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Nahost

Gedenken an Sabra und Schatila

Das Massaker von Sabra und Schatila vor 30 Jahren belastet das Verhältnis von Muslimen und Christen im Libanon. Bis heute ist unbekannt, wie viele palästinensische Flüchtlinge getötet wurden.

Umm Umar hat ihre Geschichte schon oft erzählt. Auch nach 30 Jahren kann die 63-Jährige die Tränen nicht zurückhalten, wenn sie von den Ereignissen im September 1982 spricht. Die Palästinenserin lebte in Bir Hassan, in der Nähe des Palästinenserlagers Schatila. Am Tag des Massakers war sie mit ihrer Familie unterwegs, um ihre Ausweise abstempeln zu lassen. Überall trafen sie auf israelische Soldaten.

"Wir gingen weiter und sahen uns an der Schatila-Kreuzung Soldaten der Forces Libanaises gegenüber. Unsere Nachbarn waren auch bei uns, Palästinenser, Syrer und Libanesen", erinnert sie sich. "Die Soldaten trennten uns von den Männern und sortierten sie nach ihrer Nationalität; Palästinenser und Syrer auf die eine Seite, Libanesen auf die andere."

Frauen und Kinder mussten zum Stadion marschieren. Ihre damals 15 und 19 Jahre alten Söhne und ihren Bruder sah sie danach nie wieder. Niemals wurden ihre Leichen gefunden. Nachfragen beim Internationalen Roten Kreuz und libanesischen Behörden blieben ohne Ergebnis.

An der Wand erschossen

Der Eingang des Palästinenserlagers Schatila im Libanon (Foto: Mona Naggar)

Der Eingang des Palästinenserlagers Schatila im Libanon

Shahira Abudin hat durch das Massaker sieben Familienmitglieder verloren, darunter ihren Vater, ihren Ehemann, den Bruder und die Schwester. Mit ihrem Mann und den Kindern, von denen das jüngste erst zwei Wochen alt war, hatte sie im Zimmer ihrer Tante in Schatila Schutz gesucht. Von draußen hörten sie Schüsse und Geschrei. Irgendwann kamen Soldaten herein, die libanesisch sprachen, erinnert sich Shahira Abudin: "Es waren ungefähr 16 oder 17 Soldaten. Sie trennten die Männer von den Frauen, stellten die Männer an die Wand und erschossen sie mit ihren Kalaschnikows." Frauen und Kinder wurden hinausgetrieben. "Nur der Eingriff eines Offiziers bewahrte uns und die Kinder vor dem Erschießungstod. "

Der kleinen Gruppe wurde befohlen, zum nahegelegenen Stadion zu gehen. Am nächsten Tag wagten sie sich zurück - doch ihr Haus war völlig zerstört.

Das Massaker von Sabra und Schatila geschah während der israelischen Invasion im Libanon im Jahr 1982 und der Besetzung der libanesischen Hauptstadt Beirut. Das Ziel war die Zerschlagung der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) unter Führung von Yassir Arafat, die vom Libanon aus Raketenangriffe gegen Nordisrael verübte. Ende August mussten alle bewaffneten Palästinenser aus der libanesischen Hauptstadt abziehen. Am 14. September fiel der neugewählte libanesische Präsident Bashir Gemayel einem Bombenanschlag zum Opfer. Er war der Anführer der mit Israel verbündeten christlichen Miliz Forces Libanaises. Seine Anhänger beschuldigten die Palästinenser, für das Attentat auf den libanesischen Präsidenten verantwortlich zu sein.

Hohe Bevölkerungsdichte und Armut

Schatila sieht heute aus wie viele andere Palästinenserlager im Libanon. Auf der schmalen Hauptstraße gibt es viele kleine Läden, in denen Kleidung, Haushaltswaren oder Lebensmittel verkauft werden. Mopeds knattern über den Asphalt. Es stinkt nach Müll.

Allein eine kleine eingezäunte Fläche, die am Ende der Hauptstraße von Schatila liegt, erinnert an das Massaker. Auf großen Tafeln sind schwarzweiße Bilder von den Ereignissen vor 30 Jahren abgedruckt: aufgeblähte Leichen am Straßenrand, eine Frau, die verzweifelt die Hände in Richtung Himmel streckt. Kein einziger Name ist zu lesen. Auf einer Steintafel steht auf Arabisch: "Die Märtyrer von Sabra und Schatila". An diesem Ort sind einige der Opfer des Massakers begraben. Shahira Abudins Angehörige liegen auf einem Friedhof in der Nähe.

Kein Hass, aber Angst

Ansicht der Hauptstraße in Schatila (Foto: Mona Naggar)

Die Hauptstraße von Schatila führt zu einem Massengrab

Nicht weit von der Hauptstraße von Schatila wohnt die 53-jährige Abudin - im selben Haus wie zurzeit des Massakers. Die ِchristlichen Teile Beiruts kennt sie nicht: "Während des Bürgerkrieges war die Stadt geteilt. Als der Krieg vorbei war, traute ich mich nicht mehr in die christlichen Gebiete. Ich habe dort nichts zu suchen." Aber hassen könne sie keinen Libanesen, nur weil er Christ sei. "Meine Schwägerin ist Christin und ich liebe sie sehr. Ich habe auch christliche Freunde." Die Hautpverantwortung für das Massaker trage Israel, sagt Shahira Abudin: "Ihre Panzer kontrollierten doch alles um uns herum. Sie standen überall. Das geschah mit ihrem Willen, aber auch mit libanesischer Hilfe."

Die Hoffnung auf Gerechtigkeit haben die Familien der Opfer längst verloren. Im Juni 2001 reichten einige Palästinenser - auch Shahira Abudin und Umm Umar - beim Brüsseler Strafgerichtshof Anklage gegen israelische und libanesische Bürger ein, die sie für das Massaker verantwortlich machten. Sie klagten auch gegen Ariel Scharon, der während des Libanon-Krieges israelischer Verteidigungsminister war. Aber ein Verfahren kam nie zustande, weil belgische Gerichtshöfe befunden haben, dass strafrechtliche Ermittlungen gegen Beschuldigte, die sich nicht in Belgien befinden, unzulässig seien. Im Libanon wurde den Mitgliedern der christlichen Milizen, die am Massaker beteiligt waren, nie der Prozess gemacht.