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Politik & Gesellschaft

Gefahr durch neue synthetische Drogen

Die Rauschmittel werden als "Badesalz" oder "Kräutermischung" verkauft - ganz legal übers Internet. Gerade Jugendliche ahnen oft nicht, dass diese billigen Drogen stark gesundheitsschädigend sein können.

Junger Raucher mit einem aufs Gesicht gemalten Cannabis-Blatt Foto: DW-Archiv

Sie tragen phantasievolle Namen und werden auf zahlreichen Internetseiten als Kräutermischung zum Verräuchern offeriert. Pro forma fügen die Anbieter hinzu: "Diese Mischung ist nur zum Verräuchern bestimmt. Für Missbrauch wird keine Haftung übernommen". Tatsächlich ist sowohl den Verkäufern als auch den Kunden klar, dass solche Kräutermischungen Drogen sind, die man rauchen kann. Das gleiche gilt für vermeintliche Blumendünger oder Badesalze, die auf obskuren Internetseiten erhältlich sind.

Legaler Rausch

"Legal highs" werden diese Stoffe genannt, weil sie zumeist noch nicht durch das Betäubungsmittelgesetz erfasst sind und daher ganz legal via Internet erworben werden können. Was man legal kaufen kann, kann ja so gefährlich nicht sein, ist der Trugschluss, dem viele Käufer unterliegen.

Kaktus Foto: Daniel Fuhr

Manche der neuen Drogen werden als Pflanzendünger angeboten

Was den oft jugendlichen Konsumenten nicht immer bewusst ist: der Rausch wird keinesfalls durch die aufgeführten Kräuter hervorgerufen, sondern durch synthetisch hergestellte Drogen, die der Mischung beigefügt sind. Oft sind es Cannabinoide, also Stoffe, die ähnlich wie Haschisch oder Marihuana wirken.

Andere fallen in den Bereich der sogenannten Chemical-Research-Stoffe, das sind Chemikalien, die früher einmal im Rahmen der pharmazeutischen Forschung synthetisiert, aber vom Markt genommen wurden, weil sich die Nebenwirkungen als zu stark erwiesen oder die erwünschte therapeutische Wirkung nicht erzielt wurde.

Eine dritte Gruppe sind Amphetamine, also Aufputschmittel, wie sie schon bei der Herstellung von Ecstasy, der Party-Droge der 90er Jahre, verwendet wurden.

Gefahr durch Überdosierung

Felix Tretter, Leiter der Suchtabteilung im Isar-Amper-Klinikum München Foto: DW-Archiv

Felix Tretter, Leiter der Suchtabteilung im Isar-Amper-Klinikum München

Die neuen synthetischen Drogen sind aber in der Wirkung oft wesentlich stärker sagt Felix Tretter, Chefarzt der Suchtabteilung im Isar-Amper-Klinikum in München.

"Das Besondere ist, dass hier keine Erfahrungen vorliegen und so gravierende Überdosierungen auftreten und es zu starken, psychotischen Rauschzuständen kommen kann. Ähnliches gilt für die Opiate, deren Risiko darin besteht, dass man einschläft und daran sterben kann, weil die Atemtätigkeit aussetzt. Bei den Amphitaminen besteht die Gefahr von lebensgefährlichen Herz-Kreislauf-Komplikationen."

Intensivstation statt Party

Torsten Wittke, der Leiter des Rauschgiftdezernats des Landeskriminalamtes in Bayern kennt die Gefahren aus seinem Berufsalltag: "Wir machen auch die Erfahrung, dass es Woche für Woche eine Vielzahl von Fällen gibt, wo junge Menschen diese Substanzen konsumiert haben und dann der Notarzt kommen muss."

Ein Krankenwagen mit Blaulicht fährt vorbei Foto: Julian Stratenschulte (dpa/lnw)

Für manche endet der Partytrip im Krankenhaus

Ein weiteres Problem ist, dass viele Drogenscreenings in Krankenhäusern oft nur für den Nachweis klassischer Rauschmittel ausgelegt sind. Die neuen synthetischen Drogen gibt es aber in großer Bandbreite und ständig neuen Zusammensetzungen. So hinken die behandelnden Mediziner, die Polizei und der Gesetzgeber den Entwicklungen auf dem Drogenmarkt ständig hinterher.

Denn um eine Substanz zu verbieten, ist ein langwieriger, gesetzgeberischer Prozess nötig: Wenn der Stoff dann am Ende verboten ist, ist die nächste Variante längst auf dem Markt.

Verbote reichen nicht

Felix Tretter vom Isar-Amper-Klinikum in München hält die Konzentration auf gesetzgeberische und polizeiliche Maßnahmen ohnehin für unzureichend. Immer neue Verbote alleine würden nicht genügen. Stattdessen seien Präventionsmaßnahmen nötig mit denen man die gefährdeten Jugendlichen auch erreichen kann.

Die Bayerische Akademie für Sucht- und Gesundheitsfragen, in deren Vorstand Felix Tretter ist, versucht deshalb eine Brücke zu schlagen zwischen Wissenschaftlern, Kriminologen und Mitarbeitern von Drogenberatungsstellen. Die Zusammenarbeit müsse dabei eine internationale sein, glaubt Tretter, denn auch die Herstellung, der Vertrieb und die Konsumenten seien global aufgestellt. "Heute läuft das über Internet und über Facebook," sagt der Münchener Experte.

Drogencheck vor Ort

Laser-Licht in der Disco Foto: DW-Archiv

Gerade in der Techno-Szene werden oftmals aufputschende Drogen konsumiert

Auf Beratung drogengefährdeter Jugendlicher an ungewöhnlichen Orten setzt der Toxikologe Rainer Schmid von der Medizinischen Universität Wien. Er ist wissenschaftlicher Leiter des Präventionsprojekts ChEck iT! Schmidt und sein Team gehen genau dort hin, wo die neuen synthetischen Drogen konsumiert werden, also beispielsweise bei Musikevents.

Die Besucher können dann freiwillig ihre Substanzen testen lassen. Eine genaue Analyse sei sehr schnell möglich sagt Schmidt. "Und wir versuchen ihnen dann sehr rasch zu erklären, was das Ergebnis bedeutet."

Mit im Team von ChEck iT! sind deshalb Chemiker, Toxikologen, aber auch Sozialarbeiter und ausgebildete Drogenberater. Durch eine inzwischen 15-jährige Erfahrung haben die Mitarbeiter von ChEck iT! Vertrauen aufbauen können in der Konsumentenszene.

"Wir haben die Erfahrung gemacht, dass dann die Betroffenen kommen und sagen, ja behaltet das, wir wollen das nicht mehr haben. Sie glauben uns und das ist der springende Punkt."

Differenzierung statt Diffamierung

Wichtig sei auch, die Substanzen nicht generell zu verdammen, sondern zu differenzieren, meint Rainer Schmid: Zwar gebe es sehr gefährliche Stoffe, aber die Mehrzahl sei nicht hochtoxisch: "Gott sei Dank haben sich nur bei sehr wenigen Substanzen Nebenwirkungen gezeigt, bei denen wir sehr beunruhigt sein sollten."

Zudem gäbe es durchaus gewisse Selbstregulierungsmechanismen in der Szene: In entsprechenden Blogs und Foren würden Jugendliche und junge Erwachsene ihre Erfahrungen mit den eingenommenen Drogen austauschen. Wenn dann mehrere Konsumenten von schweren Nebenwirkungen berichten, wäre das Produkt bald wieder vom Markt.

Zwei Männer stoßen mit Weizenbiergläsern im sogenannten Bermuda-Dreieck in Freiburg an. Foto: Patrick Seeger (dpa)

Legale Droge Alkohol

"Nicht jede Substanz findet ihre Abnehmer," sagt der Wiener Toxikologe. "Die Akzeptanz ist insgesamt nicht sehr groß und es ist nur eine Handvoll Stoffe, die ein großes Interesse über längere Zeit wecken." Wenngleich der Konsum von psychoaktiven Stoffen immer problematisch sei, habe die Fixierung der Gesellschaft auf jugendliche Drogenkonsumenten auch etwas von einer Sündenbockstrategie, meint Rainer Schmid.

Erwachsene könnten auf diese Weise bequem ablenken von ihrem eigenen Umgang mit statistisch gesehen wesentlich gefährlicheren, legalen Drogen wie Tabak oder Alkohol.

Autorin: Rachel Gessat
Redaktion: Arnd Riekmann

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