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Bildung

Gegen das Vergessen: Holocaust Studies

Totalitäre Regime gab es nicht nur im deutschen Nationalsozialismus. Deshalb ist es wichtig, die Vergangenheit nachfolgenden Generationen zu vermitteln. Wie, das lernt man an einer Berliner Privathochschule.

Kerzen brennen an der ehemaligen Laderampe der Deutschen Reichsbahn in Berlin, von wo aus Berliner Juden in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert wurden (Foto: AP)

Wenn es um die Bewältigung der nationalsozialistischen Vergangenheit geht, tun sich die Deutschen oft schwer. Jahrelang etwa wurde gestritten über ein Holocaust-Mahnmal in der Hauptstadt Berlin. Über 2700 Betonstelen des Künstlers Peter Eisenman sind dort seit 2005 zu besichtigen. Wie Grabsteine sollen sie wirken und an die Ermordung der Juden in Europa während der nationalsozialistischen Herrschaft erinnern.

Wie vermittelt man solche schrecklichen geschichtlichen Ereignisse heute, damit sie nicht in Vergessenheit geraten? Damit beschäftigt sich der Masterstudiengang "Holocaust Communication and Tolerance" am Touro College in Berlin. Das Touro College ist eine US-amerikanische Privathochschule mit vielen Zweigstellen. Allein in den USA gibt es 23 Standorte, weitere sind in Moskau, Berlin, Paris und Jerusalem angesiedelt. Leiter des Berliner Instituts ist Prof. Dr. Andreas Nachama. Wir haben mit ihm über den in Deutschland einzigartigen Studiengang gesprochen.


DW-WORLD.DE: Wie kam es, dass dieser Studiengang ausgerechnet am Berliner Touro College gegründet wurde, wo sich das College doch ansonsten mehr mit Wirtschaftswissenschaften beschäftigt?

Andreas Nachama, Geschäftsführender Direktor der Stiftung 'Topographie des Terrors' und Dekan des Touro College in Berlin (Foto: dpa)

Professor Dr. Andreas Nachama

Prof. Dr. Andreas Nachama: Als kurz nach der Eröffnung des Holocaust-Mahnmals der Gründer des Touro Colleges, Bernard Lander, amerikanischer Rabbiner und Soziologieprofessor, hier in Berlin war, hat er sich das Holocaust-Mahnmal angeschaut und gesagt: "Meaningless concrete blocks" … Und diesen "bedeutungslosen Betonklötzen" wollte er etwas Bedeutungsvolles entgegensetzen.

Bernard Lander meinte, dass es auch für amerikanische Studenten interessant sein könnte, in Berlin, da wo die Quellen und die Archive sind, Holocaust Studies zu machen – mit dem besonderen Schwerpunkt darauf, sich zu überlegen, wie man dies in der Zeit, in der die Zeitzeugen von der Bühne abtreten, zeitgemäß vermitteln kann und welche Formen man auch finden könnte, um beispielsweise Migranten und anderen, die aus einem anderen Background kommen, den Holocaust vermitteln zu können.

Was beinhaltet das Studium konkret?

Das Studium beinhaltet im Wesentlichen zwei große Komponenten: Die eine Komponente ist das, was man in jedem anderen zeitgeschichtlichen Studium auch machen würde, nämlich dass man sich mit der Verlaufsgeschichte auseinandersetzt, mit den Fakten und mit den Quellen. Und das zweite sind Bestandsaufnahmen, kleine Studien über die Frage, wie man mit Hinterlassenschaften des NS-Terrors umgeht.

Wir haben uns zum Beispiel im letzten Wintersemester mit den Studierenden an die Orte kirchlichen Widerstands und kirchlicher Verfolgung hier in Berlin begeben und haben uns angesehen, was etwa im Bonhoeffer-Haus oder im Niemöller-Haus zu sehen ist und welche Konzepte dort verfolgt werden. Die Studenten haben dazu Seminararbeiten vorgelegt und arbeiten das jetzt teilweise noch weiter aus zu kleinen Empfehlungen und Memoranden, die wir dann den Orten zur Verfügung stellen, und diese könnten dann zum Beispiel ihre Präsentationen in dem Sinne ergänzen oder verbessern.

Mitglieder der Kammersymphoniker Berlin musizieren zwischen den Stelen des Holocaust-Mahnmals in Berlin (Foto: AP)

Bedeutungslose Betonklötze? Das Holocaust-Mahnmal erinnert an die Ermordung der Juden in Europa.



Sie selbst sind Geschäftsführender Direktor der Stiftung "Topographie des Terrors", Rabbiner der Synagogengemeinde Berlin und Dekan und Hochschullehrer für den Studiengang "Holocaust Communication and Tolerance". Das heißt, Sie haben eine sehr vertraute Sicht von innen des jüdischen Lebens. Sollen mit dem Studiengang aber vielleicht auch Ansichten von außen korrigiert werden? Gerade wir in Deutschland haben ja viele Probleme mit der Deutung von Geschichte. Leisten Sie in diese Richtung auch einen Beitrag?

Ich glaube nicht. Man kann an sich da nicht korrigieren, sondern man kann am Ende die Dinge nur dokumentieren. Man kann Angebote machen, und Menschen begreifen es so oder so. Ich finde, die Fakten sprechen ja in aller Regel für sich. Sie sprechen nebenbei bemerkt ja auch bei Migranten für sich. Wenn man sich ansieht, was in Ländern passiert, in denen Polizei oder Geheimpolizei nicht demokratisch kontrolliert werden, dann weiß man, was im Dritten Reich passiert ist – und dann weiß man, dass nicht nur eine Gruppe, nämlich die deutschen Juden und dann die europäischen Juden, in Gefahr war, sondern dass potenziell alle in Gefahr waren. Und das kann man am Dritten Reich auch ganz simpel und gut ablesen: Das ging dann bis hin zu den Patienten, also zum Mord an den Kranken oder zum Mord an drei Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen. Man sieht also: In einem Land, in dem sich staatliche Gewalt nicht demokratisch kontrollieren lässt, ist potenziell jeder in Gefahr – einer, der 1933 in Deutschland war, und auch einer, der 1933 noch gar nicht in Deutschland war wie die sowjetischen Kriegsgefangenen.

Das heißt, dieser Studiengang ist nicht entstanden, weil irgendwo Lücken bestehen oder man etwas korrigieren müsste?

Dr. Bernard Lander, Gründer des Touro Colleges (Foto: Touro College)

Dr. Bernard Lander

Ich glaube, Bernard Lander hat sich das angeschaut und sich gewundert, dass es in Berlin keinen Lehrstuhl für Holocaust Studies gab. Jetzt gibt es ja einen mit Michael Wild besetzten an der Humboldt-Universität, der sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus befasst, aber den gibt es erst seit anderthalb Jahren. Bernard Lander hat einfach gemeint, damit etwas tun zu können, hier in Berlin, für Berliner Studenten oder für deutsche Studenten. Und er hatte die Vorstellung, dass langfristig auch amerikanische Studenten von diesem Angebot Gebrauch machen würden, vielleicht drei Semester in Amerika studieren und das vierte Semester dann in Berlin verbringen. Wir haben auch einige Anfragen in diesem Zusammenhang, es ist also nicht so, dass sich das einer am grünen Tisch ausgedacht hat, sondern der Studiengang entwickelt sich auch in diese Richtung.

Interessieren sich auch Studierende aus anderen Ländern für den Studiengang?

Wir haben Nachfragen aus anderen Ländern, es gibt eine ganze Reihe von Nachfragen von Studierenden aus afrikanischen Staaten, denen es allerdings mehr darum geht, einen Abschluss, einen Master in Zeitgeschichte zu bekommen. Da muss man dann schon sagen, es gibt einen Schwerpunkt, und der liegt eben auf der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, und manch einer schreckt dann eben davor zurück, weil doch auch ein gewisses Vorwissen erwartet wird. Wir hatten letztens ein Eignungsgespräch mit einem Studierenden, der große Schwierigkeiten hatte, den Ersten und den Zweiten Weltkrieg auseinander zu halten, und da empfiehlt man dann doch, lieber woanders zu studieren.


Das Gespräch führte Gaby Reucher
Redaktion: Claudia Unseld

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