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Global Ideas

Gegen den Strom

Architekten und Unternehmer versuchen sich an immer mehr Maßnahmen, um gegen die Gefahr von Überflutungen in Städten und auf dem Land gewappnet zu sein. Aber werden diese Ansätze ausreichen?

Überflutete Straßen (Photo: CC/NIST School Shared Account)

Überflutungen werden ein immer größeres Problem in Thailand.

Wasser, Wasser und noch einmal Wasser gehört zum Leben auf den Reisfeldern und in den Deltas Südostasiens. Und von Wasser könnte das Königreich Thailand in Zukunft auch regiert werden, nicht nur von einem Monarchen.

Menschen arbeiten in einem Flußbett (Photo: DW/Uhlig)

Kleinbauern pflanzen Bäume und errichten Konstruktionen aus Bambus, um die Fließgeschwindigkeit des Flusses zu verringern und Fluten zu verhindern.

Erst vor Kurzem, Anfang September 2014, gab es aus den Bergregionen im Norden des Landes Überflutungsmeldungen. Um die Stadt Chang Mai herum hatten heftige Regenfälle die Flüsse anschwellen und über die Ufer treten lassen. Im Jahr 2011 hatten starke Monsun-Regenfälle für Springfluten und Erdrutsche im ganzen Land gesorgt. Dabei kamen 800 Menschen ums Leben, der Schaden bezifferte sich auf 35 Milliarden Euro, verursacht durch bis zu drei Meter hohe Überschwemmungen.

Aber nicht nur die ländlichen Regionen müssen sich mit Überflutungen arrangieren, auch die sich immer weiter ausufernde Stadt Bangkok erstreckt sich inzwischen bis zum Chao Phraya, einem Fluss. Selbst wenn es an manchen Tagen schwer vorstellbar ist, in der flirrenden Hitze und Enge der Straßen oder auf den sonnenheißen Fußwegen – Bangkok ist eine Wasserstadt, durchzogen von Kanälen. Diese sogenannten "khlongs" sind oft genug verstopft mit Unrat und Pflanzenresten. Weiter oben glitzert die Stadt: Bars, Dach-Pools, klimatisierte Einkaufszentren – mit einer neuen, reichen Oberschicht zieht der schöne Schein in die Malls.

Die Wassermassen vor dem Tor

Überflutete Straßen (Photo: EPA/RUNGROJ YONGRI)

Das Wasser steigt in den Straßen Bangkoks.

Aber um die Wasser-Infrastruktur der Stadt ist es schlecht bestellt. Die khlongs befinden sich an ihrer Belastungsgrenze, und wenn der starke Regen kommt, steht das modrige, stinkende Wasser innerhalb einer Stunde kniehoch in den Straßen. Viel Wasser braucht es nicht, um die Stadt an den Rand einer Evakuierung zu bringen, wie beim letzten Mal vor knapp drei Jahren.

Das Problem bleibt nicht unbeachtet. Ein Team von der King Mongkut's University of Technology Thonburi hat ein leicht erhöhtes, modernes “Baan Chaan”-Haus entworfen und mit dem Entwurf beim Wettbewerb Solar Decathlon Europe im vergangenen Sommer teilgenommen. Das Haus verbindet moderne Technik mit traditioneller Bauweise, es ist ausgestattet mit natürlicher Belüftung, erhöhten Böden, offenen Terrassen und sorgt so für eine Prise „tropischer Atmosphäre“ mit modernem Anstrich, wie der Architekt des Teams, Sirakit Charoenkitpisut, erläutert.

Den Großteil der Arbeit kann Architektur allerdings nicht übernehmen, sagt der wissenschaftliche Betreuer des Uni-Projekts, Acharawan Chutarat. Solange die Stadt sich nicht systematisch um das Abwasserproblem kümmert und eine Antwort auf die rapiden Veränderungen in sozialer Struktur und Umwelt findet, können die besten Entwürfe und wasserfeste Materialen wenig ausrichten. Die Archtitektur in Bangkok müsse sich auf meterhoch überflutete Gehwege einstellen. Die vielen Menschen, die diesen Gehwegen Leben einhauchen, bräuchten andernfalls in naher Zukunft viel eher Flöße.

Der Fluch der Monokultur

Abgeholztes Gebiet (Photo:Global Witness)

Wald wird abgeholzt, um Platz für Gummi-Plantagen zu machen.

Ganz allgemein könnte ein Weg weg von Überflutungsrisiko und Schlammlawinen darin liegen, den Druck, der dem Land von der Rohstoff-Industrie auferlegt wird, zu lockern. Es geht dabei um Gummibaum-Plantagen oder Palmöl-Felder. Aber das ist ein hartes Stück Arbeit.

Wenn der natürlich gewachsene Wald umgewandelt wird in eine Monokultur, dann fällt einerseits weniger Regen an dieser Stelle, weil hier weniger Wasser verdunstet. Aber die Gefahr von Überschwemmungen steigt massiv an, zitiert die Bangkok Post aus einer Studie, die die Chulalongkorn University nördlich der Hauptstadt durchgeführt hat. Durch weniger Regen trocknet die Erde aus und kann bei einsetzendem Monsun die großen Niederschlagsmengen nicht aufnehmen. Man kommt vom Regen in die Traufe: Zuerst droht Trockenheit, dann kommen Springfluten. Dieses Bild zeichnet auch eine andere Studie, durchgeführt von Landvermessern und Architekten der Universiti Teknologi MARA in Malaysia. Diese Studie weist explizit auf einen Zusammenhang zwischen Gummibaum-Plantagen und stärkeren, häufigeren Fluten hin.

Neunzig Prozent des weltweiten Gummibedarfs wird mit Rohstoff aus Südostasien gedeckt. Natürlicher Gummi ist ein 25 Milliarden Euro schweres Geschäft, wie das Wall Street Journal schreibt. Hier verändernd einzugreifen, dürfte kompliziert werden. Für die Menschen, deren Länder sich aus der Armut erheben wollen, wird eine Sprosse der Leiter auf dem Weg nach oben auch weiterhin aus Gummi bestehen.

Aufbereiteter Gummi kann etwas ändern

Alan Bartons Augen leuchten, wenn er davon spricht, einen Wandel zu schaffen. Er ist der Geschäftsführer von Lehigh Technologies, einem kleinen Unternehmen aus Atlanta, das abgenutzten Gummi – von abgefahrenen Autoreifen, alten Förderbändern oder platten Fahrradreifen – verarbeitet. Das Ergebnis ist ein Pulver, das Rohmaterialien auf Gummi- oder Ölbasis ersetzen kann, um daraus neue Reifen, Asphalt, Kunststoff und andere Gebrauchsgegenstände herzustellen. Bartons Firma nennt das Material nachhaltig: Nachhaltig wegen seiner geringen Produktionskosten, dem geringen Einfluss aufs Klima, der Müllvermeidung. Bartons gehäckselter Gummi verursacht keine Gifte und ist insgesamt ein Erfolg: 250 Millionen Reifen sind in den USA in den vergangenen acht Jahren hergestellt worden.

Auch für die Branche insgesamt gewinnt Nachhaltigkeit an Bedeutung. Im Frühjahr hatte die International Rubber Study Group eine Initiative ins Leben gerufen, die für eine höhere Qualität in der Produktion wirbt und verspricht, dass nur auf bereits abgeholzten Gebieten Plantagen errichtet werden dürfen. Zumindest einige Produzenten beginnen die Initiative zu unterstützen.

Falls - und das ist ein sehr großes „falls“ – Gummi-Ersatzstoffe und Nachhaltigkeits-Initiativen es tatsächlich schaffen, zu deutlichen Veränderungen zu führen, wird der Weg trotzdem lang sein. Laut Stefan Bringezu vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, haben diese Ersatzstoffe tatsächlich schon dafür gesorgt, dass weniger Naturgummi nachgefragt wird. Allerdings werden die Gummiplantagen schlicht in Palmöl-Farmen umgewandelt. „Wenn wir den Verlust der Artenvielfalt weltweit tatsächlich stoppen wollen, müssen wir dafür sorgen, dass natürlich gewachsenes Land, insbesondere Wälder, nicht mehr zu Plantagen gemacht werden“, sagt Bringezu.

Keine Plantagen, keine Probleme mehr mit Überflutungen und Schlammlawinen. So einfach ist die Rechnung nicht. Wenn Kleinbauern keine Plantagen mehr zu bewirtschaften haben, wird es für sie attraktiver nach Bangkok zu gehen und dort nach einem Verdienst zu suchen. Und das bedeutet noch mehr Stress für das ohnehin schon überforderte Abwassersystem. Und am Ende kommt der Regen.

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