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Europa

Gedenken: Tränen und Wiedersehen in Brüssel

Ein Jahr nach den Terroranschlägen von Brüssel gedenkt Belgien der Opfer. Überlebende erzählen, auch das Königspaar ist gerührt. Die seelischen Wunden sind noch frisch. Bernd Riegert und Teri Schultz aus Brüssel.

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Ein Jahr nach den Anschlägen von Brüssel: der Schmerz bleibt

Ein weiße Rose für jedes der 32 Todesopfer konnten die Angehörigen am Ende einer bewegenden Trauerzeromonie im Herzen des Brüsseler Europa-Viertels auf dem neuen nationalen Denkmal für Terroropfer ablegen. Zuvor hatte sich der König der Belgier, Philippe, in einer emotionalen Rede an die Familien der Opfer und die Überlebenden der beiden islamistischen Attentate auf dem Flughafen Zaventem und der U-Bahnstation Maelbeek im Europaviertel gewandt. "Liebe Familien, Sie teilen das Schicksal mit so vielen Menschen rund um die Welt, die Opfer des mörderischen Wahnsinns geworden sind", sagte Philippe auf Niederländisch, Französisch und Englisch. "Wir alle sind verantwortlich dafür, unser Zusammenleben menschlicher und gerechter zu machen. Lassen sie uns wagen, zärtlich zu sein. Das ist das Wichtigste."

Belgien Brüssel - Gedenken den Terroropfer (DW/D. Pundy)

Begegnung mit Angehörigen: Philippe von Belgien fühlt mit, im Hintergrund links, Jean-Claude Juncker, EU-Kommissionspräsident

Der König versprach, Belgien werde alles tun, um mit den Folgen der Attentate fertig zu werden. "Das Land hat sich geprüft und die notwendigen Lehren gezogen." Als eine junge Frau, Sarah Esmael Fazal, am Rednerpult an ihre getötete Schwester Sabrina mit einem Gedicht erinnerte und in Tränen ausbrach, gab es auch für Philippe und Königin Matilde kein Halten mehr. Die Tränen flossen beim anschließenden kurzen Händeschütteln mit Familienangehörigen einiger der Opfer. Das Armeeorchester spielte die Europa-Hymne und die Nationalhymne. Am Mahnmal aus zwei Stahlskulpturen wehen viele internationale Flaggen. Die Todesopfer stammten nicht nur aus Belgien, sondern auch aus China, den USA, Marokko, Deutschland und vielen anderen Staaten. Zuvor hatten Hunderte Menschen am Flughafen in Brüssel-Zaventem und an der U-Bahnstation Maelbeek mit Schweigeminuten der Anschlagsopfer gedacht. Auch im Europäischen Parlament und der Europäischen Kommission wurde getrauert. Um 9.11 Uhr standen die U-Bahnen in Brüssel still. Zu diesem Zeitpunkt hatte ein Attentäter in einem U-Bahnwagen im Tunnel an der Maelbeek-Station seine Kofferbombe gezündet. Auf den Straßen über dem U-Bahntunnel hupten die Autofahrer als Zeichen der Solidarität. Rettungswagen ließen ihre Sirenen aufheulen.

Wiedersehen in Zaventem

Belgien Brüssel - Gedenken den Terroropfer (DW/D. Pundy)

"Meine Helden", nennt Ketevan Kardava (re.) Nidhi Chapekar (li.) und Sebastien Bellin beim Wiedersehen in Brüssel

Die georgische Journalistin Ketevan Kardava ist an diesem Morgen auch zum Flughafen gekommen. Sie hatte vor einem Jahr die zwei Bombenexplosionen knapp überlebt und instinktiv die ersten Fotos gemacht und getwittert. "Ich möchte das vergessen, aber ich kann es nicht", erzählte Ketevan Kardava der Deutschen Welle vergangene Woche. "Es ist, als ob es heute morgen passiert. Es ist schrecklich damit zu leben." Am Flughafen trifft sie Menschen wieder, die sie nach dem Attentat blutüberströmt und staubbedeckt fotografiert hatte. Die indische Stewardess Nidhi Chapekhar ist nach Brüssel gekommen. Die Aufnahme, die Ketevan Kardava unmittelbar nach den Attentaten gemacht hatte, ging um die Welt. Das Wiedersehen lässt die beiden Frauen, trotz der schrecklichen Erinnerungen ein wenig lächeln. Mit dabei ist auch Sebastien Bellin, den Ketevan Kardava am Tag des Anschlags ebenfalls fotografierte. "Die beiden sind meine Helden", sagte sie heute. 

Fluggäste in Zaventem bemerken am Mittwoch von den Anschlägen, außer einer kleinen Gedenkstätte in der Schalterhalle, nichts mehr. Der deutsche Tourist Marvin Bunsch ist auf dem Weg nach Frankreich. Ihm ist ein wenig mulmig zu Mute, sagte er der DW. "Als wir hier ankamen, habe ich gedacht, das ist doch verrückt, wir hätten vor einem Jahr auch hier sein können, weil wir jedes Jahr um diese Zeit von hier aus reisen. Das ist schon ein seltsames Gefühl." Insgesamt aber fühle er sich beim Reisen sicher. Es sei ja doch sehr unwahrscheinlich vom Terror getroffen zu werden.

Angehörigen machen die Folgen zu schaffen

In der Metro-Station in Maelbeek starben vor einem Jahr 16 Menschen. Eine davon war Loubna Lafquiri, Mutter dreier Söhne. Sie fuhr an dem Morgen vor einem Jahr in dem Waggon, in dem der Attentäter die Bombe zündete. Ihr Mann Mohammed El Bachiri ist selbst U-Bahnfahrer, hatte an dem Schicksalstag vor einem Jahr aber frei. Die Familie wohnt in Brüssel-Molenbeek, dem Stadtteil aus dem die meisten Attentäter stammten oder wo sie zum Teil untergetaucht waren. Mohamed El Bachiri hat nach dem Mord an seiner Frau zu einem "Jihad der Liebe" aufgerufen. Sieben Millionen Menschen haben seinen Tweet gesehen. "Das Bild, das man von Muslimen hat, hat sich seit den Anschlägen negativ verändert", beklagt El Bachiri im Gespräch mit der Deutschen Welle. "Das Bild der Muslime in Molenbeek ist sehr negativ." Nicht nur die Attentäter aus Brüssel, sondern auch die Terrorzelle, die in Paris im November 2015 zugeschlagen hatte, verfügte über enge Verbindungen nach Molenbeek. Die Menschen in seinem Viertel, so El Bachiri, wollten eigentlich nur in Frieden leben, wie jeder andere auch.

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Brüssel: Ein Anschlag, der das Leben verändert

In Ansprachen hatten der König der Belgier und Politiker den Opfern und Überlebenden zugesichert, der Staat und die Gesellschaft seien für sie da. Davon ist Thomas Savary nicht überzeugt. Er hatte vor einem Jahr seine Schwiegermutter, Fabienne Vansteenkiste, verloren. Sie arbeitete am Flughafen. Thomas Savary hat eine Opfervereinigung gegründet. "Wir sind vom Staat total allein gelassen worden", sagt er im Interview mit der DW. Seine Familie habe keine Unterstützung erfahren - weder wirtschaftlich noch im rechtlichen Bereich. Auch andere Angehörige beklagen, dass es bis heute nur wenige Familien gibt, die überhaupt eine finanzielle Kompensation erhalten haben.

Die Terrorwarnstufe in Belgien ist auch ein Jahr danach immer noch hoch. Hunderte Soldaten patrouillieren täglich durch die Straßen. Noch immer sind nicht alle Hintermänner und Drahtzieher der Attentate gefasst. Das Wahrzeichen Brüssels, das Maneken Pis, trägt keine Trauerkleidung. Die berühmte Brunnenfigur ist am Mittwoch in eine Feuerwehruniform gekleidet, um an die Anstrengungen der Rettungskräfte nach Anschlägen zu erinnern.

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