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Europa

Gefährliches Erbe: Flandern birgt noch immer Senfgas aus dem Ersten Weltkrieg

Vor genau 100 Jahren setzten die deutschen Angreifer erstmals Gas als Waffe ein. Die Folgen spürt man noch heute. Ein belgischer Hobby-Forscher hat es erlebt. Bernd Riegert sprach mit ihm.

Patrick van Wanzeele kann ungefähr erahnen, wie es vor 100 Jahren Soldaten in den Schützengräben ergangen sein könnte. "Es hat gebrannt und ich bekam 41 Grad Fieber. Da habe ich gefühlt, dass es mir nicht gut geht." Der Hobby-Archäologe hatte auf einem ehemaligen Schlachtfeld eine Gasgranate ausgegraben und geringe Mengen Senfgas eingeatmet. "Ich habe das Geschoss gegen einen Baum gelehnt und vielleicht drei Minuten festgehalten. Da wurde meine Hand ganz rot. Ich musste ins Krankenhaus. Ich war verbrannt durch das Gas", schildert Patrick van Wanzeele den Unfall, der einige Jahre zurückliegt. Im Sonnlicht war die Granate damals ganz schnell undicht geworden. "Zwei Jahre lang hatte ich noch Beschwerden, aber ich habe zum Glück überlebt."

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Deutsche Soldaten beim Gasangriff im Jahr 1917 (nachkoloriertes Foto)

"Es war viel härter"

Mit einer Gruppe von zehn "Ausgräbern", so nannte sich sein Team, buddelte sich Patrick van Wanzeele viele Jahre durch ehemalige Schützengräben und Stellungen, die überall im Nordwesten Flanderns rund um die Stadt Ypern zu finden waren. Van Wanzeele hat seit 1980 hunderte von Geschossen, Waffen, ein komplettes Schützengrabensystem und auch Leichen gefunden. Die Munition und die sterblichen Überreste der Gefallenen hat er jedes Mal der belgischen Polizei übergeben. Von einigen Staaten, deren gefallene Soldaten er gefunden hat, hat seine "Ausgräber"-Gruppe Orden bekommen. Das Graben auf eigene Faust ist aber in Flandern wegen der möglichen Gefahren durch verrottende Munition mittlerweile verboten.

Durch seine Arbeit auf den flandrischen Feldern hat Patrick van Wanzeele eine Vorstellung davon, wie es vor 100 Jahren, im Ersten Weltkrieg, in den Stellungen der Alliierten und der deutschen Angreifer ausgesehen haben könnte. "Es war sicher nicht so, wie man das aus Filmen kennt, sondern viel härter. 1915 war der Schlamm in den Schützengräben so tief, etwa 90 Zentimeter", zeigt van Wanzeele mit der Hand hüfthoch über dem Boden. "Die Soldaten mussten manchmal drei Tage und drei Nächte im Matsch sitzen, weil sie unter Beschuss lagen. Das war schrecklich. Wir haben deutsche und englische Gefallene gefunden, die ganz tief unter dem Matsch begraben waren." Heute findet man in jedem kleinen Dorf in Flandern einen Soldatenfriedhof. Zum 100. Jahrestag des Kriegsbeginns wurden sogar noch neue Friedhöfe angelegt und Mahnmale errichtet. An die Opfer des ersten deutschen Gasangriffs am 22. April 1915 erinnert in der Nähe des Dorfes Langemark eine überlebensgroße Soldatenbüste auf einer sechs Meter hohen Marmorsteele.

"Überall Tote"

Das Schicksal der Soldaten im Ersten Weltkrieg interessierte Patrick van Wanzeele sehr, weil sein Großvater 1914 in den Schützengräben gekämpft hat. "Als er zurückkam aus dem Krieg, hat er nie über seine Erlebnisse gesprochen. Er hat nie geredet, lieber getrunken." Das Leiden der Soldaten hat Patrick van Wanzeele anhand seiner Funde rekonstruiert. "Tote, Tote, überall Tote. So hat das 1917 hier ausgesehen. Wir fanden Beine, Arme, Füße, Rippen. Tausende von Knochen. Das war schrecklich." Sein Haus hat Patrick van Wanzeele in ein kleines Museum verwandelt. Im Wohnzimmer stehen leere Geschosshülsen. In den Regalen stapeln sich Fotoalben und Dokumente seiner Ausgrabungen. Die besten Fundstücke hat er an das Museum "In Flanders Fields" in Ypern abgegeben. Dort sind sie in der neuen Dauerausstellung zum Ersten Weltkrieg zu sehen.

Belgien, Gasmaske im Flanders Fields Museum, Tuchhalle, Ypern, Belgien

Museum "In Flanders fields": Schutz gegen Chlorgas durch feuchte Tücher

Schutzlos ausgeliefert

Im Museum in der wieder aufgebauten Tuchhalle am Marktplatz in Ypern arbeitet der Historiker Pieter Trogh. Vor einer Vitrine mit den ersten Gaskanistern, die die Deutschen im April 1915 benutzen, um Chlorgas abzulassen, erklärt Pieter Trogh den ersten Angriff: "Da lagen zwei französische Divisionen. Die wussten nicht, was auf sie zukam. Sie hatten keinerlei Schutz vor der Gaswolke. Eine Reihe von ihnen erstickten sofort. Andere konnten wegrennen und starben erst später an der Vergiftung. Soweit wir das feststellen konnten, starben ungefähr 1150 französischen Soldaten am ersten Tag." Die Gaswaffe konnte anfangs nur bei günstigem Wind eingesetzt werden, weil sich die deutschen Angreifer selbst vergiftet hätten. Die von den Deutschen benötigte Richtung schlägt der Wind in Flandern aber nur für einige Tage im Monat ein. Am eigentlichen Kriegsverlauf änderte die neue Waffe wenig. Die deutschen Truppen konnten keine großen Geländegewinne machen. "Der Sinn der Waffe war eigentlich, einen Durchbruch zu erreichen. Aber am Ende der erbitterten zweiten Schlacht um Ypern hatte sich nichts verändert. Die Gas-Waffe war also kein Erfolg."

Psychologische Kriegsführung

Belgien, Pieter Trogh

Pieter Trogh: Grausame Gaswaffe

Die Alliierten entwickelten ihrerseits Kampfgase, die später auch mit Granaten verschossen wurden. Am 25. September 1915 setzten britische Truppen an der französischen Front zum ersten Mal das Kampfgas Phosgen ein. "Von da an wurde das Gas wie jede andere normale Waffe eingesetzt. Sie brachte zwar nicht die große Wende, aber lokal begrenzt wurde der Feind damit geschwächt. Gas wurde eine wichtige psychologische Waffe, um den Gegner zu zermürben", erläutert Historiker Pieter Trogh. Die Armeen entwickelten Gasmasken, die zunächst aus Stoff, später aus Leder oder Gummi bestanden, aber oft waren die Soldaten und vor allem die zivile Bevölkerung dem Gas hilflos ausgeliefert. Soldaten, die vor dem Gas aus den Schützengräben flohen, wurden als Deserteure bestraft, erklärt Pieter Trogh. "Einige Soldaten, die vor dem Gas davongelaufen waren, wurden anschließend vors Kriegsgericht gestellt und standrechtlich erschossen. Das sollte die Truppe zwingen, in den Stellungen zu bleiben, auch wenn es keinerlei Schutz vor dem Gas gab." In den freigelegten Schützengräben hat Patrick van Wanzeele viele Rum-Flaschen gefunden. "Sie tranken sich Mut an, wenn sie sonst schon nichts machen konnten."

International geächtet, aber trotzdem nicht verschwunden

Syrien Giftgasangriff Videostill September 2013

Übung in Aleppo, Syrien, im September 2013: Verhalten bei einem Gasangriff

Bereits 1899 war Gas als Waffe in der Haager Landkriegsordnung verboten worden. Doch das hinderte weder Deutsche noch Franzosen oder Briten daran, zunächst heimlich die Gaswaffen zu entwickeln. Auf deutscher Seite trieb Fritz Haber die Entwicklung voran. Der Chemie-Professor und Hauptmann wurde zum "Vater des Gaskrieges" und 1918 mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet, allerdings für seine Forschungen zur Entwicklung von Kunstdünger. 1925 wurde der Ersteinsatz von Chemiewaffen durch internationale Verträge verboten. Im Zweiten Weltkrieg hatten alle Seiten große Bestände von Kampfstoffen, die aber nicht zum Einsatz kamen. Erst 1997 wurden chemische Kampfstoffe international umfassend geächtet. Im größeren Umfang setzte der irakische Diktator Saddam Hussein Giftgas ab 1980 im Ersten Golfkrieg gegen iranische Soldaten ein. 1988 ließ Saddam Hussein kurdische Zivilisten durch Gasangriffe töten. 2013 wurden im syrischen Bürgerkrieg Chemiewaffen verwendet. Das bestätigten die Vereinten Nationen. Welche Kriegspartei verantwortlich ist, ist umstritten. Der Westen sieht den syrischen Machthaber Bashar al-Assad als Schuldigen.

Auch 100 Jahre nach dem ersten Einsatz als Kriegswaffe in Flandern ist Gas nicht vollständig von den Kriegsschauplätzen der Welt verschwunden. In Belgien schlägt man sich 100 Jahre danach immer noch mit den Überresten herum, so Historiker Pieter Trogh aus Ypern: "Es ist immer noch da. Wenn es Ausschachtungen auf Baustellen gibt, werden immer wieder Gasgranaten gefunden. Dann muss eine spezielle Einheit der belgischen Armee anrücken, um diese Munition unschädlich zu machen."

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