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Kultur

Gegen das Vegetieren im Kinderzimmer

In Deutschland verwahrlosen Kinder zu Tausenden unter miserablen Bedingungen in ihren Elternhäusern. Experten suchen nach Möglichkeiten zur Hilfe.

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In Deutschland verwahrlosen weit über 100.000 Kinder.

Eine Siebenjährige verhungert, von ihrer eigenen Mutter jahrelang weggesperrt: Diese Nachricht aus dem Hamburger Stadtteil Jenfeld erschütterte vor einem dreiviertel Jahr das Land. Der ortsansässige Pastor Thies Hagge hat aus dem Schock Konsequenzen gezogen. Seit Monaten konzipiert er ein überdurchschnittlich engagiertes Jugendzentrum. "Die Planung ist schon sehr konkret. Was wir aber noch dringend brauchen, sind Sponsoren." Er wünscht sich eine "Arche", wie sie Pastor Bernd Siggelkow vor zehn Jahren in Berlin gegründet hat: ein Haus, in dem bedürftige Kinder Ersatz für ein gescheitertes oder verwehrtes Zuhause finden. Ein Haus, das im günstigsten Fall Familienzusammenhalt neu herstellen kann.

Wie definiert man Verwahrlosung?

Bundesweit kann das Projekt freilich nur als Tropfen auf den heißen Stein verstanden werden. Zwischen 100.000 und 300.000 Jungen und Mädchen gelten in Deutschland als verwahrlost. "Die Schätzungen variieren, da 'Verwahrlosung' als solche nicht eindeutig zu definieren ist", erklärt Katharina Abelmann-Vollmer vom Bundesverband des Deutschen Kinderschutzbundes (DKSB). Zu unterscheiden sei zwischen körperlicher oder medizinischer Vernachlässigung und einem absoluten Mangel an geistiger Anregung, der jedoch wiederum körperliche Folgen haben kann. Im Extremfall führt er zu "nicht-organischen Gedeihstörungen", wie man sie von der Figur Oskar Matzerath aus Günter Grass' Roman "Die Blechtrommel" kennt - Kinder hören auf zu wachsen, ohne dass es eine physiologische Erklärung dafür gibt.

Kinderarmut in Deutschland Symbolbild

Besonders in sozialen Brennpunkten fühlen sich Eltern oft überfordert.

Allein im Jahr 2004 wurden 17.674 Jungen und Mädchen von sozialen Diensten aus ihren Familien geholt, weil sie dort als gefährdet galten. "Was sich hinter dicken Mauern abspielt, ist häufig dramatisch", hat der Berliner Arche-Gründer Siggelkow beobachtet, der vor zehn Jahren in Berlin das Jugendzentrum "Arche" gründete. Wer arm ist, spare mitunter lieber am Nachwuchs als an sich selbst. Babys, die im Müll aufwachsen, kaum Essen haben oder eingesperrt werden sind die Folge, wenn Eltern ihr Verantwortungsbewusstsein verlieren.

Grundrechte gegeneinander abwägen

Obgleich die Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht strafbar ist, haben Jugendämter es häufig schwer, ihrer Schutzfunktion nachzukommen. Das Grundgesetz nämlich sichert Eltern die Erziehung ihres Nachwuchses als natürliches Recht zu. Gleichzeitig sind Erziehung und Pflege verfassungsgemäß jedoch auch eine Pflicht, welche vom Staat zu überwachen ist.

Im Zweifelsfall sei das Wohlergehen des Kindes höher zu bewerten als das Erziehungsrecht der Eltern, fordern die Hamburger Grünen (GAL) und Sozialdemokraten (SPD). Beide Parteien verlangen daher, dass Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt zur Pflicht werden. Die neun Standardchecks, genannt "U1" bis "U9", sollten bei jedem Kind bis zum Alter von fünf Jahren stattgefunden haben. Besonders die U7, U8 und U9, die ab dem zweiten Lebensjahr empfohlen sind, werden aber häufig nicht wahrgenommen. Durch die Verpflichtung zum Arztbesuch soll der zunehmenden Verwahrlosung Einhalt geboten werden. Zu prüfen ist jedoch, ob diese Verbindlichkeit verfassungskonform ist. Bislang sind die medizinischen Untersuchungen, genannt "U1" bis "U9", lediglich ein Angebot. dienen dazu, körperliche und seelische Fehlentwicklungen rechtzeitig zu bemerken und zu behandeln.

Pflicht zur Vorsorgeuntersuchung umstritten

Der Präventionsbeauftragte des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), Hermann-Josef Kahl, empfiehlt empfindliche Sanktionen, falls Eltern Vorsorgeuntersuchungen für ihre Söhne und Töchter nicht wahrnehmen: "Man kann das Kindergeld oder auch die Vergabe von Kindergarten- und Studienplätzen an die vollständige Inanspruchnahme der Leistungen koppeln." Um die Bedeutung des Gesundheitschecks zu unterstreichen, organisiert die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) die Aktion "Ich geh zur U! Und Du?". Ein Fotowettbewerb soll schon den Kleinsten ein Gespür für die Wichtigkeit des Arztbesuches geben.

Ob allerdings die Verpflichtung zu den Untersuchungen empfehlenswert ist, zweifelt Kinderschutzbund-Referentin Abelmann-Vollmer an. "Von Verwahrlosung betroffen sind Kinder, deren Eltern sehr stark belastet sind. Wenn man denen noch mehr Pflichten auferlegt, zahlt sich das für die Kinder nicht aus." Die Fachreferentin plädiert stattdessen für eine Vielzahl niedrigschwelliger Angebote, in denen frühzeitig geholfen werden kann, bevor eine Situation eskaliert: Mütter-Cafés, Krabbelgruppen und ähnliches.

Aphasie

Misshandelte Kinder sind meist stille Opfer elterlicher Gewalt.

Für den Berliner Pastor Siggelkow ist jedenfalls klar, dass Deutschland reagieren muss. "Ich habe mich eigentlich nur darüber gewundert, dass das erste Kind ausgerechnet in Hamburg verhungert ist. Hier in Berlin hätte ich das eher erwartet." Eines Tages würden vor der Arche vielleicht Kinder in erbärmlichstem Zustand abgeladen: "Davon gehe ich aus."

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