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Asien

Geglückt oder gescheitert? - Der Polizeiaufbau in Afghanistan

Eine bürgernahe Polizei in Afghanistan aufzubauen – das war der Auftrag, mit dem Polizeidirektor Hans-Joachim Kensbock-Rieso 2004 zum ersten Mal nach Kabul reiste. Mittlerweile ist sein Optimismus sehr gedämpft.

Deutscher Polizist stehend vor afghanischen Polizeischülern (dpa)

Deutsche Polizeiausbilder in Afghanistan

In einem schmucklosen Neubau, ganz in der Nähe des Düsseldorfer Flughafens, hat Polizeidirektor Hans-Joachim Kensbock-Rieso sein Büro: ein Schreibtisch, zwei Stühle, ein Regal – und der Blick auf ein karges Feld, das sich vor den Fenstern des Gebäudes erstreckt. Sein Arbeitsplatz in Afghanistan habe im Prinzip genauso ausgesehen, erzählt Kensbock-Rieso. Seit Deutschland im Jahr 2002 mit dem Aufbau der Polizei in Afghanistan begonnen hat, ist er zweimal dort gewesen – jeweils für ein Jahr. Die Aufgabe: eine Polizei, die gar nicht mehr existierte, vollkommen neu aufzubauen. Hans-Joachim Kensbock-Rieso war für die Aus- und Fortbildung zuständig und traf Anfang Januar 2004 zum ersten Mal in Kabul ein.


Von der Schutztruppe zur Räuberbande

"Die Erwartungshaltung war schon, gemeinsam mit anderen Kollegen innerhalb dieses Jahres sichtbar etwas verändern zu können", erzählt Kensbock-Rieso. "Ich war optimistisch, weil ich neben der Aus- und Fortbildung noch einen zweiten Projektauftrag erhalten habe, nämlich den Aufbau einer Autobahnpolizei." Diese Aufgabe und die Arbeit in dem kleinen Team von etwa 30 deutschen Beamten, die für den gesamten Polizeiaufbau in Afghanistan zuständig waren, habe ihm anfangs gut gefallen, erzählt Kensbock-Rieso: "Wir Deutschen sind davon ausgegangen, dass wir die Polizei der Zukunft ausbilden – also eine bürgernahe Polizei. Wir wollten Vertrauen aufbauen, weil das überhaupt nicht mehr vorhanden war. Das war unser Ansatz, den wir auch lange Zeit verfolgt haben."

Marschierende Soldaten (AP)

Sie haben die Ausbildung bereits hinter sich: Absolventen der Polizeiakademie in Kabul

Rückblickend sei dieser Ansatz allerdings nicht wirklich erfolgreich gewesen, gibt Kensbock-Rieso zu. Er zweifelt zwar nicht daran, dass die Idee einer bürgernahen Polizei richtig ist. Doch von den kleinen Erfolgen, die 2004 durchaus in Sicht waren, habe er bei seinem zweiten Aufenthalt 2008 nicht mehr viel erkennen können: "Als ich jetzt nach Afghanistan kam, gab es diese Autobahnpolizei gar nicht mehr. Die Organisation ist aufgelöst worden, und zwar vor dem Hintergrund, dass diese Organisation nach kurzer Zeit ihre eigene Mobilität und Macht dazu ausgenutzt hat, Schutzgelder zu erpressen und Autofahrer zu überfallen. Aus der aufgebauten Schutztruppe ist eine Räuberbande geworden – und deshalb ist sie aufgelöst worden."


Afghanistan Polizei Polizeischule in Kabul

Unterricht in der Polizeischule Kabul

Verschärfte Sicherheitsmaßnahmen

Überhaupt habe sich die Sicherheitslage in Afghanistan in der vergangenen Jahren spürbar verschlechtert. Seit die Europäische Union 2007 den Polizeiaufbau übernommen hat, seien auch die Sicherheitsvorschriften für ausländische Polizisten verschärft worden. Ein Grund, warum Kensbock-Rieso und seine Kollegen 2008 nicht länger in einer Villa mitten in Kabul residierten, sondern in einem funktionalen Neubau etwas außerhalb der Stadt. 2004 war das noch anders: "Ich bin in Uniform auf den Basaren gewesen und habe mich im Stadtgebiet frei bewegt", erinnert sich Kensbock-Rieso. "Meine Frau konnte mich 2004 in Kabul besuchen; ich bin mit ihr zusammen durch Kabul gegangen, wir sind einkaufen gegangen – das war jetzt 2008 überhaupt nicht mehr möglich. Das heißt: Wer jetzt zu EUPOL geht, der hat aufgrund der Sicherheitsmaßnahmen kaum noch Möglichkeiten, Land und Leute kennenzulernen."


Ernüchterung statt Enthusiasmus

Angela Merkel sieht afghanischen Polizeischülern bei einer Übung zu (AP)

Kanzlerin Merkel schaut sich bei ihrem Überraschungsbesuch am Montag ein Polizeitraining in Masar-i-Sharif an

Mit Blick auf den Polizeiaufbau hat sich bei Hans-Joachim Kensbock-Rieso inzwischen so etwas wie Ernüchterung eingestellt. Denn er kann nicht erkennen, dass sich die Situation in Afghanistan durch das Engagement Deutschlands oder der EU entscheidend verbessert hätte. In den vergangenen sieben Jahren hat Deutschland mehr als 100 Millionen Euro allein für den Polizeiaufbau in Afghanistan ausgegeben. Für 2009 beträgt die deutsche Finanzhilfe fast 36 Millionen Euro. Die Bundesrepublik stellt außerdem das größte Kontingent für die europäische Polizeimission EUPOL. Ob, wie die Amerikaner es fordern, noch viel mehr Polizisten und weniger Bürgernähe die richtige Strategie wäre – da ist sich Hans-Joachim Kensbock-Rieso nicht sicher. Doch trotz der wenig ermutigenden Lage im Land steht eins für ihn fest: "Ich würde wieder nach Afghanistan gehen."

Autorin: Anne Allmeling / Redaktion: Esther Broders

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