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Kultur

Gegen die "falsche Lehre": Die Barmer Theologische Erklärung

Nachdem sich die "Deutschen Christen" Adolf Hitler zu Füßen geworfen hatten, wandte sich die Evangelische Bekenntnissynode in einer Erklärung 1934 gegen die Nazis.

Gemarker Kirche

Gemarker Kirche Wuppertal

"In Hitler ist die Zeit erfüllt für das deutsche Volk. Denn durch Hitler ist Christus, Gott der Helfer und Erlöser, unter uns mächtig geworden." Mit diesen Worten beschreiben im März 1934 die sogenannten Deutschen Christen Hitler als Heiland. Zwei Monate später, am 31. Mai 1934, formiert sich der Widerstand in der Gemarker Kirche in Wuppertal-Barmen.

Gleichschaltung der Kirchen

Nach der Machtübernahme versuchen die Nationalsozialisten die evangelische Kirche zu unterwandern. Mit Hitlers Unterstützung gewinnen die Deutschen Christen im Juli 1933 die Mehrheit in den meisten Kirchengremien. Zu ihren Forderungen gehören: die Streichung des Alten Testaments aus der Bibel, der Ausschluss von Nicht-Ariern aus der Kirche und der Treueid der Pfarrer auf Hitler. Die kirchliche Machtübernahme scheint gelungen, als im September der Vertrauensmann des Führers, der Wehrkreispfarrer Ludwig Müller, als Reichsbischof an die Spitze der Deutschen Evangelischen Kirche tritt.

In allen 28 evangelischen Landeskirchen bilden sich daraufhin nach und nach oppositionelle Bekenntnisgemeinden. Der Pfarrernotbund entsteht und als erste reichsweite Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche treffen sich am 31. Mai 1934 Repräsentanten aus fast allen Landeskirchen in Wuppertal-Barmen.

Die sechs Thesen

Karl Barth (Foto: Gemarker Kirche)

Der Theologe Karl Barth in Basel 1956

Sie einigen sich auf sechs Thesen. Die stammen im Wesentlichen aus der Feder des 1968 verstorbenen Theologieprofessors Karl Barth. Der Schweizer Professor lehrte damals an der Bonner Universität.

In Artikel eins wird Jesus Christus wie er in der Bibel bezeugt wird, als die unantastbare Grundlage der Kirche benannt - unter anderem eine eindeutige Absage an die Deutschen Christen, die in Hitler und der NSDAP eine Offenbarung Gottes sahen.

Im dritten Artikel heißt es wörtlich: "Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen." Der fünfte Artikel weist den nationalsozialistischen Staat in seine Grenzen mit den Worten: “Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden und also auch die Bestimmung der Kirche erfüllen.“ In aller Deutlichkeit wendet sich also die Bekenntnissynode in Barmen gegen die Begehrlichkeiten des NS-Staates und der Deutschen Christen.

Auf eine siebte These, die die Judenverfolgung verurteilt, konnten sich die Delegierten nicht einigen – zum Bedauern des früheren Gemarker Pfarrers Karl Immer. Er hatte die Synode damals nach Barmen eingeladen.

Bekenntnis oder Politik?

Kirchenruine (Foto: Gemarker Kirche)

Die zerstörte Kirche 1945

Die Barmer Erklärung stellte auch klar, dass die rechtmäßige Deutsche Evangelische Kirche die sich formierende Bekennende Kirche sei und nicht das nazifreundliche Reichskirchenregiment. Das bedeutet, dass die aus den Wahlen hervorgegangenen Kirchenleiter nicht mehr anerkannt wurden.

Ob Barmen ein Bekenntnis oder ein politisches Wort oder beides ist, darüber streiten sich die Geister. Bemerkenswert ist allemal, dass sich erstmals seit der Reformation Vertreter der Lutheraner, der Reformierten und der Unierten auf eine gemeinsame theologische Erklärung einigen konnten. Und sei es nur unter dem massiven Druck der nationalsozialistischen Einflüsse.

Gemarker Kirche heute

In einer kleinen Seitenstraße der Wuppertaler Fußgängerzone liegt die Gemarker Kirche zwischen Häuserfronten versteckt. Ein Schild an der dunklen Außenfassade weist sie als "City-Kirche" aus. Ein großes Eingangsportal fehlt. Stattdessen führt ein Weg durch ein Café und einen Dritte-Welt-Laden in das Gotteshaus. Diese Schlichtheit enttäuscht viele Besucher, denn auch von innen ist die geschichtlich bedeutsame Kirche vor allem eines: schlicht.

Autor: Petra Nicklis
Redaktion: Oliver Samson