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Asien

Gefährlicher Arbeitsplatz Textilindustrie

Wieder kamen bei einem Brand in einer Textilfabrik in Bangladesch viele Menschen ums Leben. Doch weder internationale Konzerne, noch die Regierung, noch Fabrikbesitzer übernehmen genug Verantwortung, sagen Kritiker.

Großbrand in einer Textilfabrik in Bangladesch (Foto:Polash Khan/AP/dapd)

Großbrand in Bangladesch

"Es waren Mütter, die nach dem Brand nicht nach Hause kamen. Ihre Kinder haben vergeblich auf sie gewartet." Die Verzweiflung und die Wut stehen der Frau ins Gesicht geschrieben. Die Textilarbeiterin ist eine von 15.000 Menschen, die am Montag (26.11.2012) nach dem verheerenden Brand in der Textilfabrik "Tazreen Fashion" bei der Hauptstadt Dhaka zu Protestmärschen auf die Straße gingen, um ihrem Ärger Luft zu machen. Sie forderten mehr Gerechtigkeit und bessere Sicherheitsmaßnahmen in den rund 4.700 Textilfabriken ihres Landes.

Seit 2006 sind in Bangladesch knapp 200 Menschen bei Bränden in Fabriken ums Leben gekommen, mehr als 3.500 wurden schwer verletzt. Die meisten Opfer sind Frauen. Sie stellen auch die überwiegende Mehrheit - mehr als 80 Prozent - der rund 3,5 Millionen Beschäftigten in Bangladeschs Bekleidungsindustrie.

Keine Sicherheit am Arbeitsplatz

Verzweiflung und Trauer in den Gesichtern von Frauen nach der Brandkatastrophe (Foto: REUTERS)

Frauen trauern um die Opfer der Brandkatastrophe in einer Textilfabrik

Die Gewerkschaften kritisieren seit langem den schlechten Schutz der Textilarbeiter vor Bränden. Es gibt keine regelmäßigen Brandschutzübungen, die Feuerlöscher funktionieren nicht, oder die Menschen wüssten nicht, wie sie zu bedienen sind, sagt Amirul Haque Amin, Präsident des Gewerkschaftsverbands "National Garment Workers Federation". Hinzu komme, dass die Ausgänge der Fabriken während der Arbeitszeit verschlossen werden. "Die Arbeiter sind eingeschlossen und können im Notfall nicht entkommen", so Amirul Haque Amin. Das führte auch bei dem Brand vom Samstag (24.11.2012) dazu, dass mindestens 110 Menschen in den Flammen umkamen.

Ein Überlebender, Mohammad Ripu, berichtete der Nachrichtenagentur AFP: "Wir begriffen schnell, dass es brannte. Als wir zum Notausgang rannten, war er von außen verschlossen, und es war zu spät." Ripu sprang im ersten Stock aus dem Fenster und überlebte leicht verletzt. Eines der Hauptprobleme ist, dass viele Textilfabriken in Gebäuden mit bis zu zehn Stockwerken untergebracht sind. "Diese Art von arbeitskräfteintensiver Industrie in Hochhäuser zu stecken, ist unklug", sagt Amin. "Im Notfall ist es für die Arbeiter in den oberen Etagen sehr schwer zu entkommen."

Verantwortung übernehmen

Protestierende Textilarbeiter treten gegen das Eingangstor der Fabrik TazreenFashion (Foto: REUTERS)

Wütende Proteste: das während der Arbeit verschlossene Tor macht die Fabrik zur Todesfalle

Bangladesch gehört neben China und Indien zu den größten Textilexporteuren der Welt. Viele internationale westliche Marken lassen wegen der niedrigen Löhne in dem südasiatischen Land ihre Kleidung herstellen. "Tazreen Fashion" produziert auch für Unternehmen wie C&A, Ikea und andere europäische und amerikanische Firmen. Deutschland importierte laut offiziellen Angaben im Jahr 2011 Textilien für rund 2,8 Milliarden Euro aus Bangladesch. Amin sieht daher die internationalen Konzerne in der Hauptverantwortung: "In diesem Geschäft machen sie den größten Profit, dann müssen sie auch die größte Verantwortung übernehmen."

Doch Kritiker nehmen auch die Regierung und die Fabrikbesitzer in Haftung. Immerhin ist die Textilindustrie der wichtigste Wirtschaftszweig Bangladeschs. 80 Prozent der Exporterlöse stammen aus diesem Bereich. Sultana Kamal von der Menschenrechtsorganisation "Human Rights Forum" in Dhaka fordert die Einsetzung einer Untersuchungs-Kommission für die "kriminellen Vorgänge" bei dem Brand. "Die Fabrikbesitzer und die Regierung sind verantwortlich und können dies nicht einfach als Unfall abtun. Die Schuldigen müssen bestraft werden", sagte sie der Deutschen Welle.

Gewerkschaften einbinden

Beschäftigte sitzen in langen Reihen vor ihren Nähmaschinen in einer Textilfabrik in Bangladesch ( Foto: AP)

"Wenn die Beschäftigen versuchen, sich gewerkschaftlich zu organisieren, werden sie sofort entlassen"

Anfang dieses Jahres unterzeichneten der amerikanische Konzern PVH (u.a. Tommy Hilfiger und Calvin Klein) und das deutsche Unternehmen Tchibo zusammen mit Arbeitsrechtsorganisationen und Gewerkschaften in Bangladesch ein Brandschutzabkommen. Allerdings kann es erst dann in Kraft treten, wenn ihm mindestens zwei weitere große internationale Unternehmen beitreten. "Doch bisher haben wir trotz wiederholter Anfragen und Aufforderungen keine weiteren Unterzeichner gewinnen können", berichtet Gisela Burkhardt, Bangladesch-Expertin beim Frauennetzwerk FEMNET und Mitglied der internationalen "Kampagne für Saubere Kleidung".

Der fehlende Brandschutz ist jedoch nur eines von mehreren Übeln im Textilsektor Bangladeschs. Neben einer miserablen Entlohnung, die oft unter der Armutsgrenze liegt, und Arbeitszeiten von bis zu 14 Stunden ist vor allem problematisch, dass die Textilarbeiterinnen es nicht wagen, Mitglied einer Gewerkschaft zu werden, erklärt Gisela Burkhardt: "Wenn die Beschäftigten versuchen, sich zu organisieren, dann werden sie sofort entlassen, oder werden auch richtig bedroht und verfolgt. Die Gewerkschaften können nicht in den Fabriken arbeiten, sie müssen die Frauen spät abends zuhause aufsuchen, das erschwert die Organisierung der Beschäftigten." Doch ohne die Gewerkschaften vor Ort einzubinden gehe es nicht, sind sich die Experten einig. Sie fordern, die Arbeitnehmervertretungen zu stärken und sie bei ihrem Kampf um bessere und sichere Arbeitsbedingungen zu unterstützen.

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