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Asien

Gefährliche Scheidungen in Pakistan

In konservativen Regionen Pakistans riskieren Frauen den Tod, wenn sie sich von ihrem Ehemann trennen wollen. Trotzdem steigt die Zahl der Frauen, die eine Scheidung beantragen.

Masooma Sara Khans Ehe begann, als ihre Eltern sie als 11-Jährige für umgerechnet 250 US-Dollar an einen Mann verkauften. "Es war weder eine arrangierte Heirat noch eine Liebesheirat - ich wurde einfach verkauft. Wie ein Spielzeug", sagt die heute 22-Jährige, die in einem Kosmetiksalon in Peschawar arbeitet. "Jede Frau träumt von ihrer Hochzeit - doch meine kam ganz beiläufig. Der Bräutigam liebte mich nicht und ich wollte nur, dass meine Eltern zufrieden sind."Nach elf Jahren Ehe hat sie 2012 einen Scheidungsantrag gestellt. Der Grund: sexuelle Belästigung durch den älteren Bruder des Ehemanns: "Wie könnte ich noch im selben Haus mit ihm wohnen? Ich fürchte um meine Ehre", sagt die junge Frau.

Ihr Scheidungsverfahren ist noch nicht abgeschlossen und das Leben wird immer schwieriger für Masooma Khan: "Als ich meinen Mann verlassen habe, wollten mich meine Eltern nicht in ihrem Haus aufnehmen. Ich habe versucht, selber eine Wohnung zu mieten, aber niemand will einer allein lebenden Frau eine Wohnung vermieten." Jetzt wohnt sie mit ihren beiden Kindern bei einer Freundin und deren Familie.

Scheidungen in Pakistan waren lange ein Tabu

In der konservativen paschtunischen Gesellschaft wird es nicht akzeptiert, wenn Frauen die Scheidung beantragen. Für Männer ist das jedoch weniger problematisch.

Zwei pakistanische Mädchen, die zwangsvereheiratet wurden, in einem Frauenhaus (Foto: DW)

In einigen Regionen Pakistans werden junge Mädchen verheiratet, um eine Blutfehde auszugleichen

Die paschtunische Sängerin Ghazala Javed wurde 2012 von ihrem Mann erschossen. Sie wollte die Scheidung, nachdem sie herausgefunden hatte, dass ihr Ehepartner schon mit einer anderen Frau verheiratet war. Ghazala Javeds trauernde Mutter kann nur darauf hoffen, dass die Justiz für eine gerechte Strafe sorgen wird.

Auch Masooma Khan fordert Gerechtigkeit. Sie hat ihren Fall bis vor das Oberste Gericht in Peschawar gebracht. Ihr Anwalt Ahmed Salim Khan weist darauf hin, dass die Zahl der Scheidungen in den vergangenen zehn Jahren stark gestiegen ist. 2012 gab es mehr als 1000 Scheidungsverfahren an den Gerichten in Peschawar - 1998 waren es nur 80. Das liege daran, dass die Frauen heute ihre Rechte besser kennen, meint Anwalt Ahmed Khan: "Durch die Medien wissen sie, dass jede Frau, die beispielsweise Opfer von Gewalt in der Ehe wird, das Recht hat, sich scheiden zu lassen. Deshalb wenden sie sich an die Gerichte."

Konservatismus und die Macht der Männer

40 Prozent der Männer und Frauen, die die lokale islamische Einrichtung Jaamia Darwaish in Peschawar für eine Beratung aufsuchen, möchten über eine Scheidung sprechen. Mufti Abdul Qadeer, einer der islamischen Gelehrten an der Jaamia Darwaish, rät Paaren grundsätzlich von einer Trennung ab: "Die Scheidung zerstört Gesellschaft, Stamm und Familie. Sie wird im Islam missbilligt und sollte nur der allerletzte Ausweg sein", sagt er.

Zwar sind Scheidungen im Islam grundsätzlich erlaubt, doch in der Praxis hat das Wohlergehen einer Frau in Teilen der pakistanischen Gesellschaft einen geringeren Stellenwert als das des Mannes: Pakistan gehört laut einer Studie des Weltwirtschaftsforums aus dem Jahr 2012 weltweit zu den Ländern mit der tiefsten Kluft zwischen den Geschlechtern und einem besonders geringen Grad an Gleichberechtigung.

Kostenloser Rechtsbeistand durch Frauen-Organisationen

Frauenrechtlerinnen demonstrieren am internationalen Frauen-Tag in Lahore, Pakistan (Foto: Reuters)

Demonstration für Frauenrechte in Lahore

Nach Angaben der Aurat-Stiftung, Pakistans größter Frauenorganisation, wurden allein im vergangenen Jahr mehr als 8000 Frauen in Pakistan ermordet, weil sie sich über Gewalt in der Ehe beschwert oder die Scheidung beantragt hatten. "Es ist ein großer Fehler, dass unsere Gesellschaft den Frauen einredet, sie sollen ihre Ehe bis zum Ende ihres Lebens akzeptieren - egal, was passiert", sagt Shabina Ayaz von der Aurat-Stiftung. Besonders schlimm findet sie das Verhalten vieler Eltern, die ihre verheirateten Töchter nicht wieder zu Hause aufnehmen und unterstützen - selbst wenn diese Opfer von häuslicher Gewalt geworden sind.

In größeren Städten wie Karatschi und Lahore ist die Lage der Frauen besser als im konservativeren Peschawar und im Grenzgebiet zu Afghanistan. Gewaltopfer können sich in diesen moderneren Städten leichter an die Polizei wenden, sie haben auch bessere Kontakte zu Anwälten und Gerichten.

Organisationen wie Aurat arbeiten gerade in den konservativeren Regionen Pakistans eng mit der Polizei zusammen und bieten Kurse an, in denen Polizeibeamte lernen, besser mit Opfern von häuslicher Gewalt umzugehen. Gleichzeitig wollen die Frauenrechtlerinnen auch Anwälte in Pakistan für Themen wie Gender-Diskriminierung und Gewalt in der Ehe sensibilisieren. "Außerdem bietet die Aurat-Stiftung Frauen einen kostenlosen Rechtsbeistand für die Scheidung an", sagt Shabina Ayaz.

Doch die Scheidung bleibt ein gefährlicher Kampf für Frauen in Pakistan. Masooma Khan ist fest entschlossen, diesen Weg zu gehen. Dass sie vermutlich nach einer Trennung von ihrem Mann keinerlei Unterhaltszahlungen für die Kinder bekommt, ist nicht ihre größte Sorge. Sie lebt in ständiger Angst: "Zu Hause fürchte ich mich davor, dass jemand kommen könnte, um mich zu töten. Und draußen fürchte ich mich vor einem Säure-Anschlag."

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