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Terrorismus

Gegen Boko Haram kämpft jedes Land für sich allein

Die Terrorgruppe Boko Haram bedroht gleich mehrere Länder in Westafrika. Deren Regierungen beteuern, gemeinsam gegen die Islamisten vorzugehen. Doch die Zusammenarbeit der betroffenen Länder lässt zu wünschen übrig.

Als "totale Panik" beschreibt Danjuma Hamina aus Ashigashia, was in ihrem Heimatort im Norden Kameruns in diesen Tagen vor sich geht. Kämpfer der Terrorgruppe Boko Haram aus dem Nachbarland Nigeria hätten die Grenzstadt eingenommen "und sogar ihre Fahne gehisst". Mit dem Zug ist Hamina - wie Dutzenden weitere Menschen - in Kameruns Hauptstadt Yaounde geflohen.

Bereits seit einigen Monaten greifen Boko-Haram-Mitglieder immer wieder Orte nahe der nigerianischen Grenze in Nord-Kamerun an und ziehen sich meist schnell wieder zurück. Doch dieses Mal sei es anders gewesen, berichtet die Augenzeugin der DW. "Seit die Sache mit Boko Haram begonnen hat, hatten wir noch keinen Angriff wie diesen!"

Nach Angaben des kamerunischen Militärs griffen in den vergangenen Tagen mehr als 1000 Terroristen mehrere Orte im Grenzgebiet an. Sie töteten zahlreiche Zivilisten und Soldaten und nahmen am Sonntag nach heftigen Kämpfen kurzfristig den Militärstützpunkt von Ashigashia ein. Nur mit Hilfe der Luftwaffe, die Kamerun erstmals gegen die Terrorgruppe einsetzte, konnte das Militär die Basis wieder zurückerobern.

Soldaten im Stechschritt
Foto: EPA/SABRI ELMHEDWI

Das Militär des Tschad gilt als schlagkräftig. Doch die Nachbarländer misstrauen der Regierung des Landes

Wie viele Opfer die Angriffe insgesamt gefordert hätten, sei noch unklar, hieß es vom kamerunischen Militär. Klar dagegen ist spätestens jetzt, dass Boko Haram nicht nur den Norden Nigerias, sondern auch die Nachbarstaaten bedroht.

Vor allem in den nigerianischen Bundesstaaten Borno, Yobe und Adamawa verüben die Islamisten seit etwa fünf Jahren blutige Anschläge. Inzwischen kontrollieren sie auch größere Gebiete, in denen sie einen Gottesstaat gemäß ihrer radikal-islamischen Ideologie ausgerufen haben. Mehrere Tausend Menschen wurden bei Angriffen getötet, zwischen 700.000 und 1,5 Millionen befinden sich auf der Flucht.

Kriegserklärung ohne Folgen

In den vergangenen Monaten hat die Terrorgruppe ihre Aktivitäten aber auch auf die Nachbarländer Kamerun, Tschad und Niger ausgeweitet. Experten zufolge nutzt Boko Haram bereits seit einiger Zeit Stützpunkte auf den verschiedenen Seiten der Grenzen, um sich vor Offensiven der jeweiligen Armee in Sicherheit zu bringen. Zudem werben die Terroristen in Nigerias Nachbarländern gezielt Nachwuchs an. Auch mehrere hochrangige Anführer der Gruppe sollen aus dem Tschad und Niger stammen.

Karte Nigerias Nachbarländer

Die Nachbarländer Nigerias liegen in einer armen und instabilen Region

Während die Terroristen ihre Fähigkeit, grenzüberschreitend zuzuschlagen, erneut unter Beweis gestellt haben, handeln die betroffenen Staaten weitgehend isoliert. Zwar erklärten die Staatschefs von Nigeria sowie der Nachbarländer Niger, Tschad, Kamerun und Benin unter Vermittlung des französischen Präsidenten Francois Hollande bei einem Gipfel in Paris im Mai 2014 der Terrorgruppe Boko Haram gemeinsam "den Krieg" und kündigten eine verstärkte Zusammenarbeit ihrer Geheimdienste an. Im November hätte ein gemeinsamer Koordinationsstab der Nachbarländer seine Arbeit aufnehmen sollen. Doch all diesen Erklärungen sind bisher kaum Taten gefolgt.

Kürzlich habe Kamerun wieder einmal erklärt, enger mit Tschad, Niger und Nigeria zusammenzuarbeiten, sagt Jesper Cullen, Sicherheitsanalyst beim britischen Beratungsunternehmen Risk Advisory. "Doch jetzt hat das kamerunische Militär wieder davon gesprochen, dass sie Boko Haram nur bis zu nigerianischen Grenze verfolgen könnten und dass die Terroristen auf der anderen Seite machen könnten, was sie wollten", so der Experte. "Das zeigt, dass es überhaupt keine Koordination zwischen den beiden Armeen gibt."

Geheimdienste misstrauen sich gegenseitig

Massiv betroffen von der Gewalt Boko Harams ist auch der Süden des Niger. Seine Heimatregion habe bereits mehr als 120.000 Flüchtlinge aus Nordnigeria aufgenommen, sagt der Vorsitztende des Regionalparlaments von Diffa. "Jeden Tag kommen mehr", so Mahirou Malam Ligari im Interview mit der DW. Die Regierung des Niger - eines der ärmsten Länder der Welt – tue zwar, was sie könne. "Aber wir brauchen mehr Hilfe!", so Ligari.

Flüchtlingsfamilie aus Nigeria vor einer Hütte bei Diffa Niger
Foto: DW/Larwana Malam Hami

Im Süden des Niger leben bereits mehr als 120.000 Flüchtlinge aus Nigeria

Die Flüchtlingswelle stellt nicht nur ein soziales Problem dar. Mit den Flüchtlingen kommen auch Boko-Haram-Kämpfer in den Niger. Die nigrischen Sicherheitskräfte hätten bereits mehrere mutmaßliche Terroristen verhaftet, die Gefahr von Anschlägen in der Grenzregion sei aber weiter hoch, warnt Ligari.

Obwohl sie einen gemeinsamen Gegner haben, herrscht zwischen den betroffenen Ländern Misstrauen. Nigerianische Medien beschuldigen etwa immer wieder die Führung des Tschad, Boko Haram zu unterstützen. Auch Kamerun vermutet seinerseits, dass die Terroristen in anderen Ländern Hilfe bekommen. "Man muß sich fragen, wie solch eine Bewegung, deren Nachschubwege eigentlich abgeschnitten sind, weiter solchen Schaden anrichten kann", sagt der kamerunische Militärsprecher Didier Badjeck im Gespräch mit der DW. "Das heißt, dass hinter den Kulissen bei Boko Haram seltsame Vorgänge geschehen."

Zwar beschuldigen sich die Sicherheitskräfte und Regierungen der Region nicht offen gegenseitig. Das massive Misstrauen zeige sich jedoch auch in der mangelnden Zusammenarbeit der Geheimdienste, sagt die Afrika-Direktorin der Nichtregierungsorganisation International Crisis Group, Comfort Ero, der Nachrichtenagentur AP. "Keine Seite ist bereit, ihre Informationen mit den anderen zu teilen."

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