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Kultur

Gefeiert die einen, vergessen die anderen

Rund um den 9. Mai hofiert die russische Staatsmacht die Weltkriegs-Veteranen. Es ist ein Festtag in ihrem Leben. Fast vergessen dagegen: die Veteranen aus den Tschetschenien-Kriegen.

Wenn am 9. Mai schweres Kriegsgerät durch Moskau rollt und 14.000 Soldaten zu Ehren der Veteranen des Zweiten Weltkrieges marschieren, wird der 92 Jahre alte Boris Kapylow vor dem Fernseher zuschauen. Dabei ist er als Vorsitzender eines Moskauer Veteranenverbandes eingeladen, um von der Tribüne am Roten Platz zuzuschauen. "In diesem Jahr bin ich müde", sagt er und lächelt entschuldigend, ganz so als wolle er um Verständnis bitten.

Trotzdem sind die Tage rund um den 9. Mai immer etwas Besonderes für ihn. "Dann bin ich stolz auf unseren Sieg und erinnere ich mich an die großen Opfer, die wir gebracht haben", sagt Kapylow. Die ganze Stadt bereitet sich seit Wochen vor auf den Tag des Sieges, wie die Russen den offiziellen Feiertag nennen. Die Parade ist minutiös geprobt, an jeder Ecke hängen Plakate und Fahnen zur Ehren derer, die im sogenannten Großen Vaterländischen Krieg gekämpft haben. Veteranen aus dem ganzen Land können für die vielen Festtagsveranstaltungen kostenlos nach Moskau reisen. Außerdem bekommen sie eine einmalige Geldprämie zwischen 20 und 50 Euro.

Russische Veteranen (Foto: Mareike Aden)

Eine Gruppe Veteranen aus dem Zweiten Weltkrieg nimmt an einer Gedenkveranstaltung auf einem Moskauer Friedhof teil (in der Mitte Veteran Boris Kapylow)

Staatliche Hilfen für Weltkriegsveteranen

Derzeit gibt es noch 3,4 Millionen Veteranen in Russland, viele davon sind mittlerweile über 90 Jahre alt. Von denen, die wie Kapylow an der Front gekämpft haben, sind laut Statistik des russischen Ministeriums für soziale Entwicklung noch rund eine halbe Million am Leben. Als Veteranen gelten auch die, die hinter der Front gearbeitet haben, sei es in Rüstungsfabriken oder Krankenhäusern - sie erhalten jedoch geringere staatliche Unterstützungen als die Frontkämpfer.

Boris Kapylow, der sich mit 17 freiwillig meldete und in den Schlachten um Moskau, Kursk und Königsberg kämpfte, lebt nun in einer kleinen Wohnung in Moskau und bekommt eine Rente von umgerechnet knapp 900 Euro. Das ist nicht viel für ein Leben in der teuren russischen Hauptstadt, aber fast dreimal so viel wie andere Moskauer Rentner bekommen. Außerdem hat er Anspruch auf kostenlose Behandlung in bestimmten Krankenhäusern, kann kostenlos öffentliche Verkehrsmittel nutzen und bekommt Zuschüsse für Medikamente und Strom- und Wasserkosten - alles ist per Gesetz geregelt. "Es geht mir finanziell nicht schlecht, nur einsam bin ich, seit meine Frau gestorben ist."

Bürokratie statt Hilfe

Doch nicht alle Weltkriegsveteranen erhalten tatsächlich die Hilfen, auf die sie per Gesetz Anspruch haben. Oft stehen ihnen geradezu absurde bürokratische Hürden im Weg, vor allem für Veteranen in der Provinz. So berichten unabhängige Medien immer wieder, dass sich die Wohnbedingungen für Veteranen, trotz einer entsprechenden Initiative des Präsidenten 2008, keineswegs verbessert haben: In einem Fall verweigerten Regionalbehörden einem 100 Jahre alten Mann eine neue Wohnung, weil sein Haus, in dem er ohne Wasser- und Gasanschluss lebt, mit 24 Quadratmetern als zu groß galt. Nur wer auf 14 Quadratmetern lebt, habe laut Gesetz Anspruch auf die vom Präsidenten versprochenen Verbesserungen.

Dmitrij Matwejew (Foto: Mareike Aden)

Dmitrij Matwejew kämpfte im ersten Tschetschenienkrieg und sitzt seitdem im Rollstuhl

Auch der 45 Jahre alte Dmitrij Matwejew aus einem Vorort im Süden von Moskau will am 9. Mai vor dem Fernseher sitzen und die Siegesparade schauen, während seine Frau und sein Sohn im Zentrum am Straßenrand stehen werden. Matwejew mag zwar Militärparaden, aber keine Menschenmassen. 1995 wurde er in der russischen Teilrepublik Tschetschenien schwer verwundet, seither ist er querschnittsgelähmt und sitzt im Rollstuhl. Der damalige Präsident Boris Jelzin hatte erstmals Truppen in die abtrünnige Region im Nordkaukasus geschickt. Über den zweiten Tschetschenienkrieg ab 1999 konnte Dmitrij Matwejew dann nur lesen. "Ich hätte gern mitgekämpft, ich bereue nichts", sagt er.

Tschetschenien: Die neuen Veteranen

Laut russischer Staatsdoktrin waren die Auseinandersetzungen in Tschetschenien jedoch keine Kriege, sondern lediglich kämpferische Handlungen - weshalb die staatliche Unterstützung für Tschetschenien-Veteranen wesentlich kleiner ausfällt. Rund 50 Euro zahlt ihnen der Staat monatlich, zusätzlich bekommen sie kleine Zuschüsse für Telefonkosten und nutzen wie die alten Veteranen öffentliche Verkehrsmittel kostenlos. Dazu bekommt Matwejew eine Invalidenrente in Höhe von 500 Euro pro Monat und gelegentlich medizinische Hilfe. "Ich weiß gar nicht, wo mein Veteranenausweis ist - er hilft mir im Alltag nicht viel, der Behindertenausweis bringt mir mehr."

Dennoch ist Dmitrij Matwejew stolz auf seinen Einsatz. Mit seiner Familie spricht er allerdings nie über den Krieg. Über seinem Computer hängen die Orden, die ihm der russische Staat für seinen Einsatz verliehen hat. "Mir wird nicht viel gezahlt, aber die Veteranen in den Regionen unseres Landes haben es schwerer als ich." Im Gegensatz zu vielen anderen Tschetschenien-Veteranen muss sich Matjejew zumindest um seine Wohnungssituation keine Sorgen machen. Seine Frau, die er erst nach seiner Verletzung kennen lernte, besitzt eine kleine Wohnung.

Zerstörte Leben

Der Journalist Arkadi Babtschenko, der im ersten und zweiten Tschetschenienkrieg gekämpft hat und nun für die Kreml kritische Zeitung Nowaja Gazeta schreibt, ist voller Wut, wenn er über die Lage der Tschetschenien-Veteranen spricht. "Es gibt keine Rehabilitationsprogramme, keine psychologische Betreuung, nichts. Die meisten meiner ehemaligen Kameraden sitzen in ihren Dörfern und sind Alkoholiker - wenn sie sich noch nicht umgebracht haben", sagt er. Ihn selbst habe nur das Schreiben gerettet.

Arkadi Babtschenko (Foto: Mareike Aden)

Arkadi Babtschenko arbeitet für die regierungskritische Zeitung Nowaia Gazeta

Auch die Veteranen aus Tschetschenien oder des sowjetischen Afghanistan-Krieges hätten einen Tag zu ihren Ehren verdient, findet Babtschenko. "Aber weil es da keinen Sieg zu feiern gibt, sondern der Staat weiß, dass er verbrecherisch vorgegangen ist und die Probleme im Nordkaukasus immer noch bestehen, vergisst man all das lieber und ignoriert die Veteranen und ihre Bedürfnisse." Und trotz aller Zurückhaltung sagt schließlich auch Dmitrij Matwejew: "Manchmal würde ich mir schon ein wenig mehr Anerkennung wünschen."

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