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Europa

Gefangen in Europa

In der Gemüseregion rund um die südspanische Hafenstadt Almeria leben Tausende illegale Einwanderer aus Afrika. Die Wirtschaftskrise hat ihre Situation verschärft. Immer mehr wollen zurückkehren, können aber nicht.

Ein Einwanderer aus Ghana zeigt seine Wohnung (Foto: Steffen Leidel)

Viele Afrikaner leben ohne Papiere und Arbeit in Südspanien

Wenn die Sonne scheint, verwandelt sich Isaaks Zuhause in einen Ofen. Der 30-jährige Ghanaer sitzt auf einer Matratze, klopft mit der Hand an die Decke. "Das ist Metall, im Sommer kann man sich daran die Finger verbrennen", sagt er. Stehen kann er in seiner Behausung nicht. Zusammen mit vier Afrikanern wohnt Isaak in der umgestülpten Ladefläche eines Lastwagens. An einigen Stellen hat der Rost Ritzen in das Metallgehäuse gefressen. "Wenn es regnet, dann tropft es rein", erzählt Isaak.

Die Männer haben die kleine Wohnfläche unter sich aufgeteilt. Jeder hat eine Matratze. Sein Hab und Gut hat Isaak in Plastiktüten und Stofftaschen verpackt: Kleider, Fotos der Familie aus Ghana, eine Bibel, Waschsachen. Neben dem Bett liegt eine Tüte vom Roten Kreuz mit Lebensmitteln. "Ich habe keine Arbeit, zurzeit ist es fast unmöglich etwas zu finden", klagt er.

Bis zu 50 Afrikaner übernachten in diesem Keller eines verlassenen Hauses (Foto: Steffen Leidel)

Bis zu 50 Afrikaner übernachten in diesem Keller eines verlassenen Hauses

Isaaks Unterkunft liegt inmitten eines Meeres von Treibhäusern aus Plastik in San Isidro, einem Städtchen in der Nähe von Almería. Die Region in der südöstlichen Provinz Spaniens gilt als das Gewächshaus Europas. Riesige Flächen sind mit Plastikfolie bedeckt, auf Satellitenfotos sieht das Gebiet aus wie ein riesiger Spiegel. In den Gewächshäusern wachsen Paprika, Zucchini, Tomaten oder Melonen. Die Bauern der Region liefern Gemüse für die Supermärkte in ganz Europa. Die meisten Erntehelfer sind Migranten aus Afrika und Osteuropa. Kaum ein Spanier möchte hier unter den harten Bedingungen arbeiten. Im Sommer herrschen bis zu 50 Grad in den Gewächshäusern.

Fast alle Afrikaner, die in der Gegend von Nijar leben, kamen auf einer "Patera", wie sie die überfüllten Flüchtlingsboote nennen. Isaak nahm ein Boot in Mauretanien, zahlte dafür 1500 Dollar. Nach tagelanger Reise auf See erreichte er die Kanarischen Inseln. Dort wurde er von der Polizei verhaftet, er erhielt einen Abschiebebefehl. Doch statt in sein Heimatland wurde er von der spanischen Polizei aufs spanische Festland geflogen, so wie die meisten Einwanderer. Nur die wenigsten werden abgeschoben.

Ohne Papiere kein würdiges Leben

Eigentlich war Isaak nicht unzufrieden in Ghana, er arbeitete als Schuster. Doch immer wieder schwärmte ein Freund von den angeblichen Reichtümern, die man sich in Europa aneignen könne. Isaak ließ sich überreden, gegen den Willen seiner Mutter. Das materielle Glück, das er suchte, hat er nicht gefunden. "Das Problem ist, dass ich keine Papiere habe. Ohne Papiere, keine würdige Wohnung, ohne Papiere keine Arbeit", sagt er. Es ist ein Teufelskreis.

Flash-Galerie Afrikanische Migranten Almeria Isaak

Isaak in seiner Behausung

Für illegale Einwanderer wie Isaak ist es fast unmöglich, an Papiere zu kommen. Die spanischen Behörden hätten in den vergangenen Jahren die Bedingungen noch einmal verschärft, sagt María del Mar Castillo von Almeria Acoge. Die Organisation hilft den Einwanderern bei Formalitäten, sie betreibt auch mehrere Zentren mit Duschen, Toiletten und Waschmaschinen für die Einwanderer.

Damit die Migranten überhaupt eine Chance auf eine Aufenthaltserlaubnis bekommen, müssen sie nachweisen, dass sie drei Jahre im Land sind, sie müssen in der Zeit in einer Gemeinde angemeldet sein, sie brauchen eine vorläufige Gesundheitskarte. "Und das sind nur die Mindestanforderungen", sagt Castillo. Selbst wenn sie die Bedingungen erfüllten, bräuchten die Behörden derzeit fast eineinhalb Jahre um einen Antrag zu bearbeiten. "Wir müssen leider einen Rückschritt im Umgang mit den Migranten feststellen", beklagt Castillo. Manch einer spricht gar von sklavenähnlichen Verhältnissen, in denen die Migranten leben müssen.

"Ich brauche Papiere", dies ist der immer gleich Satz, den man von den Einwanderern hört. Und paradoxerweise ist es oft der Hauptgrund, weshalb sie vorerst nicht zurückkehren wollen. Denn sonst dürften sie nie mehr nach Europa zurückkehren. Sorgen bereitet der NGO, dass einige Landwirte mit der Misere der Einwanderer Geschäfte machen. Einige verkaufen ihnen für bis zu 1000 Euro gefälschte Arbeitsverträge. "Viele glauben, dass sie mit so einem Arbeitsvertrag bessere Chancen auf Papiere haben. Doch das ist ein Irrtum", so Castillo.

Landwirte kämpfen um Existenz

Viele Landwirte in der Gegend sprechen nicht gern mit den Medien, weil sie sich ungerecht behandelt fühlen. "Es gibt sicher schwarze Schafe", sagt Juan Rumí, der ein Gewächshaus für Melonen und Zuchini betreibt. Sein größtes Problem ist die Wirtschaftskrise. Preise für Plastik und Dünger seien explodiert, auch die EHEC-Krise habe den Landwirt sehr geschadet. "Auch wenn ich wollte, kann ich keine Leute beschäftigen", sagt er.

Die Gewächshäuser um San Isidro bieten vielen Afrikanern Arbeit (Foto: Steffen Leidel)

Die Gewächshäuser um San Isidro bieten vielen Einwanderern Arbeit

Die Aussichtslosigkeit, an Papiere und an Arbeit zukommen, lässt viele verzweifeln. Viele Einwanderer harren schon seit Jahren aus, immer mehr leiden an Depressionen. "Wir beobachten seit einigen Monaten, dass die Zahl der Migranten steigt, die freiwillig zurückkehren möchten", sagt Castillo. "Das ist eine neue Entwicklung". Denn eine Rückkehr ohne gefülltes Bankkonto ist für die meisten immer noch ein Eingeständnis des Scheiterns. Viele Familien haben sich verschuldet, um den Männern eine Reise nach Europa zu ermöglichen. Viele gaukelten ihren Familien auch vor, es gehe ihnen gut.

Obwohl viele zurückwollen, können sie es nicht. Denn ihnen fehlt schlicht das Geld für das Flugticket. Die spanischen Behörden stellen nur sehr wenige Mittel für freiwillige Rückkehrer bereit. Viele der Afrikaner in Nijar fühlen sich wie in einem Gefängnis. Und selbst für die, die Arbeit haben, ist die Situation derzeit schwierig. Isaaks Freund Razak arbeitet in einem Gewächshaus. Er hat immerhin ein Zimmer für sich und bekam bislang 34 Euro pro Tag. "Mein Boss zahlt in letzter Zeit nicht mehr am Ende des Monats, sondern nur alle drei bis vier Monate", sagt Razak. Auch er hegt den Gedanken, nach Ghana zu seiner Frau und seinen drei Kindern zurückzukehren. "Als ich hierher kam, dachte ich Europa ist toll. Doch es ist nicht mehr gut, hier in Spanien zu sein."

Autor: Steffen Leidel

Redaktion: Dеnnis Stutе

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