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Politik

Gefahr droht an anderer Stelle

Schaden entsteht dort, wo Amerikas Ohnmacht gegenüber Wikileaks in Wut umschlägt. Wo in dieser Wut Werte aufs Spiel gesetzt werden, die Amerika, die den Westen ausmachen.

Matthias von Hein (Foto: DW)

Natürlich ist es für eine Großmacht schmerzhaft, ohnmächtig zusehen zu müssen, wenn ihre Geheimnisse aller Welt zugänglich gemacht werden. Und natürlich ist es lästig, wenn das diplomatische Personal der USA wochenlang vor allem mit Schadensbegrenzung und Entschuldigungen beschäftigt ist – aber wirklicher, bleibender Schaden?

Der Schaden entsteht an anderer Stelle: Dort, wo Amerikas Ohnmacht gegenüber Wikileaks in Wut umschlägt, wo in dieser Wut Werte aufs Spiel gesetzt werden, die Amerika, die den Westen ausmachen. Immerhin wird die Meinungsfreiheit im ersten Zusatz der amerikanischen Verfassung geschützt – und sehr viel weiter ausgelegt, als das etwa in Deutschland der Fall ist. Aber schon jetzt wird in chinesischen Internetforen die Frage gestellt, wie weit es denn angesichts des Vorgehens gegen Wikileaks mit der Meinungsfreiheit in den USA wirklich her ist.

Gefahr ist im Verzug, wenn Wirtschaftsunternehmen politischen Weisungen folgen. Schaden entsteht, wenn das Online-Bezahlsystem Paypal Wikileaks die Konten sperrt, wenn Mastercard Zahlungen an den Enthüllungsdienst nicht mehr weiterleitet. Oder wenn der Internethändler Amazon Wikileaks von seinen Servern wirft.

Man muss sehr genau unterscheiden: Zwischen jemandem, der in einem Ministerium oder einem Unternehmen Daten stiehlt - und demjenigen, der dieses Material zugänglich macht. Die schiere Menge des Materials sorgt sicher für eine neue Qualität bei der Veröffentlichung von Geheimdokumenten. Sie ist eine logische Folge der technologischen Entwicklung. Und wenn tatsächlich Hunderttausende auf die geheimen Daten des amerikanischen Regierungsnetzes Zugang haben, aus dem die Wikileaks-Veröffentlichungen stammen, dann darf das Auftauchen von Geheimdokumenten niemanden wundern. Im antiken Griechenland hat man die Überbringer unangenehmer Botschaften hingerichtet. Im 21. Jahrhundert sollte die Welt weiter sein. Und die Weltmacht USA sollte Größe zeigen – mit ihrem Kreuzzug gegen Julian Assange tut sie das nicht.

Autor: Matthias von Hein
Redaktion: Michael Borgers