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Fokus Osteuropa

Gefilterte Informationen aus Andischan

Tagelang wurde das Ausmaß des Blutbades von Andischan von offizieller Seite heruntergespielt. Zwischen den Verlautbarungen der Regierung und Augenzeugen-Berichten klafft eine gewaltige Lücke.

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Proteste in Andischan: Friedliche Demonstranten oder extremistische Islamisten?

"Im Grunde ist die Situation in der Republik, auch im Raum Andischan, stabil und unter Kontrolle" - hieß es tagelang aus offiziellen Quellen wie dem Usbekischen Innenministerium, die auch über russische Nachrichtenagenturen verbreitet wurden. Von Anfang an wurden Informationen über die Lage in Andischan von den usbekischen Behörden gefiltert und gesteuert. Ausländische Korrespondenten, selbst aus den GUS-Staaten, wurden zu Pressekonferenzen, etwa der des usbekischen Präsidenten, nicht zugelassen.

Verschiedene Internet-Seiten wurden blockiert, der Empfang von Nachrichten ausländischer Fernsehkanäle war zeitweise unterbrochen. Gleichzeitig wuchs das Interesse in Usbekistan an unabhängiger Berichterstattung aus dem Ausland.

Regierung beschuldigt Islamisten

Obwohl die Staatsmacht weiterhin betonte, dass die Lage unter Kontrolle sei, wurde die Militärpräsenz in der Region Andischan weiter verstärkt. Von offizieller Seite wurde behauptet, dass für die Opfer von Andischan einzig islamistische Extremisten der Bewegung "Akromija" verantwortlich seien. Diese verbreite eine "anti-vaterländische Stimmung" und "rebelliere gegen den Staat". "Akromija" unterhalte Verbindungen zu den Taliban und der usbekischen islamischen Bewegung "Hizb-ut-Tahrir".

Auf den ersten Blick bestätigt diese Version der Vorsitzende des für Andischan zuständigen Menschenrechtskommitees, Kadyr Irgaschev, beim Interview mit der Deutschen Welle. Er habe von einem Gefängnisinsassen erfahren, daß Akromija-Mitglieder am Freitag (13.5.) etwa 1.000 Gefangene, darunter 23 Geschäftsleute, aus dem Gefängnis befreit und bewaffnet hätten. Später habe er selbst gesehen, daß Demonstranten, die die Bezirksbehörden belagerten, von Akromija-Leuten zum Aufruhr angestiftet wurden. Als sich Irgaschev der Szenerie näherte, wurden er und sein Stellvertreter gemeinsam mit weiteren Personen als Geiseln genommen und als lebende Schutzschilde missbraucht. Als es zum Schusswechsel zwischen den Akromija-Mitgliedern und Spezialeinsatzkräften kam, hätten nur er und drei weitere Geiseln überlebt. Sein Stellvertreter und ca. 220 Geiselnehmer seien ebenfalls getötet worden. Die überlebenden Geiselnehmer hätten sich in unterschiedliche Richtungen verstreut, viele von ihnen seien in Richtung Kirgisistan geflüchtet. Danach sei kein Schuss mehr zu hören gewesen.

Beweise fehlen

Wie die Deutsche Welle aus usbekischen Geheimdienst-Kreisen erfuhr, liegen Präsident Islam Karimov bislang keine Beweise für eine Verbindung zwischen "Akromija" und den Taliban vor. Er wies die Spezialdienste an, mit Hochdruck daran zu arbeiten, diese Beweise zu erbringen.

Nach all den Vorfällen in Andischan, bleibt die Frage offen, ob man den offiziellen Verlautbarungen aus Taschkent Glauben schenken kann. Das fragten wir Arkadij Dubnov, einen Experte aus dem Carnegie-Zentrum in Moskau. Er antwortete: "Diese Vorgänge zu analysieren, ist meiner Meinung nach aufgrund fehlender Informationen sehr schwierig. Die usbekische Staatsmacht hat durch ihre Politik der Desinformation alles dafür getan, freie Informationen unter Verschluss zu halten. Man kann deshalb nur Vergleiche zwischen offiziellen Nachrichten und Augenzeugen-Berichten heranziehen, um sich ein ungefähres Bild von der Situation zu machen."

Taschkent fürchtet Popularität der "Akromija"

Den Unruhen im Fergana-Tal waren Proteste in Taschkent gegen die wirtschaftliche Situation vorausgegangen. In Andischan selbst hatten Angehörige von Geschäftsleuten protestiert, denen Verbindungen zu "Akromija" nachgesagt werden und die deshalb vor Gericht stehen.

Offenbar befürchten die Machthaber in Taschkent, dass die Akromija durch ihr soziales Engagement auf eine hohe Akzeptanz in der Bevölkerung zählen kann. Ähnlich populär war bereits in den 90-er Jahren die Partei "Adalat", die durch ihre wohltätigen Aktivitäten im Volk höher angesehen waren als die eigentliche Regierung. Auch damals wurde diese Partei von Karimov zerschlagen. Anders als damals eskalierte diesmal die Situation durch das unverhältnismäßige Vorgehen der Spezialeinheiten. Unbestätigten Berichten zufolge sollen auf jeden getöteten Extremisten rund zehn tote Zivilisten kommen.

Jurij Tschernogajew, Taschkent, Vitali Volkov
DW-RADIO/Russisch, 16.5.2005, Fokus Ost-Südost