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Geduld

Minuten, Stunden, Tage – Warten kostet Kraft und Nerven. Vor allem dann, wenn das Ende nicht absehbar ist. Und nur wenn die Erwartungen schließlich erfüllt werden, hat es sich gelohnt, geduldig zu sein.

"Bereitwilliges Ertragen von Unannehmlichkeiten mit sechs Buchstaben" – so könnte im Kreuzworträtsel nach dem Begriff gefragt werden, der diese Woche unser Stichwort ist. Auch "längeres Warten auf eine Veränderung" wäre eine Umschreibungsmöglichkeit.

Kraft und Nerven

Das Ertragen und das Warten, wer kennt es nicht? Kein schöner Zustand; denn beides kostet Kraft und Nerven, vor allem dann, wenn völlig ungewiss ist, wann es damit ein Ende haben wird. Wovon wir reden? Nun, Sie müssen noch etwas zuwarten, bis wir des Rätsels Lösung preisgeben und hoffen unterdessen, es möge Ihnen jener Faden nicht reißen, der sprichwörtlich geworden und aufs Engste mit unserem Stichwort verbunden ist.

Es handelt sich um eine Eigenschaft, in der man/Frau sich allerdings meist ungewollt üben muss, die jedoch – und dies sei ein Trost – von Martin Luther als besonders lobenswerte Tugend bezeichnet wurde. Der Reformator berief sich dabei auf die Heilige Schrift.

Zum Zerreißen gespannt

Wer klaglos Schmerzen, Kummer und Leid, ein schweres Schicksal erträgt, auch der verfügt über die Ausdauer im "ruhigen, beherrschten und nachsichtigen Ertragen oder Abwarten", wie es im Wörterbuch heißt.

Nun aber wollen wir Ihre Geduld nicht länger strapazieren. Ja. Es geht um die Geduld. Wer bis jetzt zugehört hat, der hat geduldig abgewartet, was es denn mit den sechs Buchstaben auf sich habe, dem ist der Geduldsfaden nicht gerissen.

Das kann dauern

Der sprichwörtliche Geduldsfaden lässt sich sprachgeschichtlich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auf die mühselige und langwierige Arbeit des Spinnens zurückführen. Sorgfalt, stete Aufmerksamkeit und eben Geduld waren vonnöten, wenn der dünne Faden nicht reißen sollte.

Geduld hat mit Zeit zu tun. Besser noch: mit Dauer. "Das kann dauern. Haben Sie noch etwas Geduld." "Fassen Sie sich in Geduld." Und am Bahnsteig die Durchsage, wenn wieder einmal eine Verspätung angekündigt wird. "Wir bitten um etwas Geduld." Das sind die Floskeln, mit denen Geduld eingefordert wird.

Geduldig wie ein Esel

Nun wollen wir ja nicht bestreiten, dass geduldig sein eine Tugend ist, aber ist es verwerflich, ungeduldig zu sein? Vor Kurzem hieß es in der Tageszeitung, dass es nun mit der Eselsgeduld ein Ende habe. Der gute Esel nämlich gilt als geradezu sprichwörtlich geduldiges Tier. Man stelle ihn sich vor, wie er ruhig dasteht, sich einen Packen nach dem anderen aufladen lässt und dann brav lostrabt und die schwersten Lasten über Stock und Stein ans Ziel bringt.

Nun kann es aber Situationen geben, wo es selbst dem geduldigsten Esel zu viel wird. Dann bleibt er stehen. Das ist so eine Art Warnung. Treibt man ihn trotzdem weiter an, ist es durchaus möglich, dass er ausschlägt, sprich, mit gezielten Huftritten seinem Herrn zu verstehen gibt, dass jetzt Schluss ist. Und zwar so lange, bis er – der Herr – sich eines Besseren besinnt. Nicht eines besseren, noch geduldigeren Esels, sondern einer anderen Art, mit dem Esel umzugehen.

Geduldiges Papier

Sollte dieses Bild dem Journalisten vor Augen gestanden haben, der in einer anderen Zeitung die bange Frage stellte, wann es mit der Eselsgeduld der Deutschen angesichts des Hin und Her zu Ende sei? Fast täglich wird uns versichert, alles werde besser, es bedürfe nur noch der Zeit, des Durchhaltevermögens, der Geduld. So hören und lesen wir.

Aber wir wissen ja, Papier ist geduldig. Um besser zu verstehen, was damit gemeint ist, schauen wir aufs Original dieser Redensart: "Epistula non erubescit", steht in einem Brief Ciceros geschrieben; die wörtliche Übersetzung lautet: "Ein Brief errötet nicht". Oder auch: "Ein Brief kann nicht schamrot werden." Das stimmt. Also müssen wir uns weiter in Geduld üben. Aber wie zu Anfang gesagt: Auch "längeres Warten auf eine Veränderung" kann Geduld sein.


Fragen zum Text

Welches Tier gilt als besonders geduldig?

1. der Esel

2. das Schwein

3. die Biene

Die Geduld wurde von Martin Luther als eine besonders ...

1. zweifelhafte Charaktereigenschaft angesehen.

2. lobenswerte Tugend bezeichnet.

3. unwichtige Sache betrachtet.

Die Redewendung Papier ist geduldig geht zurück auf …

1. Ovid.

2. Cicero.

3. Caesar.

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Autor: Michael Utz

Redaktion: Ingo Pickel

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