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Deutschland

Gefängnis statt Rolling Stones

Zwei Jahre Gefängnis, weil man sich ein Konzert der Rolling Stones anhören möchte? Heutzutage in Deutschland unvorstellbar, in der DDR Alltag. Zeitzeugen erinnern sich jetzt an einen schrecklichen Tag vor 45 Jahren.

Es ist der 7. Oktober 1969, der 20. Geburtstag der DDR. An der Karl-Marx-Straße in Ost-Berlin werden die Feierlichkeiten vorbereitet, es soll ein freudiger Tag für die Deutsche Demokratische Republik werden. Doch nicht weit entfernt, an der Leipziger Straße, versammeln sich Jugendliche aus einem ganz anderen Grund: Es macht das Gerücht die Runde, die Rolling Stones würden auf dem Dach des

Axel-Springer-Hauses ein Konzert

geben. Das steht zwar in West-Berlin, allerdings direkt an der Mauer. Die Musik wäre also auch im Osten zu hören.

Die Rolling Stones stehen für Revolution. Ihr Aussehen, ihr Auftreten, ihre Musik faszinieren weltweit Millionen von Jugendlichen, sie werden zum Vorbild.

Auch in der DDR lassen sich viele junge Männer lange Haare wachsen

, nähen sich Abzeichen auf die Kleidung, Schlaghosen werden modern. Im Mai 1966 gibt Stasi-Chef Erich Mielke den Befehl zu Bekämpfung der "politisch-ideologischen Diversion". Jugendliche, die sich dem "Einfluss der sozialistischen Erziehung" entziehen wollen, werden vom Staatssicherheitsdienst beobachtet.

Kein Konzert, aber Verhaftungen

Trotzdem kommen am 7. Oktober 1969 Tausende Jugendliche nach Ostberlin - sie hoffen, die Musik der Rolling Stones live zu hören. Doch das Konzert findet nie statt. Das Einzige, was an diesem Tag geschieht, sind hunderte Verhaftungen.

Der Gang eines DDR-Gefängnisses (Foto: NovoPicsDE - Fotolia.com)

Gefängnisstrafen für Rockmusik-Fans

Mehr als vierzig Jahre später hat der "Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR" Roland Jahn zu einem Gespräch eingeladen. Ort der Veranstaltung: die 19. Etage des Axel-Springer-Hauses. Dort berichten Zeitzeugen, wie sie den 7. Oktober 1969 erlebt haben.

Zwei Jahre Haft und die anschließende Ausweisung nach Westdeutschland - das waren die Folgen des Konzertbesuchs, der keiner war, für Eckart Mann. Er ist 16, als er am Spittelmarkt, nur 800 Meter entfernt vom Axel-Springer-Haus, wegen "Rowdytums" verhaftet wird. Der Staatsanwalt wirft ihm später vor, an Sprechchören beteiligt gewesen zu sein. "Du warst 16 und wusstest, du kommst nicht [aus der DDR] raus. Du wolltest daran glauben", erzählt er auf die Frage, warum so viele Jugendliche zu einem vermeintlichen Konzert nach Berlin pilgerten. Heute sei er stolz darauf, sagt Eckart Mann, dass er sich auch im Gefängnis nie untergeordnet habe. Nach zwei Jahren Haft wird er in die Bundesrepublik Deutschland ausgewiesen. Er kommt nach West-Berlin, wo er heute noch wohnt. Einer seiner ersten Jobs dort: Platten auflegen.

Zeitzeuge Günter Kalies (Foto: DW)

Vier Wochen in Haft: Günter Kalies

"Wir wollten nur Musik hören"

Günter Kalies wird heute noch emotional, wenn er über die Ereignisse von damals spricht. Auch er ist auf dem Weg zum Konzert, als er angehalten, geschlagen und verhaftet wird. In einem Keller werden ihm gewaltsam die Haare abgeschnitten, vier Wochen lang wird er festgehalten. Um aus dem Gefängnis freigelassen zu werden, muss er unterschreiben, dass er gut behandelt worden sei. "Dass wir einfach nur Musik hören wollten, konnten die damals nicht verstehen." Er blieb in der DDR, denn das war seine Heimat.

An diesem Dienstag (10.06.2014) spielen die Rolling Stones in der Berliner Waldbühne. Eckart Mann, Günter Kalies und einige andere Zeitzeugen werden dabei sein. Der Axel-Springer-Verlag hat ihnen im Gedenken an die Ereignisse von 1969 Konzertkarten geschenkt.

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