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Asien

Gefährdete Entwicklungshelfer in Kundus

Die wachsende Zahl der Kämpfe in Kundus erschwert die Arbeit von regierungsunabhängigen Organisationen und Entwicklungshelfern. Deutsche NGOs haben sich ganz zurückgezogen.

Sicherheitswarnungen gehören zum Alltag der Menschen in Imam Sahib, einem Distrikt der nördlichen Provinz Kundus in Afghanistan. Seit Wochen ist die Provinz Schauplatz von Kämpfen zwischen Taliban und afghanischen Sicherheitskräften. Die Bewohner hält das aber nicht davon ab, am Aufbau der Provinz zu arbeiten. "Momentan laufen mehrere große Projekte in Imam Sahib", sagt der Distriktvorsteher Imamuddin Quraishi stolz. "Grade werden mehrere Regierungs- und Bildungsgebäude gebaut, sowie ein großes Kühllager." Die Kämpfe würden zwar andauern, so Quraishi, aber das dürfe den Fortschritt in der Provinz nicht aufhalten.

Leider werde nicht genug investiert, beklagt Quraishi. Es gäbe kaum Aufmerksamkeit für die fehlende Infrastruktur im Distrikt. Für weitere Projekte fehlen die Gelder. "Unsere Straßen sind beschädigt und bedürfen einer Sanierung. Einige unserer Straßen sind nicht mal mit Kies ausgelegt." Das sieht auch Mohammad Adjmal so, ein Bewohner aus Imam Sahib. "Gute Straßen sind wichtig, damit die Bauern ihre Waren verkaufen und ein kranker Patient ins nächste Krankenhaus in die Hauptstadt gebracht werden kann. Wenn es Wiederaufbau gibt, gibt es auch Sicherheit." Denn mit der wirtschaftlichen Entwicklung würde den Aufständischen der Zustrom an neuen Kämpfern abgegraben.

NGOs unter Beschuss

Sicherheit - das ist aber für viele internationale NGOs eine Voraussetzung, um ihre Arbeit überhaupt ausführen zu können. Als externe Akteure stehen sie im Kreuzfeuer von Konflikten. In Afghanistan sind Angriffe auf Mitarbeiter von NGOs in den letzten Jahren gestiegen. Laut der Internationalen NGO Sicherheits-Organisation (INSO) wurden im letzten Jahr 50 Mitarbeiter von NGOs in Afghanistan getötet. In den ersten Monaten in 2015 gab es bereits 17 Tote. Ein weiteres Risiko sind Entführungen: Wurden letztes Jahr noch 150 Mitarbeiter entführt, so gab es dieses Jahr bereits bis Mai schon 39 Entführungen.

Diese Erfahrungen musste auch die Welthungerhilfe machen. Seit 20 Jahren ist die deutsche Hilfsorganisation in Afghanistan tätig. Aus Kundus hat sich die Organisation jedoch 2010 zurückgezogen. "Wir hatten Vorfälle dort, wo auch Mitarbeiter ums Leben gekommen sind und da wollten wir auch ein Zeichen setzen, dass wir Konsequenzen daraus ziehen", so Mathias Mogge vom Vorstand der Welthungerhilfe. Zwar sind sie in West- und Ostafghanistan noch tätig, aber die Sicherheitslage hat sich langfristig auf die Arbeit der Mitarbeiter ausgewirkt, erklärt Mathias Mogge. "Wir investieren nun viel mehr in Sicherheitsmaßnahmen und den Schutz unserer Büros. Mitarbeiter sind nur noch in zwei Autos unterwegs und wir setzen verstärkt auf lokales Personal." Die afghanischen Mitarbeiter könnten die Sicherheitslage besser einschätzen, so Mogge. Momentan arbeiten 250 afghanische und fünf internationale Mitarbeiter für die Welthungerhilfe.

Mit der Welthungerhilfe verließ die letzte deutsche NGO die Region Kundus, wie der deutsche Dachverband Verband Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe (VENRO) erklärt. Schon vor dem Abzug der Bundeswehr aus Kundus Ende 2014 war deren Arbeit immer gefährlicher geworden.

Ein Konvoi verlässt das Feldlager in Kundus

Ende 2014 verließen die letzten Bundeswehrsoldaten das Feldlager in Kundus

Keine Angriffsfläche bieten

Wo die einen aufhören, machen andere Organisationen weiter. Aufgrund der verschlechterten Lage musste die internationale Organisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) ihre Arbeit erheblich ausweiten. Mitten in Kundus betreibt sie ein Traumazentrum mit 92 Betten, wo Patienten aus der Region behandelt werden. "Unser Arbeitspensum ist enorm angestiegen", sagt Laurent Gabriel, Projektkoordinator für Ärzte ohne Grenzen in Kundus. "Aufgrund der verstärkten Kämpfe erreicht uns ein Strom an Patienten." Die Verletzten sind meist Opfer von Bombenanschlägen. Die erhöhte Nachfrage versucht MSF nun mit einem Außenposten im Nachbardistrikt Char Darah zu decken.

Um sich selbst nicht in Gefahr zu bringen setzt MSF auf minimale Exponierung. Auch hier setzt man auf nationales Personal: Etwa 450 Mitarbeiter sind Afghanen, 20 international. "Die meisten meiner Mitarbeiter verbringen ihre Zeit im Gäste und im Krankenhaus", so Gabriel. "Wir sind sehr vorsichtig um uns nicht angreifbar zu machen."

Deutsches Engagement

Statt deutscher NGOs ist nur noch die deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) weiterhin in Kundus tätig und beschäftigt sowohl afghanische als auch internationale Mitarbeiter. In und um Kundus werden Projekte im Bereich Bildung, Landwirtschaft, Recht, Verwaltung und Wasser durchgeführt. Auftraggeber sind das Auswärtige Amt und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

So hat die GIZ zum Beispiel die Bildungsbehörde in der Provinz Kunduz unterstützt, eine Schule im Dorf Qaryateem zu bauen. Insgesamt gehen hier nun 546 Kinder zur Schule, davon sind die Hälfte Mädchen. Bevor es diese Schule gab, fand der Unterricht in Zelten statt, es war staubig, es gab keine Tische und Stühle, im Winter herrschten Temperaturen bis minus 20 Grad, im Sommer plus 40 Grad, so dass der Unterricht oft ausfallen musste.