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Kultur

"Gegen Revolutionen sind wir nicht versichert"

Man hatte größere Schäden befürchtet – doch die Katastrophe blieb aus. Die Altertümer im Ägyptischen Museum Kairo waren von Plünderungen kaum betroffen. Jetzt machen die Mitarbeiter Inventur.

Ägyptisches Museum am Tahrir-Platz

Ägyptisches Nationalmuseum Kairo

Panzer und bewaffnete Soldaten bewachen das Ägyptische Museum am Tahrir-Platz, gleich neben einer ausgebrannte Ruine: Dem Gebäude von Hosni Mubaraks Regierungspartie NDP. Seit dem Beginn der Unruhen Ende Januar sind die Tore des Museums geschlossen. Und statt der üblichen Touristenbusse sieht man nun Familien, die sich vor den Panzern fotografieren lassen. Kinder posieren mit ägyptischen Fahnen in der Hand und klettern auf die Militärfahrzeuge, freundlich lächelnde Soldaten zeigen Geduld und unterhalten sich mit den Besuchern. Als ich mich dem Museum nähere, sagt ein Leutnant zu mir: "Fotografieren verboten!" Es bleibt eine halbherzige Aufforderung. Denn der Offizier hindert mich danach nicht daran, Bilder zu machen. Mich interessieren vor allem die gläserne Kuppel und die Fenster im Dach, durch die vor wenigen Wochen Kunstdiebe ins Museum eingedrungen sein sollen.

Brände und Plünderungen

Wache vorm Nationalmuseum

Wache vorm Nationalmuseum

Damals herrschte Chaos im ganzen Land. Die Sicherheitskräfte hatten sich zurückgezogen. Innerhalb kürzester Zeit war die ägyptische Polizei von allen Straßen verschwunden, Stunden später waren die ersten Panzer aufgetaucht, wurden Polizeistationen in Brand gesteckt, Gefangene aus den Gefängnissen befreit, große Supermärkte geplündert und niedergebrannt. Darüber, wer das getan hat, rätselt seither ganz Ägypten. In jenen Stunden brannte auch der Hauptsitz der Regierungspartei und es bestand die Gefahr, dass das Feuer sich ausbreiten und die weltweit größte Sammlung altägyptischer Kunst in Mitleidenschaft ziehen könnte. Demonstranten bildeten daher einen schützenden Ring um das Museum. Die Furcht allerdings, dass im allgemeinen Chaos Kunstdiebe in das Gebäude eindringen könnten, wurde schließlich zur traurigen Gewissheit.

Bedrohte Kunstschätze

Es war offenkundig ganz leicht. "Die Räuber kamen vom Dach, sie haben sich an Seilen herunter gelassen", sagt Museumsdirektor Tariq El-Awady im Interview mit der Deutschen Welle. "Das Gebäude ist mehr als hundert Jahre alt, es hat Glasfenster, weil man damals auf natürliche Beleuchtung durch Sonnenlicht setzte und nicht auf Elektrizität. Die Fenster sind zudem unvergittert." Es gibt zwar ein funktionierendes Alarmsystem – Sirenen ertönten, als die Kriminellen in das Museum eindrangen und schlugen die Diebe in die Flucht. Unzureichende Sicherheitsvorkehrungen für eine der weltweit bedeutendsten Altertümersammlungen? Mag sein. Dennoch: "Gegen Revolutionen sind wir nicht versichert", sagt Tariq El-Awady. Auf der Suche nach Gold hätten die Eindringlinge hastig und planlos irgendwelche Gegenstände mit genommen. "Es waren Amateure, sie warfen die Objekte weg, als sie feststellten, dass die nicht aus Gold waren". Dutzende zerbrochener Statuen wurden später auf dem Boden und im Garten des Museums entdeckt. "Wir konnten einen der Räuber im Gebäude festnehmen, fünf andere auf dem Dach und auch gestohlene Gegenstände sicherstellen", berichtet der Direktor.

Gestohlen und wieder gefunden

Gestohlenes Kunstwerk c) dpa - Bildfunk+++

Diese Tutanchamun-Statue mit Speer wurde gestohlen

Wie viele Kunstgegenstände tatsächlich entwendet wurden, ist unklar. El-Awady nennt die Zahl zwanzig. In Agenturberichten spricht man von 70 Objekten. Die Inventur indes sei noch nicht abgeschlossen, erzählt der Museumsdirektor. Gestohlen wurden wertvolle Statuen aus Holz, Kalk- und Sandstein für die Pharaonen Tutanchamun und Echnaton sowie dessen Gattin Nofretete. Auch elf so genannte Uschabti-Statuen, die als Grabbeigaben dienten, sind verschwunden. Einiges ist unterdessen wieder aufgetaucht. So wurde eine Plastik in einer Mülltonne unweit des Museums gefunden.

Dass die in einem separaten Raum ausgestellten Schätze des Tutanchamun unversehrt geblieben sind, sei "ein kleines Wunder", erklärte der Chef der ägyptischen Antiquitätenbehörde, Zahi Hawas. Sie sind mit einem Eisenzaun offenbar ausreichend gesichert. Die Kammer ist ein Publikumsmagnet für internationale Touristen, die tagtäglich die wunderschöne, elf Kilogramm schwere Goldmaske bewundern und den Sarg, in dem die Mumie des Pharaos lag. Dieser goldene Sarg wiegt sage und schreibe 110 Kilo – und ist damit wohl auch für die geschicktesten Kunsträuber zu schwer.

Autor: Samir Grees/dpa

Redaktion: Cornelia Rabitz

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