1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Gegen den Gedächtnisverlust: Poetry Slam

Vor 15 Jahren kam der Poetry Slam aus Amerika nach Deutschland. Diese moderne Form des Dichterwettstreits eroberte zuerst deutsche Bühnen, dann die Klassenzimmer - und fand auch den Weg ins Altenheim.

Pionier des Poetry Slam in Deutschland: Wolf Hogekamp Foto: Svenja Pelzel

Slammer Wolf Hogekamp in Aktion

Er bezeichnet sich gern als einer der dienstältesten Poetry Slammer in Deutschland: der Berliner Wolf Hogekamp, Mitglied der Literatengruppe "Agrar-Berlin" und Begründer der Lesebühne "BerlinerWald". Seit 1994 organisiert er diese moderne Form des Dichterwettstreites und gilt damit als Pionier der deutschen Poetry Slam-Szene. An die 400 Auftritte hat Hogekamp selbst schon hinter sich. An diesem Nachmittag ist jedoch eine Veranstaltung der besonderen Art dran: Hogekamp tritt im Altenheim auf.

Langsam kommen fünfzehn alten Männer, Frauen und ein kleiner, weißer Hund in den Aufenthaltsraum des Seniorenheimes Bethanien in Berlin-Steglitz. Wolf Hogekamp und sein Mitstreiter Lars Ruppel begrüßen sie mit breitem Lächeln und Handschlag und plaudern kurz mit jedem. Eine Stunde lang singen die beiden Männer anschließend mit den Bewohnern alte Lieder und tragen gemeinsam Gedichte aus Kindertagen vor, zum Beispiel "Max und Moritz" von Wilhelm Busch.

Gedichte und Gehirnforschung

Einige der anwesenden Senioren können keinen klaren Gedanken mehr fassen. Die alten Lieder und Gedichttexte aber sprechen sie mit, sobald Hogekamp und Ruppel die ersten Worte sagen oder singen. Der Grund ist ganz einfach: Gereimtes prägt sich besser ein und beansprucht ganz andere Gehirnregionen als unsere normale Sprache. Die Methode stammt von Gary Glazner aus New York, einem Schriftsteller und Slammer-Freund von Wolf Hogekamp. Glazner arbeitet seit fünf Jahren auf diese Art und Weise mit Demenz- und Alzheimerkranken in New York. Er hat während dieser Zeit immer wieder festgestellt, dass er durch die klassischen Verse einen emotionalen Zugang zu den Menschen bekommt. Hogekamp will noch einen Schritt weiter gehen: In einem Berliner Projekt, das von der Amerikanischen Botschaft gefördert und finanziert wird, möchte er zwei Generationen mit Hilfe der Poesie verbinden. "Anscheinend sind Gedichte gute Brücken zwischen ganz jungen und ganz alten Menschen", freut sich Hogekamp.

Nicht nur was für Junge: der damals 71-jährige Leo Berens 2001 beim German Poetry Slam Foto: picture alliance/dpa

Nicht nur was für Junge: Poetry Slam

Brücke zwischen Jung und Alt

Um diese Brücke zu bauen, gehen er und Ruppel nicht nur in Altenheime, sondern veranstalten auch Workshops in Schulen. Mit steigender Nachfrage. In Berlin zum Beispiel wird Poetry Slam seit diesem Jahr erstmals für den Deutschunterricht der 11. Klasse empfohlen. Bei einer Veranstaltung im Rahmen der "Kulturhauptstadt Essen 2010" haben sich kürzlich 250 Schüler für einen sechswöchigen Workshop eingetragen. Aber nicht nur Schüler, sondern auch Lehrer sind an Poetry Slams interessiert, erzählt Hogekamp: "Die Lehrer fragen immer, wie machen wir das am besten? Da gibt es eine ganz einfache Formel: am besten zum Poetry Slam hin gehen."

Zum Beispiel in den Festsaal Kreuzberg. Mit seinen abgewetzten Dielenböden, den roten Samtvorhängen und Discokugeln an der Decke. Um die 300 Leute, Junge und Alte, Männer und Frauen, nehmen an diesem Abend auf den harten Holzstühlen in einem Berliner Hinterhaus Platz. Neben seiner Arbeit im Altenheim und an Schulen lädt Wolf Hogekamp ein Mal im Monat in den Festsaal zum sogenannten "Bastard Slam", einen der wichtigsten und größten Poetry Slams der deutschsprachigen Bühnenliteratur.

Zwischen Klassiker, Rap und Comedy

Beliebter Slammer-Ort: der Festsaal Kreuzberg in Berlin Foto: Svenja Pelzel

Eingang zum Berliner Slammer-Paradies: der "Festsaal Kreuzberg"

Bevor es losgeht, erklärt Hogekamp noch einmal kurz die Regeln von Poetry Slams: jeder Teilnehmer darf nur eigene Texte vortragen, nicht länger als fünf Minuten auf der Bühne sein, Instrumente sind verboten, das Publikum bestimmt per Applaus am Ende den Sieger. Dann legen die Slammer nacheinander auf der Bühne los, auswendig oder mit Zettel in der Hand, vor sich lediglich das Mikro. An diesem Abend spielen die überwiegend jungen Poeten drei Stunden mit der deutschen Sprache, dass es eine Lust ist, zuzuhören. Von Comedy bis zum nachdenklichen Essay, von Rap bis zum gereimten Gedicht ist alles dabei. Freches, Witziges, Düsteres, Absurdes wird vorgetragen. Poetry-Slam ist keine männliche Domaine mehr, wie noch zu Beginn in den 90er Jahren. Bei der Meisterschaft der unter 20-jährigen in Düsseldorf zum Bespiel waren alle fünf Finalisten Frauen.

Rund drei Stunden dauert der Slam. Am Ende sind Publikum, Slammer und Wolf Hogekamp mit der Show zufrieden. Den nächsten Bastard Slam gibt’s in vier Wochen. Bis dahin arbeitet Hogekamp an seinem Altenheim-Projekt weiter. Zein Ziel: Irgendwann sollen junge Slammer gemeinsam mit Senioren die Lebensgeschichten der alten Menschen in Worte fassen und vortragen.

Autorin: Svenja Pelzel
Redaktion: Matthias von Hein