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Nahost

Gegen den Strom: Rückkehr nach Aleppo

Weil sie eine mögliche Belagerung von Aleppo fürchten, versuchen viele syrische Flüchtlinge an der türkischen Grenze zurück in die Stadt und zu ihren Familien zu gelangen. Anna Lekas Miller berichtet aus Kilis.

Es ist ruhig am türkisch-syrischen Grenzübergang Öncüpinar. Und das, obwohl Zehntausende syrische Flüchtlinge darauf warten, passieren zu dürfen. Die türkische Regierung besteht darauf, die Grenze geschlossen zu halten, trotz der Kämpfe, die in der Region um Aleppo eskalieren. Diejenigen, die ihre Heimat verlassen, mussten warten, jetzt weniger als einen Kilometer von der Grenze entfernt.

Neben dem Hauptübergang gibt es noch ein kleineres Tor, an dem nur sehr wenige Menschen stehen. Einige der Männer rauchen im Stehen, während andere erschöpft auf Kofferstapeln sitzen. Die Frauen warten einige Meter entfernt. Mütter stillen ihre Babies und versuchen, ihre weinenden Kinder zu beruhigen.

Diese kleine Gruppe von Menschen will in die andere Richtung: trotz der Gewalt, die sie auf der anderen Seite erwartet, möchten sie zurück nach Syrien.

Angst um die Familie

"Ich muss zurück", sagt Abdullah, ein von der Flucht gezeichneter Syrer, der DW. "Meine Familie hat es so schwer. Ich kann nicht länger von ihnen getrennt sein."

Vor einem Monat floh Abdullah vor russischen Luftangriffen aus Al-Bab nördlich von Aleppo in die nahegelegene Stadt Azaz, die nur einige Kilometer von der türkischen Grenze entfernt liegt. Aber auch hier war es nicht sicher; die Stadt rückte ins Zentrum der Kämpfe von lokalen, regionalen und internationalen Truppen.

Weil er Angst um seine Sicherheit hatte, überquerte Abdullah die Grenze in die Türkei, um ein für alle Mal der Gewalt zu entkommen und nach Arbeit zu suchen.

Schranke am Grenzübergang in Kilis. (Foto: Anna Lekas Miller, DW)

Am Grenzübergang in Kilis herrscht fast schon unheimliche Stille

"Es bis hierher zu schaffen, war sehr schwierig", sagt er. "Ich habe es viele Male an der gleichen Stelle versucht, habe aber es nicht geschafft."

Als er es endlich geschafft hatte, wurde ihm schnell klar, dass er nun zwar die Gewalt hinter sich gelassen hatte, aber das Flüchtlingsleben nicht einfach werden würde. Abdullah hatte zwar gehört, dass er seinen ikimlik - einen Flüchtlingsausweis - nach einer Woche bekommen würde, aber nach seiner Ankunft lernte er, dass es mindestens einen Monat dauern würde. Als sich die Situation in Syrien rapide verschlechterte, entschied er sich, zu seiner Frau und seinen fünf Töchtern zurückzukehren, die in Aleppo geblieben waren.

"Ich habe Angst, dass ihnen etwas passiert ist", sagt Abdullah. Seine Augen füllen sich mit Tränen.

Seit die letzte sichere Verbindung in die von Rebellen beherrschten Gebiete von Aleppo abgerissen ist, befindet sich die Stadt teilweise in einem Belagerungszustand. Es wird immer schwieriger, Hilfslieferungen zu denen zu bringen, die festsitzen. Die Situation wird immer schlimmer und viele fürchten schon ein Szenario wie in Yarmouk oder Madaya, wo eine Belagerung durch die Regierung die Städte komplett von jeglichen Hilfslieferungen abgeschnitten hat und Zivilisten hungern müssen.

"Ich weiß nicht, was ich tun kann, um meiner Familie zu helfen", sagt Abdullah, als er sich wieder ein bisschen beruhigt hat. "Aber ich will trotzdem da sein."

Ausufernde Gewalt

Anfang Februar startete das syrische Regime eine Großoffensive gegen die Teile der Provinz Aleppo, die sich in den Händen der Rebellen befinden. Die Region ist von strategischer Bedeutung und war früher eine Hochburg der Opposition, die für den Erfolg der Revolution stand. Aber nachdem eine Offensive mit russischer Unterstützung vor Kurzem viele umliegende Städte wieder in die Hände des Regimes brachte, sind viele besorgt, dass der Stadt Aleppo das gleiche Schicksal droht. Das könnte möglicherweise den Ausgang des Krieges beeinflussen - im Sinne des Assad- Regimes.

Ruinen in Aleppo. (Foto: picture alliance/abaca)

Große Teile Aleppos liegen in Schutt und Asche

"Die meisten unserer Kämpfe sind gegen den IS, seit Kurzem setzen uns jedoch auch kurdische Truppen unter Druck", sagte ein Kämpfer der Freien Syrischen Armee, der sich Abu Muhidden nennt, der DW.

"Aber die meisten der Flüchtlinge müssen gerade wegen der russischen Luftangriffe fliehen", erklärt er weiter. "Deren Technologie ist weiter fortgeschritten als die des Regimes und deswegen auch tödlicher."

Russland fliegt zurzeit im Schnitt 60 Luftangriffe pro Tag über Syrien. Mindestens 500 Menschen, darunter 89 Zivilisten, wurden angeblich allein im vergangenen Monat durch russische Luftangriffe getötet.

Die USA und Russland haben zwar einen Waffenstillstand ausgehandelt, der am Samstag in Kraft treten soll. Aber Abu Muhidden hält das für unwahrscheinlich und sagt, dass das die Kampfstrategie seiner Truppe nicht ändern wird.

"Es herrscht Krieg", sagt er mit einem bitteren Lachen über das, was für ihn nur die neueste Entwicklung in einer Reihe von unwahrscheinlichen Versprechungen der internationalen Gemeinschaft ist. "Da müssen wir auf das Schlimmste vorbereitet sein."

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