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Reise

Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen

Der Ort, an dem Thomas Raufeisen monatelang zu Unrecht eingesperrt und verhört wurde, ist heute sein Arbeitsplatz. Er führt Besucher durch die ehemalige zentrale Untersuchungshaftanstalt der DDR.

Routiniert läuft der 52-Jährige durch die langen Flure des früheren Untersuchungsgefängnisses, vorbei an den Zellen und Verhörräumen, in denen er die schlimmsten Stunden seines Lebens verbracht hat. Angst und Ungewissheit hätten ihn manchmal fast kaputt gemacht, erzählt Thomas Raufeisen der zehnten Klasse einer niedersächsischen Realschule. Er ist einer von mehreren Zeitzeugen, die heute durch die Gedenkstätte im Osten Berlins führen.

Eben noch haben die Teenager draußen im sonnigen Hof gestanden und munter durcheinander gequatscht. Nun sind sie ganz still geworden. Aufmerksam folgen sie dem ehemaligen Häftling in einen kleinen Raum. "In so einer Zelle war ich auch eingesperrt", sagt Raufeisen. "Durch diese Fenster konnte man nur sehen, ob es Tag ist oder Nacht. Sonst nichts." Er deutet auf die Glasbausteine, die in die Außenwand eingelassen sind. Eine Holzpritsche ist darunter an der Wand angebracht. Dazu ein Waschbecken mit Toilette.

Mit tiefer, ruhiger Stimme schildert Raufeisen seine Haftbedingungen. Er spricht von schlaflosen Nächten, von nie passenden blauen Trainingsanzügen, die er tragen musste, von den zermürbenden Psychostrategien seiner Vernehmer. In monatelangen Verhören fragten sie Thomas Raufeisen immer wieder das Gleiche: Warum er glaubte, hier zu sein. Doch was genau ihm die DDR vorwarf, warum gegen den damals 19-Jährigen Anklage erhoben wurde, das erfährt er erst nach über einem Jahr Untersuchungshaft bei seiner Urteilsverkündung. Die ihm vorgelegten belastenden Aussagen hat er in seiner Erschöpfung irgendwann unterschrieben.

Hohenschönhausen (Bildergalerie)

In den Polsterstühlen der Verhörräume sitzt auf ewig der Angstschweiß der Häftlinge

Willkür und Demütigung

Das ehemalige Untersuchungsgefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit ist heute die bedeutendste Gedenkstätte in Deutschland, die das System der politischen Justiz in der DDR darstellt und erforscht. Jährlich kommen 385.000 Besucher aus aller Welt an den authentischen Ort der Diktatur.

"Wisst ihr, dass in Deutschland heute die Unschuldsvermutung gilt und was das bedeutet?", fragt Raufeisen die Runde. Die Schüler schütteln den Kopf. Dass jeder Angeklagte in einem strafrechtlichen Prozess so lange als unschuldig gelte, bis ein Gericht seine Schuld nachweise oder entkräfte. "Ich wurde hier von Beginn an für schuldig erklärt. Die Verhöre sollten nur das Ausmaß meiner Schuld festlegen." Formalien sollten nach außen den Schein eines fairen Verfahrens wahren. So durfte Raufeisen zwar mit einem Anwalt sprechen, dabei jedoch keine Inhalte seines Falls erwähnen.

Den Jugendlichen im Raum ist anzumerken, dass sie sich das alles gar nicht vorstellen können. Dass jemand einfach so verhaftet wird, ohne zu wissen warum. Es klingt wie aus einem unheimlichen Film. Wie in "Das Leben der Anderen", ein Stasi-Drama, das 2007 einen Oscar erhalten hat. Nicht wie etwas, das noch bis vor 25 Jahren im Osten Deutschlands passierte. Und doch war es Realität.

Insgesamt gab es in der DDR schätzungsweise 250.000 Menschen, die aus politischen Gründen verhaftet und nach ihrer Verurteilung in die verschiedenen Haftanstalten des Landes gebracht wurden. Das betraf Künstler, Politiker und Bürgerrechtler, die nicht als linientreu galten; ebenso wie Menschen, die das Land verlassen wollten. Hohenschönhausen war für sie als Untersuchungsgefängnis nur eine Zwischenstation. Doch hier wurde entschieden, welches Strafmaß sie bekamen.

Hohenschönhausen (Bildergalerie)

Über ein Jahr lang saß Thomas Raufeisen hier in U-Haft

Raufeisens schicksalhafte Geschichte

"Wollt ihr wissen, warum ich hier eingesperrt war?", fragt Raufeisen die Schüler erst, nachdem er sie über eine Stunde durch das Gelände geführt hat. Sie nicken neugierig. Bisher hat sich keiner getraut, zu fragen. "Ich wurde verhaftet, weil ich nach Hause wollte. Komisch, nicht? Aber das war mein Verbrechen." Die Jugendlichen schauen etwas verwundert. Er holt tief Luft.

Er komme eigentlich aus Hannover, wo er noch die 10. Klasse am Gymnasium absolviert habe. 1979 dann brechen seine Eltern plötzlich mit ihm in die DDR auf. Dem an der Ostsee lebenden Opa ginge es schlecht. Doch das entpuppt sich als Vorwand. Hinter der Grenze offenbart der Vater in Gegenwart zweier Stasi-Mitarbeiter, dass er seit vielen Jahren als "Kundschafter des Friedens" arbeite, für den Osten spioniere und nun drohe aufzufliegen. "Mein Vater sagte, wir müssten uns damit abfinden, dass wir Hannover nie wieder sehen würden." Wenige Tage später ist der Jugendliche DDR-Bürger. Gegen seinen Willen.

Vom Vater verraten

Hohenschönhausen (Bildergalerie)

Jahrelang hoffte Raufeisen vergebens, die BRD würde ihn freikaufen

Noch glaubt der Vater daran, dass die DDR eine gerechtere und bessere Gesellschaftsordnung habe als der Westen. Doch bald wird das Leben für die Familie unerträglich. Wiederholte Bemühungen um eine Ausreise scheitern. Im September 1981 wird die Familie bei der Vorbereitung zur Flucht verhaftet, nach Hohenschönhausen gebracht und nach monatelanger Untersuchungshaft verurteilt. Thomas Raufeisen bekommt drei Jahre in der Justizvollzugsanstalt Bautzen II, die Mutter sieben Jahre, der Vater lebenslänglich.

Wie er das eigentlich alles ausgehalten habe, fragt plötzlich einer der 16-Jährigen. Raufeisen antwortet ruhig: "Es war schwer und oft blieb mir nur der Rückzug in mich selbst. Mein Vertrauen in andere Menschen war auf lange Zeit sehr stark erschüttert." Nur langsam gewinnt er dieses Vertrauen nach seiner Freilassung 1984 wieder. Thomas Raufeisen darf nach Hannover zurück, holt sein Abitur nach und seine verpasste Jugend.

Aus dem Schlechtem etwas Gutes machen

Hohenschönhausen (Bildergalerie)

Etwa die Hälfte der Besucher sind Schulklassen

Zu einer Aussöhnung mit dem Vater kommt es nie. Der stirbt 1987, nur zwei Jahre vor dem Ende der DDR, unter dubiosen Umständen in einem Haftkrankenhaus. Antworten findet Thomas Raufeisen nach dem Fall der Mauer nur in seiner Stasi-Akte, die nun zugänglich ist. Auch nach Hohenschönhausen kommt er, als öffentlich bekannt wird, dass hier Menschen in Untersuchungshaft gesessen haben. Bis zum Mauerfall war das Gelände für DDR-Bürger nichts als ein geheimer Sperrbezirk.

"Ich selbst kannte den Ort ja nur von innen und wusste nicht, wo ich eigentlich die ganze Zeit war." Doch als Raufeisen die Gebäude betritt, kommen Erinnerungen hoch. Bei den Geräuschen der Türen, dem Geruch auf den Fluren. Erst viele Jahre später zieht er aus beruflichen Gründen nach Berlin. Als er in seinem alten Berufsfeld keine Arbeit mehr findet, beginnt Raufeisen 2003 die Führungen durch die Gedenkstätte.

Eine Ironie des Schicksals, dass seine schlimmen Erfahrungen ihm heute einen neuen Arbeitsplatz ermöglichen? "Klar kann ich aus dem Schlechten etwas Gutes machen. Aber für mich ist das hier keine Therapiestunde", bekräftigt Raufeisen. Der Ort sei für ihn heute ein anderer, er selbst sei frei.

Eines will er den Schülern am Ende der Führung noch mitgeben: "Mir ist wichtig, dass diese Zeit nicht verharmlost wird. Ihr sollt wissen, dass es so etwas gegeben hat. Nur dann könnt ihr wachsam sein, damit es nicht wieder passiert." Raufeisen schaut in ernste, bewegte Gesichter. Die Schüler der zehnten Klasse scheinen verstanden zu haben.

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