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Stadtbilder

Gefühl und Verstand

Ist man nicht in Heidelberg geboren, gibt es dennoch viele Gründe hierherzukommen. Forscher finden an den Instituten der Universität hervorragende Bedingungen, und Künstler inspiriert die romantische Umgebung.

Gunther von Hagens

Gunther von Hagens Körperwelten


Friedrich Ebert (1871 – 1925)

circa 1919: Friedrich Ebert (1871 - 1925) first President of the German Republic. A Social Democrat, he was elected in 1919. (Photo by Hulton Archive/Getty Images)

Porträt - Friedrich Ebert

Der in Heidelberg geborene sozialdemokratische Politiker Friedrich Ebert war von 1919 bis zu seinem Tod im Jahr 1925 der erste Präsident der Weimarer Republik. Aufgewachsen ist er in einer kleinen Dreizimmerwohnung in der Heidelberger Altstadt, in der er mit seinen Eltern und fünf Geschwistern lebte. Heute befindet sich dort die Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte.

Der Sohn eines Schneiders entschied sich nach der Volksschule zunächst für eine handwerkliche Ausbildung und wurde Sattler. Nach seiner Lehre ging Ebert, entsprechend der Handwerkstradition, auf Wanderschaft. Zu dieser Zeit begann auch sein politisches Engagement für die Arbeiterklasse. Er wurde Mitglied der SPD und hielt leidenschaftliche Reden, in denen er sich für den Aufbau gewerkschaftlicher Organisationen starkmachte. 1891 endete seine Reise in Bremen, wo er 14 Jahre blieb und u. a. als Redakteur und als Gastwirt tätig war.

In Bremen begann auch seine politische Karriere – erst als Partei- und später auch als Fraktionsvorsitzender der Bremer SPD. Bald stieg er in der Parteihierarchie weiter auf. 1912 wurde er in den Berliner Reichstag gewählt und 1913 Nachfolger von August Bebel als SPD-Parteivorsitzender. Nach dem Ende des ersten Weltkriegs 1918 wurde Ebert in Folge der Novemberrevolution, die er im Grunde ablehnte, zum Reichskanzler ernannt. 1919 wählte ihn die Nationalversammlung zum Reichspräsidenten und damit zum mächtigsten Mann der Republik.

Friedrich Eberts Denken und Handeln waren eher pragmatisch als ideologisch geprägt; Veränderungen im Sinne der Arbeiterklasse sollten für ihn stets im bestehenden parlamentarisch-demokratischen Rahmen geschehen. So unterstützte er 1919 das gewaltsame Vorgehen gegen die Aufstände der Linken, die sich gegen die Republik richteten. Für diese wie für andere politische Entscheidungen wurde Friedrich Ebert scharf kritisiert – mal vom extremen rechten, mal vom linken Lager, aber auch von seiner eigenen Partei.

1925 starb er im Alter von 54 Jahren in Berlin an den Folgen einer Blinddarmentzündung. Mit seinem Tod verlor die Weimarer Republik eine ihrer wichtigsten Stützen. Eberts Grab kann man auf dem Heidelberger Bergfriedhof besuchen.


Carl Bosch (1874 – 1940)

Beschreibung Carl Bosch Datum 1931 Quelle http://nobelprize.org/nobel_prizes/chemistry/laureates/1931/bosch-bio.html Urheber Nobel Foundation

Porträt - Carl Bosch

Carl Bosch war ein erfolgreicher Heidelberger Wissenschaftler und Industrieller. Er leitete die Industriekonzerne BASF und I.G. Farben und erhielt 1931 den Chemie-Nobelpreis. Aufgrund seines Engagements für Wissenschaft und Forschung wurde er 1937 Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, der heutigen Max-Planck-Gesellschaft.

Bosch studierte Maschinenbau und Chemie und kam 1899 zu den BASF-Werken im 25 km von Heidelberg entfernten Ludwigshafen. Hier entwickelte er, zusammen mit Fritz Haber, ein Verfahren zur Herstellung des Stoffes Ammoniak, den Deutschland für die Produktion von Dünger und Sprengstoffen benötigte. Haber erhielt 1918 den Chemie-Nobelpreis für das Verfahren im Labor, und 13 Jahre später erhielt Bosch den Nobelpreis für die Umsetzung dieses Verfahrens in großen Industrieanlagen.

1925 wurde Carl Bosch Vorstandsvorsitzender des neu gegründeten Chemiekonzerns I.G. Farben, der den Nationalsozialisten in den kommenden Jahren unter anderem Chemikalien für die Waffenproduktion lieferte. Geschäftlich profitierte Bosch also von den Nationalsozialisten. Auf der anderen Seite warnte er vor einer wirtschaftlichen und politischen Isolation Deutschlands und lehnte den Antisemitismus der Nazis strikt ab. So setzte er sich bei Adolf Hitler für den Verbleib jüdischer Wissenschaftler in Deutschland ein – allerdings ohne Erfolg. Auch sein jüdischer Kollege und Freund Fritz Haber konnte nicht mehr nach Deutschland zurückkehren und starb 1934 im Exil.

Carl Bosch zog im Jahr 1923 in eine Villa in Heidelberg, die die BASF dort für ihn erbaut hatte. Die Villa Bosch steht heute unter Denkmalschutz, und nur wenige hundert Meter entfernt informiert das Carl-Bosch-Museum über Leben und Schaffen des Chemikers. In seiner Freizeit widmete sich Bosch der Naturbeobachtung. Er sammelte nicht nur Insekten und Pflanzen, sondern war auch Mitbegründer und Förderer des Heidelberger Zoos.


Hilde Domin (1909 – 2006)

ARCHIV - Die Lyrikerin Hilde Domin sitzt mit einem ihrer Hauptwerke, Nur eine Rose als Stütze in der Hand, vor einem Bücherregal in ihrer Wohnung in Heidelberg (Archivfoto vom 19.07.2004). Voller Tatendrang arbeitete die vielfache Literaturpreisträgerin noch mit 95 Jahren an Erinnerungen ihrer frühen Kindheit und hielt bis zum Schluss bundesweit Lesungen. Zu ihrem 100. Geburtstag an diesem Montag (27. Juli) ermöglicht ihr Nachlass emotionale Einblicke in das Leben der Wahl-Heidelbergerin, deren mädchenhaft Jugendlichkeit und Lebenslust noch heute auf Fotos besticht. Foto: Ronald Wittek dpa/lsw (Wiederholung vom 19.07.) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Porträt - Hilde Domin

Sie war schon über 40, als sie ihr erstes Gedicht schrieb – und sie wurde eine der bekanntesten und beliebtesten deutschen Lyrikerinnen. Hilde Domin, die eigentlich Löwenstein und nach ihrer Heirat Palm hieß, wählte das Pseudonym „Domin“ als Dank an ihr langjähriges Exil Santo Domingo in der Dominikanischen Republik.

Im Alter von 20 Jahren kam die gebürtige Kölnerin das erste Mal nach Heidelberg, um dort an der Universität Jura zu studieren. In der Mensa im Heidelberger Marstallhof – die es auch heute noch gibt – lernte sie den jüdischen Studenten Erwin Walter Palm kennen und verliebte sich in ihn. 1932 gingen beide für ein Auslandsstudium nach Rom – und blieben sieben Jahre dort, weil in Deutschland 1933 die Nationalsozialisten an die Macht gekommen waren. Später flohen sie weiter nach England und gingen von dort aus in die Dominikanische Republik.

Über zwei Jahrzehnte lang verbrachten sie im Exil, während dieser Zeit stand Hilde Palm im Schatten ihres Mannes. Sie arbeitete als seine Übersetzerin und Sekretärin und verdiente zusätzlich Geld als Deutschlehrerin. Vielleicht waren es ihre Ehekrise, die Einsamkeit und schließlich die Depressionen, die die Ehefrau Hilde Palm zur Schriftstellerin Hilde Domin machten. Erst 1951, nach dem Tod ihrer Mutter, fing sie an, ihre Gefühle in Lyrik auszudrücken. Und so schrieb sie ihr erstes Gedicht „Inselkäfigexistenz“.

1954 kehrte das Ehepaar Palm nach Deutschland zurück, und innerhalb weniger Jahre wurde Hilde Domin zu einer der bedeutendsten deutschen Schriftstellerinnen, die mit zahlreichen Preisen geehrt wurde. Sie veröffentlichte autobiografische Texte, einen Roman und wissenschaftliche Essays. Am berühmtesten aber waren ihre Gedichte, die in über 20 Sprachen übersetzt wurden. Das Thema ihres Werks war das Exil, und doch ging es um viel mehr. Hilde Domin schrieb in klarer Sprache über Protest, sie dichtete über das Lieben und Geliebtwerden und wendete sich gegen Hartherzigkeit und Opportunismus.

1961 zog sie mit ihrem Mann nach Heidelberg, wo sie als freie Schriftstellerin lebte und 2004 – im Alter von 95 Jahren – zur Ehrenbürgerin der Stadt ernannt wurde.


Gunther von Hagens (1945 – )

402745 06: Professor Gunther Von Hagens poses with a flayed and bisected human specimen at the Body Worlds exhibition March 22, 2002 at the Truman Brewery gallery in London. The exhibition uses human corpses preserved by a unique process called Plastination developed by exhibtion curator Professor Gunther Von Hagens. The exhibition, originating in Germany and touring Europe has caused controversy with calls for a ban. However the bodies were not UK citizens and so did not fall under UK medical anatomy law. (Photo by Sion Touhig/Getty Images)

Porträt - Gunther Von Hagens

Die öffentlichen Diskussionen um Gunther von Hagens Ausstellung „Körperwelten“ waren sehr emotional. Ein rennender Basketballspieler, ein Paar, das sich umarmt, eine schwangere Frau mit ihrem achtmonatigen Fötus, der durch den geöffneten Bauch zu sehen ist – diese Menschen haben einmal gelebt und sind nun Teil der Ausstellung. Während seiner fast 20-jährigen Zeit an der Universität Heidelberg hat der Mediziner Gunther von Hagens das Verfahren erfunden, mit dem dies möglich ist: die Plastination. Hierbei wird die Verwesung nach dem Tod eines Menschen gestoppt, so dass der Körper erhalten bleibt. Von Hagens‘ Verfahren wird heute weltweit für medizinisch-didaktische Zwecke verwendet.

Seit 1995 zeigt die Körperwelten-Ausstellung Menschen, die zugestimmt hatten, sich nach ihrem Tod plastinieren zu lassen. Die Arbeiten des Anatoms sorgten gleichermaßen für Empörung und Faszination. Darstellungen wie zum Beispiel die eines Paares beim Sexualakt wurden als unethisch kritisiert. Trotzdem ist die Wanderausstellung mit über 34 Millionen Besuchern eine der erfolgreichsten weltweit.

Das Leben des exzentrischen Mediziners war sehr bewegt: Als Kind verbrachte er wegen einer Blutkrankheit viele Monate im Krankenhaus; während seines Studiums in der DDR galt er als kreativer Sonderling. Im Alter von 23 Jahren kam er für seinen Versuch, aus Ostdeutschland zu flüchten, für zwei Jahre ins Gefängnis. Auch sein beruflicher Erfolg war – neben der heftigen Kritik an seinem Werk – von einigen Skandalen begleitet. So wurde ihm 2004 vorgeworfen, dass er chinesische Hinrichtungsopfer für seine Plastinationen verwendete – was jedoch nie bewiesen wurde.

Seit 2010 gibt es neben der menschlichen Körperweltenausstellung auch eine Ausstellung mit Tieren, bei der sogar ein Elefant zu sehen ist. Und auch im Film hat sich der Heidelberger Anatom verewigt: Im James-Bond-Film „Casino Royale“ sieht man Gunther von Hagens als Gastdarsteller in seiner Körperwelten-Ausstellung.


Glossar

sozialdemokratisch
– hier: zur Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) gehörend

Weimarer Republik, die – die erste deutsche Republik (1919–1933), deren Verfassung in der Stadt Weimar beschlossen wurde

Gedenkstätte, die – ein Gebäude oder ein Ort, das an ein historisches Ereignis oder eine Person erinnert

Volksschule, die – alte Schulform zum Erwerb einfacher, elementarer Kenntnisse (heute Grund- und Hauptschule)

Sattler/in, der/die – jemand, der Gegenstände aus Leder (z. B. zum Reiten oder für das Auto) herstellt

Arbeiterklasse, die – die soziale Schicht der Arbeiter/innen; das Proletariat

sich für etwas starkmachen – sich für etwas einsetzen; für etwas kämpfen

Redakteur/in, der/die – der/die Mitarbeiter/in einer Zeitung oder eines Fernsehsenders, der Beiträge schreibt oder korrigiert

Fraktion, die – alle Abgeordneten einer Partei in einem Parlament

Vorsitzende, der/die – hier: die Person, die eine Organisation oder eine Gruppe leitet

Hierarchie, die– die Rangordnung, die festlegt, wer wie viel Macht hat

Reichstag, der – hier: das Parlament zur Zeit der →Weimarer Republik

Novemberrevolution, die – eine Revolution in Deutschland 1918/19, die das Kaiserreich beendete und zur Gründung der Weimarer Republik führte

pragmatisch – auf die jeweilige Sache bezogen; praktisch

ideologisch – von einer politischen Theorie bestimmt

Blinddarmentzündung, die – eine Erkrankung im Bauch

***

Nobelpreis, der – ein internationaler Preis für Menschen, die etwas Wichtiges geleistet haben

Dünger, der – ein Stoff, der Pflanzen schneller und besser wachsen lässt

Sprengstoff, der – ein Stoff, mit dem man eine Explosion auslösen kann

Labor, das – ein Raum für naturwissenschaftliche Untersuchungen und Experimente

Umsetzung, die – hier: die Anwendung in der Praxis

Vorstandsvorsitzende, der/die – die Person, die in einer Aktiengesellschaft den wichtigsten Posten einnimmt und viel bestimmen kann

Isolation, die – hier: der fehlende Kontakt zu anderen; der fehlende Austausch

Antisemitismus, der – das feindliche Denken und Handeln gegenüber Juden

etwas steht unter Denkmalschutz – etwas (z. B. ein Bauwerk) wird vom Staat besonders vor Zerstörung geschützt

sich jemandem/etwas widmen – sich sehr genau mit etwas beschäftigen

***

Lyriker/in, der/die – der/die Dichter/in

Pseudonym, das – der Künstlername; der falsche Name

Exil, das – das Land, in dem man lebt, weil man seine Heimat aus politischen Gründen verlassen musste

Jura (ohne Artikel) – die Wissenschaft, die sich mit Recht und Gesetzen beschäftigt

Mensa, die – eine Einrichtung, in der Studenten günstig essen können

sich (an der Universität) einschreiben – sich (bei der Universität) für ein Studium anmelden

Nationalsozialist/in, der/die – das Mitglied der nationalsozialistischen Partei während der Diktatur Hitlers in Deutschland von 1933 bis 1945

in jemandes Schatten stehen – wegen einer anderen Person weniger bekannt sein

Depression, die (meist im Plural) – eine Krankheit, bei der man sehr traurig ist

autobiografisch – so, dass man über sein eigenes Leben schreibt

Essay, das/der(aus Französischen) – ein kurzer, nicht streng wissenschaftlich geschriebener Text, der wissenschaftliche oder gesellschaftliche Themen behandelt

etwas inspiriert jemanden – etwas bringt jemanden auf neue Ideen

Hartherzigkeit – die Rücksichtslosigkeit; das fehlende Mitleid

Opportunismus, der – eine Verhaltensweise, bei der man immer den Weg wählt, der für einen selbst der beste oder einfachste ist

***

emotional – so, dass Gefühle eine große Rolle spielen

Fötus, der – ein Lebewesen im Bauch seiner Mutter, das schon weit entwickelt ist

Verwesung, die – der Prozess, der nach dem Tod eines Körpers beginnt; der Zerfall

didaktisch – das Lehren und Lernen betreffend

Anatom, der – der Mediziner, der sich mit dem Körperbau beschäftigt

unethisch – so, dass etwas nicht moralisch/nicht gut ist

Wanderausstellung, die – eine Sammlung von Gegenständen, die immer für eine gewisse Zeit in einer bestimmten Stadt zu sehen ist

exzentrisch – so, dass sich jemand sehr ungewöhnlich verhält; so, dass jemand ein Verhalten zeigt, das viele für nicht normal halten

Sonderling, der – jemand, der sich merkwürdig verhält

Skandal, de r– ein Ereignis, das viele Menschen empört und Aufsehen erregt

Hinrichtungsopfer, das – jemand, der wegen eines Verbrechens vom Staat getötet wurde

sich verewigen – hier: sich in einem Kunstwerk oder Film abbilden lassen und dadurch „unsterblich“ machen


Autorin: Anne Gassen
Redaktion: Ingo Pickel

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