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Aktuell Deutschland

Gedenkkonzert im französischen Sektor

Chöre aus Berlin und Antony singen gemeinsam am Tag nach den Terroranschlägen von Paris. Der Auftritt in einer Kirche war lange geplant. Er wird zu einer bewegenden Manifestation der deutsch-französischen Freundschaft.

Die meisten treffen am Freitag in der deutschen Hauptstadt ein, einige sind schon seit Mittwoch da: knapp 50 Chormitglieder aus dem Pariser Vorort Antony. Der Flughafen Tegel, auf dem sie landen, wurde wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg von der französischen Besatzungsmacht errichtet. Es ist also historischer Boden, auf dem sich die Gäste bewegen. Seit 1966 ist Antony Partnerstadt des Berliner Bezirks Reinickendorf. Im kommenden Jahr können die beiden Gemeinden also das 50-jährige Bestehen ihrer ganz speziellen deutsch-französischen Freundschaft feiern.

In der Geschichte dieser traditionsreichen Liaison wird das am Samstagabend in der Frohnauer Johanneskirche gegebene Konzert einen besonderen Stellenwert einnehmen. Es ist der erste gemeinsame Auftritt, und er findet am Tag nach den furchtbaren Attentaten von Paris statt. In Frankreich sind an diesem Wochenende alle öffentlichen Veranstaltungen abgesagt worden. Auch in Antony ruht das kulturelle Leben. Eine Absage des Berliner Konzerts kommt für Chorleiter Dominique Simmonet aber auf keinen Fall infrage. "Die beste Antwort auf die Attentate ist schöne Musik", sagt er während eines Gesprächs kurz vor Beginn der Aufführung.

Das "Vater unser" wird in beiden Sprachen gebetet

Das evangelische Gotteshaus ist voll besetzt. Der gemischte deutsch-französische Chor hat vor dem Altar Platz genommen. Doch bevor die "Cäcilienmesse" von Charles Gounod erklingt, wendet sich Simmonet in deutscher Sprache an das Publikum. Er erinnert daran, dass in Paris auch ein Konzert "Zielscheibe" der Terroristen geworden sei.

Chorleiter Dominique Simmonet aus Antony

Chorleiter Dominique Simmonet

Dabei kamen die allermeisten der weit über 100 Opfer ums Leben. Eines ist dem Chorleiter aus Antony besonders wichtig: "Der Glaube an die Freundschaft zwischen den Völkern in allen Bereichen des Lebens und der Kunst." Man müsse sich gegen die stellen, "die das zerstören wollen".

Auch Simmonets Berliner Kollege Jörg Walter, der an diesem Abend die Orgel spielt, geht auf die Pariser Tragödie ein. Das gemeinsame Konzert solle man als "Gelegenheit nutzen, uns zu trösten und zu stärken". Unter Glockengeläut sprechen Chor und Publikum das "Vater unser" - in beiden Sprachen. Es folgt ein stilles Gedenken an die Opfer der Attentate. Schließlich beginnt das Konzert. In Frankreichs Kirchenmusik gehört die "Cäcilienmesse" zu den Klassikern. Nach Frohnau passt sie bestens, denn der Ortsteil im Norden Berlins gehörte bis zur deutschen Wiedervereinigung zum französischen Sektor.

Vom "Centre Bagatelle" bis zur "Cité Foch"

Noch heute sind viele Spuren aus dieser Zeit zu finden. Gleich neben der Johanneskirche befindet sich der von Frohnauern gegründete Kunst- und Kulturverein "Centre Bagatelle". Die Villa war nach 1945 vorübergehend ein französisches Offizierscasino. Zwei S-Bahn-Stationen entfernt liegt die Cité Foch, in der bis 1994 Familien der alliierten Soldaten wohnten. Die Straßennamen sind nach wie vor französisch. An der Place Molière befindet sich das nach dem Literatur-Nobelpreisträger Romain Rolland benannte Gymnasium. Hier können die Schüler sowohl das deutsche Abitur als auch das französische Baccalauréat erwerben.

Die bilateralen Beziehungen leben also auf vielfältige Weise fort im früheren französischen Sektor von Berlin. Beim gemeinsamen Chorkonzert in Frohnau sind nach Gounods "Cäcilienmesse" noch zwei weitere Stücke zu hören: Kantor Jörg Walter spielt den ersten Satz von Charles Marie Widors Orgelsinfonie Nr. 5 in f-moll. Und zum Abschluss singt der Chor unter Dominique Simmonet Gabriel Faurés "Cantique de Jean Racine". Pfingsten kommenden Jahres reist die Frohnauer Kantorei zum Gegenbesuch nach Antony. Dann singt der deutsch-französische Chor Johannes Brahms' "Deutsches Requiem". Die Schatten der Attentate von Paris werden dann hoffentlich verflogen sein. Vergessen wird sie niemand.