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Nahost

Gefährliche Arbeit - Journalisten in Syrien

Für Reporter und Fotografen ist Syrien ein gefährliches Pflaster. Präsident Assad will freie Berichterstattung mit allen Mitteln verhindern. Ausländische und einheimische Journalisten werden verfolgt.

"Einer muss hingehen und erzählen, was geschieht" -  das war das Motto der amerikanischen Kriegsreporterin Marie Colvin. Immer wieder war sie hingegangen, in die Krisen- und Kriegsgebiete dieser Welt, um über das Geschehen zu berichten. Sie war im Irak, in Afghanistan, in Sri Lanka, wo sie ein Auge verlor, und im Nahen Osten.

Die amerikanische Kriegsreporterin Marie Colvin mit einer Augenklappe über dem rechten Auge. Colvin arbeitete zwei Jahrzehnte lang für die in London erscheinende Sunday Times. (Foto: Sunday Times/AP/dapd)

Die Kriegsreporterin Marie Colvin, getötet in Homs

In Syrien bezahlte sie ihren Einsatz und ihren Mut Mitte Februar mit dem Leben. Zusammen mit ihr wurden der französische Fotograf Rémy Ochlik und der syrische Journalist Rami Al-Sayed getötet. Zwei weitere ausländische Reporter wurden bei dem offenbar gezielten Raketenangriff auf das provisorische Medienzentrum in Homs verletzt.

Im Januar war bereits der französische Fernseh-Journalist Gilles Jacquier in Homs ums Leben gekommen. Und der prominente amerikanische Reporter und Pulitzer-Preisträger Anthony Shadid war im Februar nach einer Woche in Homs auf dem gefährlichen Weg zur türkischen Grenze an einem Asthma-Anfall gestorben – ausgelöst durch die Pferde, mit denen er und sein Fotograf aus dem Land geschmuggelt werden sollten.

Elf tote Journalisten

Porträt von Astrid Frohloff, TV-Moderatorin und geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Organisation Reporter ohne Grenzen (Foto: Horst Galuschka)

Verteidigt den Einsatz von Kriegsreportern: Astrid Frohloff von "Reporter ohne Grenzen"

Die Arbeit in Kriegs- und Krisenregionen ist gefährlich für Journalisten, einheimische und ausländische. Nach Angaben der Organisation "Reporter ohne Grenzen" sind seit Beginn des Jahres weltweit bereits mindestens elf Journalisten in Ausübung ihrer Arbeit getötet worden. Die Lage in Syrien sei "besonders undurchschaubar und schwer zu überprüfen", sagt Astrid Frohloff, Fernsehjournalistin und Vorstandssprecherin von "Reporter ohne Grenzen" (ROG) in Berlin. "Wir wissen, dass Präsident Assad versucht, die totale Kontrolle über die Berichterstattung zu haben. Die Medien werden kontrolliert und reglementiert. Das war schon vor den Aufständen so, hat seither aber drastich zugenommen." Dies betreffe vor allem einheimische Journalisten, die vom Regime verfolgt, inhaftiert und gefoltert würden. "Syrische Journalisten, die wegen ihrer Berichterstattung im Gefängnis landen, haben anders als westliche Journalisten kaum eine Mglichkeit, international um Hilfe zu bitten. Ich würde mir wünschen, dass es für sie in unseren Medien mehr Aufmerksamkeit gäbe. Wir bei ROG versuchen, einheimischen Journalisten, die in Not geraten, einen Namen und ein Gesicht zu geben."

Die Journalistenschmuggler von Avaaz

Trotz der großen Gefahren für Leib und Leben wollen Reporter aus der ganzen Welt in das isolierte Land, um über den Aufstand gegen Präsident Assad zu berichten, weiß Stephanie Brancaforte vom Kampagnen-Netzwerk Avaaz.

Ein Foto der französischen Journalistin Edith Bouvier in einem Video, in dem sie um ihre Evakuierung aus der umkämpften Stadt Homs bitet. (Foto: Reuters)

Die verletzte französische Journalistin Edith Bouvier wurde mithilfe von Avaaz evakuiert

Seit einem Jahr unterstützt die Organisation die Aufständischen in Syrien, schmuggelt Medikamente, Hilfsgüter, Satellitentelefone, Modems und Computer ins Land. Und sie bringt ausländische Journalisten aus dem Libanon nach Syrien. "Wir halten es für wichtig, dass ausländische Journalisten mit eigenen Augen sehen, was sich dort abspielt und welche Gräuel das Regime verübt", so Brancaforte. Dutzende Reporter hätten sich an Avaaz gewendet mit der Bitte, sie nach Syrien zu schmuggeln, darunter auch Vertreter großer Networks. "Es ist unglaublich gefährlich und diese Journalisten sind sehr mutig", sagt die in Berlin ansässige Kampagnen-Direktorin von Avaaz. Die Organisation schaue sich die Journalisten daher genau an, bevor sie ihnen helfe, in das Krisengebiet zu kommen. Nur wer über die notwendigen Voraussetzungen und ausreichende Erfahrung verfüge, könne auf die Unterstützung des Netzwerks zählen.

Ein deutscher Journalist in Homs

Florian T. verfügt über beides, trotzdem ist er ohne die Unterstützung von Avaaz unterwegs. Der deutsche Journalist, der eigentlich ganz anders heißt, hat in den letzten 12 Jahren viel Erfahrung in Kriegsgebieten gesammelt, hat aus Afghanistan, dem Irak und Libyen berichtet. Sieben Mal war er schon in Syrien, seit Ausbruch der Revolution allein fünfmal in der umkämpften Stadt Homs. Mithilfe von lokalen Aktivisten hat er dort recherchiert, unter Einsatz seines Lebens.

Ein Panzer in den Straßen von Homs. (Foto: EPA)

Panzer auf der Straße vor Homs

Besonders gefährlich sind die Scharfschützen, die sich auf den Dächern verschanzen und von dort aus Straßenkreuzungen ins Visier nehmen. "Man darf nicht rennen, wenn man eine sechsspurige Straße überqueren muss", erklärt Florian. "Das sind schreckliche Sekunden, wenn man im Visier der Scharfschützen ist." Bloß nicht auffallen und schnell heraus aus der Gefahrenzone, das ist die Devise. Doch das ist nicht leicht, wenn man auf die Hilfe von Aktivisten angewiesen ist. Dann ist man sozusagen "embedded", so wie es die Journalisten waren, die mit der amerikanischen Armee in den Irak einmarschiert sind. Nur diesmal eben bei den Rebellen, die dem ausländischen Journalisten zeigen wollen, wie sie leben und welchen Gefahren sie und die Zivilbevölkerung täglich ausgesetzt sind. "Man tut dann manchmal Dinge, die man nicht will und die man bereut", sagt Florian T. Man bringt sich in Gefahr in einem Konflikt, über den man eigentlich nur berichten will, in dem man nicht Partei ergreifen will und darf. Aber wenn man mit den Aktivisten unterwegs ist, kann man es oft kaum vermeiden, für ihre Zwecke instrumentalisiert zu werden. "Man friert mit ihnen, man hungert mit ihnen, man geht durch die Hölle mit ihnen, man kann nicht mehr unabhängig sein."

Trotz allem sieht sich Florian T. nicht als Kriegsreporter. Im Gegenteil: Er will eigentlich über die Hintergründe der Konflikte berichten und die Situation analysieren. Doch das sei in den Redaktionen oft nicht gefragt. "Die wollen das Bäng-Bäng und keine hintergründigen Erklärstücke".

Journalisten als Augenzeugen von Krieg und Zerstörung

Dennoch bleibt für die Organisation "Reporter ohne Grenzen" die Arbeit der Kriegsreporter unerlässlich. "Es ist wichtig und richtig, dass Journalisten in Krisen- und Kriegsgebiete gehen - unter Abwägung aller Risiken - und versuchen, von dort zu berichten. Nur so sind wir in der Lage, uns ein Bild zu machen, nur so können wir Forderungen an Assad stellen. Die Bilder, die wir über die sozialen Netzwerke von syrischen Aktivisten erhalten, sind schwer überprüfbar. Darum sind wir angewiesen auf objektive Informationen", erklärt die Fernsehmoderatorin Astrid Frohloff, die selbst einige Jahre lang aus dem Nahen Osten berichtet hat und sich seit langem bei ROG engagiert.

Ein Fernsehjournalist mit Stahlhelm neben einer TV-Kamera. Das BIld wurde im Gazakrieg von 2008/209 an der Grenze Israels zum Gazastreifen aufgenommen. (Foto: dpa)

Ein Journalist während dem Gazakrieg von 2008/2009

Ganz anders sieht das der Fotograf Kai Wiedenhöfer, der seit vielen Jahren in Konfliktgebieten unterwegs ist und auch Syrien gut kennt. "Ich frage mich, ob wir die Frontberichterstattung in Zeiten von Fotohandys und Youtube überhaupt noch brauchen", formuliert er nachdenklich. Inzwischen gebe es in jedem Konfliktgebiet Aktivisten und lokale Journalisten, die Bilder und Filme nach draußen bringen könnten. Selbst der syrischen Regierung gelinge es nicht mehr, zu verhindern, dass Informationen nach außen dringen. "Wir, Reporter und Fotografen, informieren die Öffentlichkeit und was dann? Mit der Kriegsberichterstattung verändern wir nicht den Lauf der Dinge."

Berichterstattung ohne Folgen

Bestes Beispiel sei der Irak-Krieg. Obwohl es sich um einen nicht legitimierten Angriffskrieg der USA gehandelt habe und obwohl zahllose Kriegsverbrechen von Journalisten dokumentiert worden seien, seien die Verantwortlichen nicht zur Rechenschaft gezogen worden, sagt Wiedenhöfer.

Feuer im Viertel Baba Amr in der umkämpften syrischen Stadt Homs. Das Foto wurde zur Verfügung gestellt von den Local Coordination Committees (LCC)in Syria/AP/dapd

Kämpfe in Homs

Die Risiken, die vor allem junge Fotografen auf sich nähmen, die oftmals ohne ausreichende Ausrüstung und finanzielle Absicherung in Krisengebiete reisten, seien immens. Er lehne solche Einsätze daher inzwischen ab. "Ich bin dagegen. Denn diese paar Fotos sind den Einsatz des eigenen Lebens nicht wert, so gut sie auch sein mögen."

Er selbst hat für sich die Konsequenzen gezogen und berichtet nicht mehr von der Front. Stattdessen hält er mit seiner Kamera die Langzeitfolgen von Kriegen und Verwüstungen fest. So hat er ein Jahr nach dem Gazakrieg von 2008/2009 einen Bildband herausgebracht, in dem er die Schicksale von verwundeten Palästinensern dokumentiert hat. "Wir Journalisten, wir gehen wieder weg aus den Krisen- und Kriegsregionen. Die Opfer aber leiden noch Jahre und manchmal ihr ganzes Leben unter den Folgen."

Doch darüber wolle die Weltöffentlichkeit dann meist schon nichts mehr wissen.

Autorin: Bettina Marx
Redaktion: Andreas Noll