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Geschichte

Gegensätze als Inspiration

Der Fotograf Harald Hauswald hat mit seiner Kamera den gewöhnlichen Alltag in der DDR festgehalten. Im DW-Interview spricht er über den Widerstand gegen das Regime und wie er Fotos aus dem Land schmuggelte.

DW: Ihr neuestes Buch "Ferner Osten. Die letzten Jahre der DDR. Fotografien 1986-1990" zeigt ungewöhnlich intime Einblicke in das Leben der ehemaligen DDR. Nach welchen Kriterien haben Sie die Fotos ausgewählt?

Harald Hauswald: Ehrlich gesagt habe ich einfach die ausgesucht, die ich am liebsten mag (lacht). Die Regierung war schlimm, aber die Menschen waren großartig.

Wann haben Sie mit dem Fotografieren angefangen?

Ich habe 1976 in Dresden Fotografie studiert und bin 1978 nach Berlin gezogen, quasi über Nacht – wegen einer Frau! Ich habe damals Telegramme im Stadtteil Prenzlauer Berg ausgeliefert, weil ich keinen Job als Fotograf fand. Auf meinen Routen hatte ich immer meine Kamera dabei und fing an, das Leben in der Stadt zu dokumentieren.

Porträtbild des Fotografen Harald Hauswald. Foto: Tobias Kleinschmidt dpa/lbn

Der Fotograf Harald Hauswald

Sie haben kaum Politiker, Funktionäre oder Intellektuelle vor der Linse gehabt, sondern ganz gewöhnliche Menschen. Warum?

Das motiviert mich bis heute: Ich mag es einfach, auf die Straße, ins Stammlokal oder zu öffentlichen Veranstaltungen zu gehen. Die Kamera ist für mich ein Hilfsmittel, um Menschen kennenzulernen. Es ist ein Zusammenspiel zwischen dem Fotografieren selbst, meiner Neugier und dem Wunsch, die Welt für mich zu erobern.

Sie arbeiteten während der DDR-Zeit illegal für westliche Medien. Wie war das?

Ich machte eine Menge Fotos, die ich in DDR wegen der strikten Zensur nicht veröffentlichen konnte. Zunächst waren es drei Reportagen für das GEO-Magazin. Ich wollte einfach ein größeres Publikum. Es hat funktioniert, weil westliche Journalisten in Ost-Berlin stationiert waren und die hatten Möglichkeiten, Material über die Grenze zu schmuggeln, ohne kontrolliert zu werden. Leute wie Peter Pragal, damals Korrespondent für den Stern, nahmen meine Fotos dann mit.

Warteschlange in der Oderberger Straße in Ost-Berlin. Foto: Harald Hauswald/Lehmstedt Verlag

Warteschlange vor der Fleischerei: Ein alltägliches Bild, das es laut Regierung so nicht gab

Sie arbeiteten damals schon mit Farbfotos – sehr ungewöhnlich für diese Zeit…

Ja, die bekam ich vom GEO-Magazin, weil die Qualität der Farbfotos in Ostdeutschland so schlecht war. Entwickelt habe ich sie dann im Berliner Verlag am Alexanderplatz. Es war das einzige Entwicklungslabor, das diese Filme bearbeiten konnte, weil Erich Honecker von staatlichen Fotografen fotografiert wurde, die selbst westliche Filme benutzten. Das ist der einzige Grund, warum es dieses Entwicklungslabor gab. Ich hatte eine Erlaubnis, es zu benutzen und so habe ich die Filme dort entwickelt und die Negative mithilfe der westdeutschen Journalisten über die Grenze geschickt.

Sie wurden von der Stasi, der Geheimpolizei der DDR, strengstens bewacht. Wie sind Sie mit den Einschränkungen umgegangen, wie war ihre Beziehung zum Regime?

Ich war ein Gegner des Regimes. Ich fühlte mich in dem Land gefangen. Zu wissen, dass ich niemals die Grenze überschreiten würde, dass für mich die Welt am Brandenburger Tor endete - das belastete mich sehr. Fotografieren war für mich eine Möglichkeit, meinen Widerstand zu zeigen. Ich wollte die Wahrheit aufzeigen. In den offiziellen Medien wurde alles schön geredet. Aber ich habe im Prenzlauer Berg gesehen, wie marode die Wohnungseinheiten waren, dass es kein Geld für den Bezirk gab und dass sie ganze Straßenblöcke zerstören wollten. Es gab einen erheblichen Widerspruch zwischen dem, was berichtet wurde und dem, was tatsächlich passierte – und genau dieser Gegensatz hat mich zu meinen Fotos inspiriert.

Punks sitzen vor dem Kino Kosmos in Berlin-Friedrichshain. Foto: Harald Hauswald/Lehmstedt Verlag

In den 80er Jahren war es in, Punk zu sein - auch in der DDR, hier vor dem Kosmos-Kino in der Karl Marx Allee

Der renommierte britische Fotojournalist Don McCullin hat einmal gesagt, dass es heute viel zu viel Kontrolle seitens der Regierungen, Fotoagenturen und Redaktionen gäbe, und dass er die Fotos, die er damals in Vietnam zum Beispiel gemacht hat, heute niemals machen könnte. Stimmen Sie dem zu?

Mir tun die Kollegen heutzutage in der Fotobranche leid. Ich habe Fotos von einer Welt gemacht, die es heute nicht mehr gibt, die heute keiner mehr machen kann. Ich fühlte mich drangsaliert von dem Regime, aber ich hatte jede Menge Spaß mit den Menschen. Die Leute waren untereinander tatsächlich sehr offen und konnten sich aufeinander verlassen. Heute herrscht eine Ellbogen-Mentalität, was zählt, ist das rücksichtslose Streben nach Geld – früher war das nicht so. Aber man sollte nicht vergessen, dass es eine künstliche Welt war. Eine eingemauerte Welt, eine total künstliche Situation.

In der DDR-Zeit gab es keine Boulevardblätter und die Menschen waren viel entspannter, fotografiert zu werden oder zumindest waren sie nicht so skeptisch. Heute ist es viel schwieriger, auf öffentlichen Plätzen zu fotografieren. Die Leute bestehen auf dem Recht an ihrem eigenen Bild. Aber wenn ich weiter in den Osten gehe, nach Rumänien oder China zum Beispiel, da sind die Menschen viel offener, fotografiert zu werden.

Berlin hat sich seit dem Fall der Mauer innerhalb kürzester Zeit dramatisch verändert. Fühlen Sie sich in der Stadt immer noch zu Hause?

Im ersten Jahrzehnt nach dem Fall der Mauer hat sich gar nicht so viel verändert. Dann aber hat der Bauboom begonnen – eine soziale und politische Katastrophe. Aber für mich ist Berlin immer noch eine Stadt voller Überraschungen, schön und aufregend. Meine Wurzeln liegen in Berlin.

Fotografie einer Straße in Ost-Berlin © Harald Hauswald/Lehmstedt Verlag

Fotografie aus einer vergangenen Welt

Was fasziniert Sie so an dem Medium Foto, im Gegensatz beispielsweise zum Film?

Bei der Art der Fotografie, die ich praktiziere, fange ich Momente der Überraschung ein und so sehe ich die Stadt Berlin, oder auch New York. Einfach mal in den Straßen herumlaufen und sehen, was das Leben zu bieten hat. Zu sehen, was für Überraschungen an der nächsten Ecke auf Dich warten.

Sie arbeiten zurzeit an einem Projekt über den Fluss Elbe…

Ja, ein wirklich spannendes Projekt. 1984 bin ich mit einem Schriftsteller den Fluss von einer Grenze bis zur anderen entlang gesegelt. Die Band Yatra hat einen Song für diese Ausstellung über die Elbe-Fotos komponiert. Vor einigen Jahren hat mich einer der Musiker, Peter Kühnel, kontaktiert, weil er ein großes Bühnenprojekt mit Opernsängern, einem Orchester und Fotoprojektionen plante. Und daran haben wir die letzten zwei Jahre gearbeitet. Ich bin die ganze Elbe entlang gereist, diesmal, um mir historische Anlagen anzusehen, die während des Zweiten Weltkrieges durch Bomben und Brände zerstört wurden. Jetzt bereise ich die Elbe, um die Überflutungen fotografisch zu dokumentieren, auch ein Teil des Projekts. Die Premiere ist im Herbst 2014 geplant.

Geboren 1954 in der ehemaligen DDR in Radebeul, hat der Fotograf Harald Hauswald in Dresden 1976 Fotografie studiert, bevor er 1978 nach Berlin zog. Seine Bilder sind in zahlreichen Magazinen erschienen, unter anderem im Stern, GEO und ZEIT Magazin. 1989 gründete er die Ostkreuz Fotoagentur. Im Jahr 1997 bekam er das Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Sein neuestes Buch "Ferner Osten. Die letzten Jahre der DDR. Fotografien 1986-1990" ist im Lehmstedt Verlag erschienen.

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