffentliche Meinung verändern." In ihrer Fülle stellten die Dokumente alles in den Schatten, was bisher über den Krieg in Afghanistan gesagt worden sei.

Assange stellte klar, dass das gesamte Material vor der Veröffentlichung daraufhin überprüft worden sei, ob durch Details tatsächlich Soldaten im Afghanistan-Einsatz oder deren Verbündete in Gefahr geraten könnten. Aus Datenschutzgründen haben man daher rund 16.000 Berichte nicht veröffentlicht.

Die Internetplattform WikiLeaks will mit der Veröffentlichung von geheimen Dokumenten aus anonymen Quellen Missstände öffentlich machen. Im April hatte ein internes Video der US-Streitkräfte weltweit für Bestürzung gesorgt, das den tödlichen Beschuss irakischer Zivilisten durch einen US-Kampfhubschrauber zeigte. Anfang Juni wurde ein US-Soldat festgenommen, der das Video an WikiLeaks weitergereicht haben soll.

Autoren: Gerhard M Friese / Marion Linnenbrink (afp, ap, dpa, rtr)
Redaktion: Christian Walz / Marko Langer

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